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Voller Einsatz, klare Strategie

Nach fünf Jahren als RAG-Vize wurde Peter Schrimpf Ende Mai zum Vorstandsvorsitzenden des Kohlekonzerns berufen. Die „Steinkohle” sprach mit dem Bergbauingenieur über die Bedeutung von Werten und Tugenden, den Abschied vom deutschen Steinkohlenbergbau und die Zukunft des Unternehmens.

Essen.. Herr Schrimpf, Sie stammen aus einer Bergarbeiterfamilie und stehen seit mehr als drei Jahrzehnten im Dienst der RAG. Was bedeutet das Jahr 2018 für Sie?

Peter Schrimpf: 2018 ist für mich wie für die gesamte RAG ein ganz besonderes Jahr. Wir befinden uns kurz vor dem Ende der Produktion im deutschen Steinkohlenbergbau. Die Strecken und Strebe leeren sich mehr und mehr, im Dezember stellen wir die Hacke an den Stoß. Das ist ein Schritt, der uns alle mit großer Wehmut erfüllt. Dass die Förderräder einmal endgültig stillstehen, hat sich kein Bergmann gewünscht. Das war ein politischer Beschluss. Aber jeder Mitarbeiter ist diesen steinigen Weg mitgegangen, der uns alles abverlangt hat.

Inwiefern?

Schrimpf: Der Auslaufprozess ist kein Selbstläufer, sondern ein Kraftakt. Jeder – ob Mitarbeiter, Führungskraft oder Betriebsrat – muss an seine Schmerzgrenze gehen, damit wir die Vorgaben des Steinkohlefinanzierungsgesetzes erfüllen können. Trotzdem zeigt jeder vollen Einsatz. Leistung und Motivation bewegen sich auf einem sehr hohen Niveau. Gemeinsam senden wir ein deutliches Signal: Wir beenden den heimischen Bergbau erhobenen Hauptes, mit Stolz und Würde und stehen zuverlässig zu den getroffenen Vereinbarungen. Der Handschlag des Bergmanns gilt ohne Wenn und Aber.

Sie sprechen von Kraftakt und Schmerzgrenzen. Was meinen Sie damit?

Schrimpf: Um die Sozialverträglichkeit im deutschen Steinkohlenbergbau zu wahren, musste unsere Belegschaft schwere Lasten schultern. Rund 85.000 Mitarbeiter nahmen in den vergangenen 20 Jahren Abschied vom Bergbau. Der Personalabbau erfolgte aber bei weitem nicht nur über unsere bergbauspezifischen Vorruhestandregelungen. Vielmehr konnten wir viele Bergleute über Qualifizierungen und Umschulungen direkt von Arbeit in Arbeit vermitteln. Ein Vorgang, der seinesgleichen sucht und auf den wir gemeinsam zu Recht stolz sein können. Eine ebenso herausragende Leistung hat unsere Mannschaft auch in anderer Hinsicht vollbracht. Trotz des personellen Aderlasses und des damit verbundenen Know-­how­Verlusts gelang es der RAG seit 2007 immer, ihre Produktions­-, Absatz- und Kostenziele zu erfüllen.

Worauf beruht diese außergewöhnliche Leistung?

Schrimpf: Für den Erfolg zeichnen viele Faktoren verantwortlich. Vor allem aber ist er eine klare Frage der Strategie. Das Unternehmen muss immer die richtigen Antworten auf die jeweiligen wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen finden. 2007 war das die „Strategie 2012“. Nach dem Prinzip „Wir sind ein Bergwerk“ haben wir unsere Strukturen gestrafft, die Effizienz der Prozesse gesteigert, die Personalsteuerung flexibilisiert und unser gesamtes Handeln auf ein Gesamtoptimum ausgerichtet. Ein weiterer Erfolgsfaktor war die „Strategie 2020“, die nach dem Wegfall der Revisionsklausel zum Tragen kam. In zehn Handlungsfeldern haben wir unsere Ziele definiert und Umsetzungswege festgelegt, um den Auslaufprozess abzusichern und der RAG darüber hinaus eine Zukunft zu geben. Lean Processing und AGU haben hierbei immer eine zentrale Rolle gespielt.

