THGA macht junge Ingenieure fit für die Zukunft

Das Forschungszentrum Nachbergbau ist weltweit einzigartig. Es beschäftigt sich mit Bergwerkschließungen, Nachsorgemaßnahmen und Folgenutzungen.
Das Forschungszentrum Nachbergbau ist weltweit einzigartig. Es beschäftigt sich mit Bergwerkschließungen, Nachsorgemaßnahmen und Folgenutzungen.
Foto: THGA
Generationen von Bergleuten erwarben hier ihre Qualifikation – nun macht die THGA junge Ingenieure fit für die Zukunft.

„In der vielfältigen deutschen Hochschullandschaft ist die im Jahr 1816 gegründete TH Georg Agricola eine ganz besondere Hochschule. Ihre Alleinstellungsmerkmale sind geprägt von ihrer spezifischen Kultur, ihrer 200- jährigen Tradition und ihrem besonderen Profil“, so charakterisiert Prof. Dr. Jürgen Kretschmann als Präsident die Technische Hochschule Georg Agricola. „Sie steht für eine hervorragende, praxisorientierte Ingenieurausbildung und entwickelt das intellektuelle Erbe ihrer industriellen Wurzeln zukunftsorientiert weiter.“ Das Studienangebot der THGA gliedert sich in drei Wissenschaftsbereiche: Georessourcen und Verfahrenstechnik, Maschinenbau und Materialwissenschaften sowie Elektro-/Informationstechnik und Wirtschaftsingenieurwesen.

Die THGA als Vorreiter des dualen Ausbildungssystems

Aktuell besuchen rund 2.400 Studierende die Hochschule. Viele Studienfächer können sie als klassisches Vollzeitstudium absolvieren oder berufsbegleitend als Teilzeitstudium, bei dem Kurse und Vorlesungen abends und an Wochenenden stattfinden. Dieses Angebot boomt und wird zurzeit von rund der Hälfte der Studierenden genutzt. Was heute als Heilmittel gegen den Fachkräftemangel gilt, hat an der TH Georg Agricola eine 200- jährige Tradition: Schon 1816 qualifizierten sich die Bergschüler berufsbegleitend zu „practischen Bergbeamten“. Damit gehört die Hochschule zu den Vorreitern des sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelnden dualen Ausbildungssystems, für das Deutschland weltweit Anerkennung genießt. Und bis heute sind Lehre und Forschung an der THGA optimal auf die Anforderungen in der Industrie ausgerichtet. Mit ihrer familiären Atmosphäre motiviert die Hochschule besonders sogenannte „Bildungsaufsteiger“, ein Ingenieurstudium anzugehen. Rund zwei Drittel der Studierenden sind die ersten Akademiker in ihrer Familie. Mehr als 40 Prozent der Erstsemester des Sommersemesters 2017 haben einen Migrationshintergrund. Damit leistet die THGA einen wichtigen Beitrag zur Bildungsgerechtigkeit und begeistert vielfältige Talente für den Ingenieurberuf. Bei Studierenden und Alumni, bei Partnern in Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft genießt die TH – regional, national und international – hohe Reputation. Auf dem Gebiet der Rohstoffwissenschaften ist sie eine der führenden Hochschulen in Deutschland und kooperiert mit renommierten Universitäten aus aller Welt. So exportiert sie ihr Wissen international auch in andere Bergbauländer. Unterstützt von der RAG-Stiftung eröffnete die THGA im Jahr 2015 das weltweit einzigartige Forschungszentrum Nachbergbau. Weitere Forschungsschwerpunkte der Hochschule in Bochum liegen in der nachhaltigen Rohstoffgewinnung, in sicherer und optimierter Fertigungstechnik für die Industrie 4.0 sowie in der Material- und Energieeffizienz.

