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Ralf Kersting: „NRW braucht wieder eine Idee“

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Rundgang durch die Firma Olsberg im Sauerland. Die Firma produziert für namhafte Firmen Gußteile und Formen. Firmenchef Ralf Kersting. Foto:Ralf Rottmann / WAZ FotoPool Foto: Ralf Rottmann
Seit zwei Jahren führt der Unternehmer Ralf Kersting (50) aus Olsberg die Industrie- und Handelskammern (IHK) in NRW, die Dachorganisation der 16 Kammerbezirke. Wir sprachen mit ihm über Wege aus dem Nullwachstum und die steigende Bedeutung der Kreativszene für den Mittelstand.

Düsseldorf/Olsberg. 

Sie sind Präsident der Industrie- und Handelskammern und führen selbst ein mittelständisches Familienunternehmen. Wie oft werden Sie auf das Nullwachstum in NRW angesprochen?

Ralf Kersting: Leider viel zu oft. Platz 16 unter allen Bundesländern und 0,0 Prozent Wachstum im vergangenen Jahr – das bekümmert mich auch ganz persönlich. Natürlich kommen da viele aus dem gesamten Bundesgebiet, die wissen wollen, was bei uns in Nordrhein-Westfalen eigentlich los ist.

Ist die Wachstumsmisere denn wirklich hausgemacht?

Es gibt sicher ein Bündel von Ursachen, aber zwei wesentliche Faktoren können in Düsseldorf sehr wohl beeinflusst werden: Wir brauchen wieder eine Idee, ein Ziel, wo wir als Wirtschaftsstandort hinwollen: einen Masterplan für NRW. Und wir brauchen Wertschätzung für Unternehmergeist.

Wo spüren Sie fehlende Wertschätzung?

Die Denkrichtung der Landes­regierung bei Regelungen wie dem Klimaschutzplan, dem Landes­wassergesetz, dem Landesnaturschutzgesetz oder dem Landesentwicklungsplan macht es den Unternehmen nicht einfach, erfolgreich zu sein. Es wäre schon ein positives Signal, wenn Vorgaben aus Brüssel und Berlin in NRW einfach nur eins zu eins umgesetzt würden.

Der Landesentwicklungsplan ist doch im Sinne der Wirtschaft nachgebessert worden.

Seit sechs Jahren wird darum gerungen, beim Landesentwicklungsplan die größten Hürden für die Wirtschaft aus dem Weg zu räumen. Nur 2,2 Prozent der gesamten Landesfläche werden vom Gewerbe beansprucht, Tendenz rückläufig. Doch statt denen, die Arbeitsplätze und Wachstum schaffen, Entwicklungsmöglichkeiten zu bieten, mussten wir lange darüber diskutieren, ob man einem expansionswilligen Betrieb etwa aus dem Sauerland eine Brachfläche in Bochum zuweisen sollte. Das ist für mich nicht mehr nachvollziehbar. Die Unternehmen brauchen eine passgenaue Strategie der Flächenzuweisung. Dabei geht es nicht um immer mehr, sondern die richtigen Flächen am richtigen Standort.

Was halten Sie von den „industriepolitischen Leitlinien“, die Wirtschaftsminister Duin gerade vorgelegt hat?

Die industriepolitischen Leitlinien zielen in die richtige Richtung. Schade, dass sie erst zum Ende der Legislaturperiode verfasst wurden. Daraus müssen von der Landesregierung daher jetzt schnell konkrete Maßnahmen abgeleitet werden.

Wirtschaftsminister Duin fördert digitale „Hubs“, Entwicklungszentren für junge Kreative. Ein richtiger Ansatz?

Bei den digitalen Hubs hat der Wirtschaftsminister unsere volle Unterstützung. Hier zeigt sich, dass man auf Landesebene sehr wohl etwas bewegen kann. Innerhalb kürzester Zeit ist es Nordrhein-Westfalen gelungen, zur Nummer zwei hinter Berlin bei ­digitalen Startups zu werden. Es ist wichtig, diese kreative Szene zu fördern, mit den Universitäten zu vernetzen und sie mit dem Mit­telstand in Kontakt zu bringen. ­Viele Unternehmer haben inzwischen verstanden, dass wir die sogenannten Nerds, die anders aus­sehen und eine andere Sprache sprechen als wir, als Arbeitnehmer gewinnen müssen, ohne sie aus ihren kreativen Zirkeln herauszureißen.