Strategien zu entwickeln ist die eine Sache, sie erfolgreich umzusetzen eine andere.

Schrimpf: Im Kern geht es hierbei – wie an vielen anderen Stellen auch – um Verantwortung, Verlässlichkeit und Vertrauen. Wer von seinen Mitarbeitern verlangt, ständig über sich hinauszuwachsen, der muss mit offenen Karten spielen. Deshalb binden wir unsere Mitarbeiter immer eng in die Strategieplanung und deren Umsetzung ein. Jeder weiß, warum das Unternehmen wie handeln muss, um die Ziele zu erreichen. Diese Transparenz wirkt sich ungemein auf die Akzeptanz sowie auf die Motivation und den Einsatz aus. Ebenso unverzichtbar für den Erfolg ist die Montanmitbestimmung. Trotz bisweilen unterschiedlicher Meinungen gelingt es uns immer, Lösungen zu finden, die alle Parteien mittragen können. Ohne die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Betriebsräten und der IG BCE hätten wir viele Ziele niemals erreichen können.

Lassen Sie uns den Blick auf die jüngsten Entwicklungen im Bergbau richten. Hier kam es im Mai zu Wechseln in den Vorständen der RAG und der RAG-Stiftung

Schrimpf: Dass Dr. Werner Müller sein Amt als Vorstandsvorsitzender der RAG­-Stiftung gesundheitsbedingt niederlegen musste, hat uns alle sehr bewegt. Er ist einer der großen Lenker im Land mit einem besonderen politischen Gespür. Ohne ihn hätte es das Stiftungsmodell in dieser Form nicht gegeben. Mit Bernd Tönjes als Nachfolger steht ein ausgewiesener Kenner des Bergbaus, des Ruhrgebiets und der hiesigen Wirtschaft an der Stiftungsspitze. Ich bin davon überzeugt, dass Stiftung und RAG auch künftig gut zusammenarbeiten.

Sie selbst wurden vom stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden zum RAG-Chef berufen. Setzen Sie auf Kontinuität oder Wandel?

Schrimpf: Das eine schließt das andere nicht aus. In den vergangenen Jahren haben wir vieles richtig gemacht. Sonst wäre die RAG kaum bis 2018 gekommen. Und deshalb werden wir das, was uns stark gemacht hat, auch weiterhin mit Leben füllen. Aber wir können nicht alle Entwicklungen und Errungenschaften bewahren, die der deutsche Steinkohlenbergbau hervorgebracht hat. Demnächst sind wir kein Großkonzern mehr, sondern ein sehr viel kleineres, „normales“ Unternehmen, das in jeglicher Hinsicht schnell und flexibel auf Herausforderungen reagieren muss. Dennoch wird der Mensch weiterhin im Mittelpunkt stehen. Nur mit einer hoch motivierten und qualifizierten Mannschaft können wir auch künftig unsere Ziele erreichen.

Eine kurze Bestandsaufnahme: Wie steht es im Auslaufjahr um die RAG?

Schrimpf: Insgesamt befinden wir uns auf einem guten Weg und erfüllen auch im letzten Jahr alle Vorgaben. Produktion und Absatz stimmen. Aktuell liegt die Förderung 400.000 Tonnen über Plan, die Produktion hat RAG Verkauf bereits am Markt abgesetzt. Auch die Personalanpassung schreitet wie vorgesehen voran. Zu Jahresbeginn belief sich die Belegschafsstärke im Bergbau noch auf etwa 4800 Mitarbeiter. Ende 2018 werden es rund 3500 sein. Und die Unfallzahlen bewegen sich weiterhin auf einem sehr niedrigen Niveau.

Wenn im letzten Auslaufjahr die schwarze Null steht, heißt das ...

