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Schuster, bleib bei deinen Leisten

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Foto: Heiko Sakurai

Finanzgeschäfte mit dem Nichts haben die Weltwirtschaft in die Krise geführt. Gut, dass es noch Wertarbeit gibt. Ein Essay zum Auftakt einer neuen Serie über „Handarbeit in NRW“.

Dirk Müller ist ein kluger Mann. Einem Millionen-Publikum als Börsen-Sachverständiger bekannt, wird „Mister Dax“ von Fernsehsendern gerne zu den Absonderlichkeiten des Ge­schehens auf den Fi­nanz­märkten befragt, und als solcher hatte er unlängst eine hübsche Erklärung für das Phänomen der Kreditausfallversicherungen. „Stellen Sie sich vor“, meinte

Herr

Müller, „Sie besitzen ein Haus, und fünf Ihrer Nachbarn schließen eine Feuerversicherung für Ihr Haus ab.“ Es gibt angenehmere Gedanken als darüber zu sinnieren, warum die Nachbarn auf die Wahrscheinlichkeit wetten, dass einem das Haus abbrennt.

Genauso verhält es sich bei den Kreditausfallversicherungen auf Staatsanleihen (CDS), die es zuletzt in der Griechenland-Krise zu zweifelhafter Berühmtheit brachten. Nur, dass hier nicht Nachbarn zu Werke gehen, sondern Hedge-Fonds oder Banken, die zwar keine griechischen Schuldverschreibungen besaßen, gleichwohl fleißig mit den Versicherungen spekulierten. Was wiederum enormen Einfluss auf die Höhe der Zinsen hat, die Griechenland bezahlen muss.

Wer sagt, welches Zertifikat ein gutes oder böses Finanzinstrument ist?

Die Finanzbranche ist erfindungsreich. Das Geschäft mit dem Nichts fängt an bei dem Verkauf von Aktien, die man gar nicht besitzt, und geht über die Ausfallversicherungen hin zu einer Vielzahl von Derivaten. Das sind von echten Werten abgeleitete Finanzprodukte, wie etwa das Recht, zu einem bestimmten Zeitpunkt Aktien erwerben zu können. In der mathematisch vierten oder fünften Ableitung ist es freilich nicht mehr

ganz

leicht, den echten Wert hinter solchen Konstrukten zu erkennen

(siehe Text unten)

.

Völlig losgelöst von Werten und Produkten hat sich ein gigantisches Welt-Casino entwickelt, Heimstatt für Zocker großen Stils, für Banken, die ihre Renditen vor allem im Eigenhandel mit Wertpapieren verdienen, nicht mehr mit dem eigentlichen Geschäft Geld gegen Zinsen auszuleihen. Und nichts, jedenfalls nichts Wesentliches hat sich trotz aller Weltgipfelei daran geändert. Die internationale Politik ist schlicht nicht willens oder stark genug, etwas zu ändern. Zugegeben: Es ist auch nicht ganz leicht. Wer sagt denn, welches Versicherungszertifikat ein gutes oder böses Finanzinstrument ist?

Das „Finanzmonster“ (so nannte es Horst Köhler) ist quietschfidel. Der Wert der gehandelten Derivate beträgt mit 614 Billionen Dollar etwa das Zehnfache der Weltwirtschaftsleistung von 61,7 Billionen Dollar. Vor acht Jahren war es erst das Fünffache. Wo führt das hin, was hat diese virtuelle Finanzökonomie noch mit Marktwirtschaft, dem Erstellen von Gütern und Dienstleistungen zu tun?

„Wir sollten ein neues Bewusstsein für den Wert der Arbeit entwickeln“

„Im Prinzip will jeder reich werden, und im Prinzip will jeder mit einem Minimum an persönlichem Aufwand reich werden. Man dachte, das geht am schnellsten mit Geldgeschäften. Diese Mentalität hat sich viel zu breit gemacht. Wenn wir ein neues Bewusstsein für den Wert des Geldes haben wollen, dann sollten wir ein neues Bewusstsein für den Wert der Arbeit entwickeln.“ So formulierte es der frühere Bundespräsident Horst Köhler und trifft damit den Kern.

Womöglich braucht die Marktwirtschaft eine erneuerte gesellschaftspolitische, ja philosophische Basis. Eine, die über reines Renditedenken hinausreicht. Was wäre, wenn sich die Spekulation gar nicht wegregulieren ließe, da sie nur Symptom ist, nicht Ursache?

Der Gedanke beinhaltet eine schlechte und eine gute Nachricht. Die schlechte: Es ist sehr viel anstrengender, über sich selbst und seine Gier nachzudenken, als darauf zu hoffen, die Politik werde ir­gendwie das Rendite-Monster zähmen. Die gute Nachricht: Die Väter der sozialen Marktwirtschaft haben ein wenig vorgedacht. Wilhelm Röpke (Jenseits von Angebot und Nachfrage) etwa, der das Wirtschaftliche als Teil, aber nicht als Grundlage des Gemeinwesens begriff. Auch moralische Aspekte, der Wert der Arbeit spielen eine Rolle.

„Die Selbstheilungskräfte in möglichst kleinen Einheiten reaktivieren“

Rahim Taghizadegan, Leiter des Instituts für Wertewirtschaft in Wien, sagt, was Röpke empfehlen würde: „Die Selbstheilungskräfte in möglichst kleinen Einheiten reaktivieren“. Und: „Das Handwerk könnte Prototyp einer Entwicklung sein.“

Wohl wahr.

Kleine Betriebe, die auf Eigenkapital basieren, die aus Werten Werte schaffen, die ih­rer Verantwortung für die Ge­sellschaft vor Ort gerecht werden. Nirgendwo ist größeres ehrenamtliches Engagement zu finden als in Handwerk und Mittelstand. Nicht Job, um ir­gendwie seine Brötchen zu verdienen, sondern Berufung.

„Arbeit als Werk ist ein Zweck für sich“, sagt Taghizadegan. „Im Beruf liegt ein Zweck an und für sich, ein Zweck unserer Existenz, auf besondere Weise anderen Menschen dienen zu können.“

So schön

(und einfach)

kann Wirtschaft sein. Grund genug für uns, diesen Sommer Zocker Zocker sein zu lassen. Schuster, bleib bei Deinen Leisten. In unserer losen Sommerserie „Handarbeit im Ruhrgebiet“ stellen wir Unternehmer und Unternehmen vor, die mit ehrlicher (Hand-) Arbeit echtes Geld verdienen. Lesen Sie morgen

über

die Ge­schichte von

Oliver Sassen aus Dortmund, der das Schuhmacher-Handwerk von seinem Vater gelernt hat.