Weltweit einzigartig

Rund 150 Jahre industrieller Steinkohlenbergbau haben in der Region Spuren hinterlassen – wie überall, wo Bergbau betrieben wurde. Mit ihnen verantwortungsvoll umzugehen, ist nicht nur im Ruhrgebiet, sondern international eine Herausforderung. Wenn 2018 die letzten beiden Steinkohlenbergwerke in Deutschland schließen, endet zwar die Kohleförderung, nicht aber die Verantwortung für die Bergbaufolgen. Schließlich gilt es, die sogenannten Ewigkeitsaufgaben und Fragen des Nachbergbaus zu lösen. Denen widmet sich aus wissenschaftlicher Perspektive das Forschungszentrum Nachbergbau. Die weltweit einzigartige Einrichtung wurde im Oktober 2015 an der Technischen Hochschule Georg Agricola (THGA) in Bochum eröffnet und beschäftigt sich mit den komplexen Herausforderungen von Bergwerkschließungen, Nachsorgemaßnahmen und Folgenutzungen. Schon 2013 wurde an der Hochschule der Masterstudiengang „Geoingenieurwesen und Nachbergbau“ etabliert, für den die RAG-Stiftung eine Stiftungsprofessur fördert. Die Themen, zu denen geforscht wird, reichen von Grund- und Grubenwassermanagement über Grubengas und Schachtsicherung bis hin zu Flächen und Halden. Dazu arbeiten Experten aus Bergbau und Markscheidewesen, Geologie und Geotechnik sowie Hydrogeologie in einem interdisziplinären Team zusammen – kompetent und unabhängig. Unterstützung finden sie bei Bergbehörden und verantwortlichen Unternehmen.

Spitzenforschung – weltweit gefragt

„Bei aktuellen Forschungsprojekten legen wir den Fokus insbesondere auf die Ewigkeitsaufgaben des Steinkohlenbergbaus“, so Prof. Dr. Christian Melchers, wissenschaftlicher Leiter des Forschungszentrums. Um ein nachhaltiges Niveau des Grubenwasserstandes zu finden, arbeiten die Wissenschaftler z. B. an einem neuen unterirdischen Überwachungssystem. Sensible Sensoren, die sonst in der Tiefsee eingesetzt werden, führen in stillgelegten Schächten Messungen durch, wenn längst kein Bergmann mehr einfahren kann. Mit ihnen beobachten die Wissenschaftler den Zustand der Strecken und Schächte, analysieren die Wasserqualitäten und beobachten die nachbergbaulichen Auswirkungen. Ein weiteres Forschungsfeld: Um Gefahren wie Tagesbrüche zu vermeiden, ermitteln sie systematisch oberflächennahe Hohlräume oder alte Erbstollen – dabei kommen nicht nur alte Grubenrisse, sondern auch modernste Satellitentechnik zum Einsatz. Die liefern Geodaten aus dem All – zum Monitoring für den Alt- und Nachbergbau. Spitzenforschung im Bereich Nachbergbau ist auch weltweit gefragt: Immer mehr Länder interessieren sich für den nachhaltigen Umgang mit ehemaligen Lagerstätten, vom Braunkohletagebau bis zur Gold- oder Urangewinnung. Bereits heute erstrecken sich die Forschungsaktivitäten der THGA von China bis Südamerika. Denn die Frage, was mit Regionen nach dem Ende von Bergbauaktivitäten geschieht, ist von globalem Interesse.

Altbergbau im Blick

In einem zertifizierten Risikomanagement überwacht die RAG alte Schächte und tagesbruchgefährdete Bereiche. Dabei könnte in Zukunft eine technische Innovation helfen. In Zusammenarbeit mit der THGA entwickelt die RAG den „Mineberry“, ein mobiles Monitoringsystem. Der Clou: Die autark arbeitende Technik basiert auf kostengünstigen Einplatinencomputern von der Größe einer Kreditkarte. Daran lassen sich Sensoren anschließen, die zum Beispiel die Füllsäule eines Schachtes überwachen. Bei Bewegungen sendet der Mineberry eine E-Mail an die Tagesbruchbereitschaft von RAG und an den Befahrungstrupp von RAG Montan Immobilien. Im Rahmen seiner Abschlussarbeit im Studiengang „Geoingenieurwesen und Nachbergbau“ entwickelte RAG-Mitarbeiter Stefan Schnell einen Anforderungskatalog für den Mineberry. „Derzeit testen wir einen Prototypen, der vielversprechende Ergebnisse liefert“, erklärt Schnell.

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