Zeche Ewald 1/2/7

Strukturwandel, knallbunt und zukunftsorientiert.

Herten.. Gar nicht so einfach: Was verbindet die größte Haldenlandschaft Europas mit der Formel 1? Schließlich ähnelt Herten nicht unbedingt Monte Carlo, die Zeche Ewald ist kein Refugium der Schönen und der Reichen und bei der Halde Hoheward drängt sich nicht der Vergleich mit dem berühmten Stadtkurs auf. Es ist Weltmeister Sebastian Vettel, der die scheinbar unvereinbaren Gegensätze unter einen Hut bringt. Im Sommer 2013 brettert er mit einer feuerroten Seifenkiste die Hoheward-Piste hinunter, und 55.000 Zuschauer haben ihren Spaß beim Red Bull Seifenkistenrennen.

Vor Sebastian Vettel war schon Udo Lindenberg da. Er zeigte sich von Christian Stratmanns RevuePalast Ruhr begeistert („echt geil hier“), der seit 2009 in der alten Heizzentrale residiert. Und er hatte auch den passenden Song für eine Region im Umbruch parat: „Hinterm Horizont geht’s weiter“, was sonst. Dass die Zeche nach dem Aus im Jahr 2000 nicht zur „verbotenen Stadt“ wurde, dafür sorgte auch die „Extraschicht“, ein gigantisches Kulturfestival im Revier, mit Ewald als fester Größe. Und auch das Fernsehen hat bereits den Unterhaltungswert von Ewald entdeckt. In der Untertagebar des Revue-Palastes bittet ARD-Sportmoderator Alexander Bommes prominente Gäste in den Sportschau-Club.

Beliebter Platz für Radfahrer

Auch Ludger Spickermann ist einer von den Pionieren auf Ewald, die immer an den Standort geglaubt und viel Geld in die Hand genommen haben, um dort zu investieren: „Eine halbe Mille ist da schon über den Tisch gegangen“, sagt der Altbäckermeister, angesprochen auf die Investitionssumme, die sein Sohn Ulrich in den wunderschönen Pavillon auf dem Gelände der ehemaligen Zeche Ewald gesteckt hat. Das Prachtstück, das 2009 erbaut wurde, ist heute einer der Hauptanziehungspunkte auf Ewald. Bei schönem Wetter besetzen oftmals schon vormittags zig Radfahrer die rund 100 Plätze innen und die 140 Plätze im Außenbereich.

Nach der Schließung der Zeche Ewald entstand ein breites Spektrum, bei dem Showbusiness und Industriekultur auf der einen und Logistik, Handwerk und Hightech auf der anderen Seite eine reizvolle Symbiose eingehen. 1246 neue Arbeitsplätze wurden in den 13 Jahren nach Stilllegung geschaffen, 76 Prozent aller Flächen sind vermarktet.

Dabei profitiert man noch heute davon, dass die Verantwortlichen schon 1997 damit begannen, Pläne für die Zeit nach der Stilllegung zu entwickeln, die dann sofort umgesetzt werden konnten. Besondere Bedeutung kommt der „Projektgemeinschaft Ewald“ zu, die 1999 von der ehemaligen Montan-Grundstücksgesellschaft mbH (MGG), dem Vorgänger der heutigen RAG Montan Immobilien GmbH, und der Stadt Herten gegründet wurde.

Gelungene Gestaltung sorgt für Erfolg

Ausschlaggebend für den Erfolg des Projekts ist sicher die gelungene Gestaltung der Fläche, die sich an den Entwurf der Architekten Cino Zucchi aus Mailand, Martin Halfmann aus Köln und des Hamburgers Peter Köster aus dem Jahr 2002 anlehnt. Hervorstechendes Element ist die „historische Schicht“ mit denkmalgeschützten Zechengebäuden wie der Schwarzkaue, der Heizzentrale und den alten Schachtgerüsten, die den Charme des Geländes ausmachen und als „Leuchttürme“ dienen. Über Plätze und Wege ist dieser Bereich mit der neuen Ewaldpromenade verbunden, die von Süd nach Nord parallel zum sogenannten Blauen Band verläuft, einem künstlichen Entwässerungskanal.

Er bildet zugleich die symbolische Grenze zwischen dem alten Zechenkern im Westen und den neuen Verwaltungs- und Dienstleistungsflächen im Osten. Als Marktplatz und öffentliches Zentrum war das große Rechteck zwischen Malakowturm und den Gebäuden von Schacht 7 vorgesehen. Zugleich wies das Blaue Band auch Fußgängern und Radfahrern den Weg zu den Halden. So konnte der 750 Hektar große Landschaftspark Hoheward in die Entwicklung des Zukunftsstandortes Ewald eingebunden werden.

Alle guten und ambitionierten Pläne für die Umgestaltung eines alten Zechengeländes nutzen wenig, wenn sich keine Pioniere finden. Menschen mit Tatkraft, die bereit sind, sich dort zu engagieren und dafür eben auch viel Geld in die Hand zu nehmen. Ein weiterer davon ist der Bochumer Sanierungsspezialist Ernst-August Hannes.

Stadt freutsich über Investoren

Die Stadt Herten und der Flächenentwickler MGG waren naturgemäß hocherfreut über einen Investor wie Hannes, der die Verwaltung und die Sheddachhalle, die Betriebs- und die Elektrowerkstatt erwarb, um sie mit eigenen Leuten fit für die Zukunft zu machen, und der dabei ein Faible für Vergangenes entwickelte, das vor der Vergänglichkeit bewahrt werden soll. Über 5 000 Quadratmeter verfügt die Firma inzwischen auf Ewald. Zugleich bereitete der Pionier den Weg für weitere Ansiedlungen. So sanierte er die denkmalgeschützte Verwaltung der Zeche und vermietete sie an das IT-Unternehmen PROSOZ, das sich mit 270 Mitarbeitern und 120 freien Trainern um die Belange von über 1400 Städten und Kreisen kümmert.

Ein weiteres Hightech-Flaggschiff auf Ewald ist die ISRA Vision AG, deren Tochter ISRA Surface VISION GmbH führend auf dem Gebiet der Oberflächeninspektion ist, die blitzschnell mithilfe von Robotern erfolgt. Ein weiterer Baustein in der Entwicklung war die Ansiedlung des Wasserstoff-Kompetenzzentrums auf Ewald.

Last but not least: die Logistik. Im hinteren Teil des Ewald-Geländes, auf insgesamt fast

180.000 Quadratmetern, ist ein Logistik-Cluster entstanden, das Strahlkraft für das ganze Ruhrgebiet hat. Begünstigt durch die Nähe zur Autobahn A2 rollen nahezu ständig schwere Lkw über die Industrieallee zu den riesigen Hallen der verschiedenen Firmen. Neben dem weltweit führenden Logistiker ProLogis Germany Management GmbH haben sich dort der Ersatzteildienstleister Panopa und der Fachgroßhandel für Bau- und Industriebedarf HTI Collin & Schulten KG mit ihren hochmodernen Logistikzentren angesiedelt. So konnte das 1999 gegebene Versprechen, 1000 neue Arbeitsplätze auf dem ehemaligen Zechengelände zu schaffen, schon 2008 eingelöst werden.

 
 

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