Schwarze Schafe bremsen Autogas-Branche

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Essen. Die Benzinpreise klettern wieder, doch der Boom bei Autogas-Anlagen bleibt bisher aus. Ein möglicher Grund: 26 Prozent der Autofahrer klagen laut einer ADAC-Umfrage über Probleme nach der Umrüstung. Experten vermuten in vielen Fällen einen unsachgemäßen Umbau der Wagen.

Mit Argusaugen beobachten viele Autofahrer die steigenden Benzinpreise. Nach dem Tief vor einigen Monaten mit dem Liter Super unter einem Euro ist der Preis mittlerweile wieder auf bis zu 1,33 Euro gestiegen. Ein möglicher Ausweg: Die Umrüstung des Wagens auf das günstigere Autogas. Doch der Boom bleibt bisher aus. Ein Grund könnte eine Verunsicherung unter den Verbrauchern sein: Laut einer Umfrage des ADAC unter 5000 Gaskunden hatten 26 Prozent Probleme mit ihrer Autogasanlage – in der Regel mit glimpflichem Ausgang wie ein Ruckeln beim Fahren oder Fehler bei der Tankanzeige. In jedem 25. Schadensfall musste allerdings der Motor oder die Autogasanlage ausgewechselt werden.

Das erklärt sich Autogas-Expertin Gabriele Gärtner vom ADAC-Technikzentrum in Landsberg mit der fehlenden Fachkenntnis einiger Autowerkstätten bei der Umrüstung der Wagen auf Autogas: „Mit dem Boom vor einigen Jahren wollten viele Betriebe ein Stück vom Kuchen haben – ohne richtige Qualifizierung“. Die schwarzen Schafe der Branche sind auch dem selbstständigen Unternehmer Walter Goischke ein Dorn im Auge. 20 Jahre lang hat er mit seiner Gocher Firma „Tartarini Deutschland“ Erdgas- und Flüssiggassysteme vertrieben. „Wir haben die Anlagen nur an zertifizierte Kfz-Betriebe verkauft, deren Mitarbeiter von uns in einem einwöchigen Lehrgang inklusive Prüfung geschult wurden“, so Goischke im Gespräch mit DerWesten. Bei einem „unseriösen Einbau“ der Anlage könne der Motor und insbesondere der Katalysator in Mitleidenschaft gezogen werden.

Eine allgemeine Zertifizierung fehlt

Doch wie erkennt man die faulen Eier unter den Anbietern? Walter Goischke rät Interessenten, sich für die Umrüstung auf Autogas in erster Linie Werkstätten mit langjähriger Erfahrung zu suchen. Denn eine allgemeine Zertifizierung gibt es bisher nicht. Daran arbeitet seit längerem der „Deutsche Verband Flüssiggas“ (DVFG), der 75 Prozent der 5000 deutschen Autogastankstellen mit Flüssiggas beliefert. Auf seiner Internetseite hat der Verband zwar eine Reihe von Werkstätten aufgelistet, die von Ingenieuren ausgebildet und einmal geprüft wurden – eine ständige Zertifizierung gibt es allerdings nicht. „Deshalb haben wir einen Forderungskatalog erstellt, der jetzt vom TÜV Thüringen als Zertifizierungsgrundlage anerkannt wurde“, so DVFG-Geschäftsführer Robert Schneiderbanger. Er geht davon aus, dass in Kürze auch TÜV-Dienstleiter sowie die Kfz-Sachverständigen der Dekra mitziehen und eine Zertifizierung anbieten werden.

Negative Medienberichte haben der Autogas-Industrie Vorwürfe des „Bundesverbandes Freier Gastankstellen“ beschert. Dessen Vorsitzender Peter Ziegler fürchtet Probleme mit den Gasanlagen auf mangelnde Kraftstoffqualität zurück. Auch die Gesundheit von Mitarbeitern in Umrüstbetrieben und der Besitzer von Autogasfahrzeugen sieht er gefährdet. In einem Offenen Brief auf der Internetseite des Verbandes kritisiert er die mutmaßliche Verwendung von polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen – so genannten Weichmachern – im Autogas. Laut Ziegler habe man in Autogasproben große Mengen eines gesundheitsschädlichen Stoffes gefunden – dieser könne zu Hautentzündungen und Hornhautschäden führen sowie die Atemwege, Augen und den Verdauungstrakt reizen. Die Besitzer von Autogasfahrzeugen würden bei der Betankung durch das Lösen der Tankpistole über die Haut und die Atemwege den Weichmacher aufnehmen. Auch Kfz-Mechaniker seien beim Lösen von Verbindungen und Schläuchen betroffen.

Keine Weichmacher in Proben gefunden

Von derartigen Problemen ist ADAC-Autogas-Expertin Gabriele Gärtner nichts bekannt: „Es gibt eine Gassicherheitsprüfung, und da hat es bisher keine Reklamationen gegeben“. „Die Vorwürfe von Herrn Ziegler sind völliger Quatsch“, schimpft DVFG-Geschäftsführer Robert Schneiderbanger. Das deutsche Flüssiggas entspreche allen Qualitätsanforderungen. „Wenn es tatsächlich zu gesundheitlichen Problemen oder zu reihenweisen Ausfällen der Motoren durch schlechtes Autogas gekommen wäre, dann wüssten wir davon“, so Schneiderbanger. Die Qualitäts-Norm für Autogas sei vom Deutschen Institut für Normung bestätigt worden. Die dem DVFG angeschlossenen Tankstellen werden mit Flüssiggas aus deutschen Raffinerien oder über Nordsee-Terminals in Deutschland und Holland bezogen, wo es umfangreiche Analysen gebe. „In den kontinuierlich gezogenen Proben wurden in keinem Fall sogenannte Weichmacher festgestellt“, heißt es in einem Statement des Verbandes. „Natürlich wissen wir nicht, woher die anderen 25 Prozent der Gastankstellen – vor allem im grenznahen Gebiet – ihr Autogas beziehen, aber die sägen sich doch nicht den Ast ab, auf dem sie sitzen“, betont Schneiderbanger.

Trotz der Debatte blickt die Autogas-Industrie positiv in die Zukunft. „Immer mehr Hersteller bieten die Ausrüstung mit einer Erdgasanlage schon beim Werkskauf an“, sagt Schneiderbanger. So würden sich laut ADAC-Umfrage 98 Prozent der Autogas-Nutzer auch in Zukunft für Autogas entscheiden. „Eine Umrüstung kostet aktuell rund 2500 Euro“, so Walter Goischke. Der Mehrverbrauch des Motors liege bei 15 bis 20 Prozent. „Allerdings ist durch den steigenden Benzinpreis die Differenz zu einem Liter Autogas wieder auf mehr als 70 Cent angewachsen“, erklärt Goischke. Sobald der Liter Super die 1,40 Euro-Marke erreiche rechnet der Experte mit einem erneuten Boom: „Dann ist in der Branche wieder die Hölle los.“

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