Schrimpf:... dass wir uns dennoch nicht entspannt zurücklehnen dürfen. Denn auch nach der Stilllegung der Bergwerke Prosper­-Haniel und Ibbenbüren warten noch große Herausforderungen auf uns. Im Fokus stehen besonders die Transformation der RAG, der sozialverträgliche Personalabbau, die Umsetzung unserer Grubenwasserkonzepte sowie der Arbeits-­, Gesundheits­- und Umweltschutz. Und besonders wichtig: die Kostendisziplin. Unserem finanziellen Spielraum sind in der Rückzugs­ und Ewigkeitsphase äußerst enge Grenzen gesetzt. Wir müssen unbedingt mit den Mitteln auskommen, die uns zur Verfügung stehen. Wir müssen sparen, wo es geht, und unsere Prozesse weiterhin effizient gestalten. Auch hier gilt: Wir werden uns verlässlich an Verträge und Absprachen halten.

Lassen Sie uns genauer auf einige Aspekte blicken. Wie geht es mit dem Personalabbau weiter?

Schrimpf: Bisher ist es uns mit unserem Sozialpartner IG BCE gelungen, den sozialverträglichen Personalabbau ohne betriebsbedingte Kündigungen durchzuführen. Wir stehen auch weiterhin zu unserer Verantwortung gegenüber unseren Mitarbeitern – auch gegenüber denjenigen mit befristeten Arbeitsverträgen. Wer Hilfe benötigt, einen neuen Arbeitsplatz außerhalb des Bergbaus zu finden, den unterstützen wir. Die Maxime lautet: Niemand fällt ins Bergfreie. Aber wir können nur Mitarbeitern helfen, die sich auch helfen lassen wollen. Wer unsere Angebote nicht annimmt, der entscheidet sich persönlich anders.

Welche Bedeutung besitzt der Arbeits- und Gesundheitsschutz in der Nachbergbauzeit?

Schrimpf: Fortschritt und Entwicklung haben bei der RAG eine lange Tradition. Das zeigt sich auch in unserer Geschichte des Arbeitsschutzes. Dort haben wir herausragende Leistungen erzielt. Waren es zu Anfang der 1970er Jahre 115 meldepflichtige Unfälle je eine Million Arbeitsstunden, sank die UKZ im Auslaufprozess auf einen historischen Bestwert von 2,3. Und das trotz aller Herausforderungen. Auch künftig sollen unsere Beschäftigten gesund nach Hause kommen. Die RAG braucht eine leistungsfähige Mannschaft. Deshalb führen wir unsere Anstrengungen im Arbeits-­ und Gesundheitsschutz fort. Mit vollem Einsatz, klarem Blick und wachem Verstand.

Im Blick der Öffentlichkeit steht aktuell besonders das Grubenwasserkonzept. Welche Anstrengungen unternimmt die RAG hierbei?

Schrimpf: Der Schutz von Mensch und Natur genießt im deutschen Steinkohlenbergbau höchste Priorität. Gemeinsam mit unabhängigen Wissenschaftlern vom „Forum Bergbau und Wasser“ begleiten wir die Erforschung von Chancen und Risiken des Grubenwasseranstiegs. Und nur wenn wir fest davon überzeugt sind, dass unsere Vorhaben sicher sind, setzen wir diese auch um. Wir müssen aber auch zur Kenntnis nehmen, dass sich die öffentliche Sensibilität geändert hat. In diesem Sinne müssen wir noch intensiver um Vertrauen werben und uns der Sorgen der Menschen im Dialog annehmen.

Wird die RAG all ihre Herausforderungen stemmen?

Schrimpf: Davon bin ich fest überzeugt. Denn wir haben nicht nur eine sehr gute Mannschaft, sondern die beste, die man sich wünschen kann: hoch qualifiziert, hoch motiviert und voller Ideen. Solange wir uns auf den Kern unserer Identität besinnen, den Menschen weiterhin in den Mittelpunkt stellen sowie Vertrauen und Verlässlichkeit die Richtschnur unseres Handelns bilden, werden wir alle Herausforderungen stemmen.

Mi, 19.09.2018, 16.32 Uhr

Öffentlichkeitsfahndungen: Annika Koenig, Sprecherin der Polizei Essen, erklärt unter welchen Umständen die Polizei sich bei der Suche nach Tatverdächtigen oder Vermissten an die Bürger wendet.