Rückgrat Mittelstand

Mittelstandspolitik, Existenzgründungen, Dienstleistungen – damit befasst sich die Gründerwoche Deutschland. Wir fragten Mario Ohoven, Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW), wo dem Mittelstand der Schuh drückt und warum es sich lohnt, bei einem mittelständischen Unternehmen anzuheuern.

Womit beschäftigt sich Ihre neu geschaffene Bundeskommission „Arbeit und Soziales“?

Mario Ohoven: Die neue Kommission hat bei ihrer Arbeit eine ganz klare Stoßrichtung. Es sollen Ideen und mittelstandsgerechte Vorschläge zur Förderung der Beschäftigung erarbeitet werden. Wir können hier in erster Linie auf die Kompetenz der Unternehmer, die per se Arbeitsmarktexperten sind, aber auch auf unsere wissenschaftlichen Referenten zurückgreifen. Im Kern muss es darum gehen, den Arbeitskräftebedarf der Unternehmen mit den Trägern von Bildung und Weiterbildung besser zu abzustimmen. Der Mittelstand stellt ja verlässlich über 70 Prozent der Arbeitsplätze und acht von zehn Ausbildungsplätzen zur Verfügung. Die Schulen und Hochschulen dürfen nicht länger am Arbeitsmarkt vorbei ausbilden. Ein reibungsloser Informationsfluss auf einem transparenten Arbeitsmarkt ist wichtig, zur Bekämpfung struktureller Arbeitslosigkeit.

Welche neuen Wege müssen angesichts des schon teilweise herrschenden Fachkräftemangels gegangen werden?

Mario Ohoven: Deutschland benötigt ein tragfähiges Zuwanderungskonzept. Das macht allein schon der demografische Wandel unverzichtbar. Wir sollten hier von Ländern lernen, die seit Jahren erfolgreiche Migrationspolitik betreiben und ihren Arbeitsmarkt regelmäßig mit Arbeitskräften „von außen“ beleben.

Mit schwebt ein Zuwanderungsmodell nach kanadischem Vorbild vor. Der heimische Arbeitskräftebedarf sollte auf der Basis klar definierter Kriterien und Prüfgrößen nach einem Punktesystem mit Anfragen aus dem Ausland zusammengebracht werden.

Außerdem gilt es Weiterbildungsinitiativen dringend zu fördern. Ein Beispiel, wie unser Verband mit gutem Beispiel voran geht, sind Arbeitgeberzusammenschlüsse nach französischem Vorbild. Wir setzen uns für dieses Modell ein, weil es Fachkräfte an die Betriebe bindet. Im Prinzip „teilen“ sich mehrere kleine Unternehmen ihre hoch qualifizierten Mitarbeiter. In Frankreich funktioniert das inzwischen bei zehn Tausenden Betrieben reibungslos.

Deutschland muss zu einer zur Bildungs- und Wissensgesellschaft werden. Nur so können wir im globalen Wettbewerb bestehen. Das Problem des Fachkräftemangels kann auf Dauer erfolgreich nur aus der Gesellschaft selbst heraus gelöst werden.

Warum lohnt es sich, bei einem mittelständischen Unternehmen zu arbeiten?

Mario Ohoven: Mittelständische Unternehmen zeichnen sich durch ihre flachen Hierarchien aus. Mitarbeiter lernen unbürokratisches und flexibles Denken und Arbeiten kennen und wachsen daran. Zudem können sie schneller als in einem Großbetrieb Verantwortung übernehmen und möglicherweise einmal im Rahmen der Unternehmensnachfolge den Betrieb übernehmen.

In den Betrieben herrscht eine fast familiäre Atmosphäre. Das unterscheidet sie von der Anonymität eines Konzerns. Jeder muss sich in das soziale Gefüge eines Betriebs einbringen und erfährt persönliche Bestätigung im Erfolgsfalle wesentlich intensiver.

Zur Vorsorge gehört auch ein geordneter Übergang – wie groß ist das Problem der Unternehmensnachfolge wirklich?

Mario Ohoven: Das Problem ist enorm. Wir rechnen im Mittelstand in den nächsten fünf Jahren mit über 110 000 Unternehmensübergaben. Es besteht die Gefahr, dass eine übergroße Anzahl wettbewerbsfähiger Betriebe, die hervorragend in ihren Märkten positioniert sind, mangels Nachfolger aus dem Markt ausscheiden. Daran hängen hundert Tausende Arbeitsplätze.

Wie hilft der BMWV beim Problem Unternehmensnachfolge?

Mario Ohoven: Der BVMW bietet sich als Vermittlungsplattform an. Wir helfen bereits heute aktiv bei der Suche nach Investoren im In- und Ausland. Ich kann nur dazu aufrufen, unseren Verband als Mittelstandsnetzwerk zu nutzen. Genau hier liegen unsere Kompetenzen.

 
 

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