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Ende einer 200-jährigen Tradition

Die letzte Bergberufsschule schloss Ende Juli ihre Türen. Neben dem Fachwissen stand auch politische Bildung im Fokus. Weichen für die Zeit nach dem Ende des Bergbaus stellten Unternehmen und Schulträger frühzeitig

Essen.. Jüngst endete das letzte Kapitel der 200-jährigen Geschichte des einst größ ten privat getragenen Schulwesens, das nicht nur die Region, sondern das gesamte deutsche Ausbildungssystem prägte.

Bereits im 19. Jahrhundert erkannten Bergbaudirektoren die Notwendigkeit, die Bergleute eine Ausbildung absolvieren zu lassen und ihnen Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen. Bergbauunternehmen schlossen sich zusammen und gründeten die
ersten Bergberufsschulen. Sie leisteten damit Pionierarbeit für das duale Ausbildungssystem von Berufsschule und betrieblicher Praxis auch für andere Berufsfelder. Zu Spitzenzeiten besuchten in den 1950er Jahren bis zu 40.000 Schüler die Bergberufsschulen.

Bildungsschwerpunkte

Besonderen Wert legte der Bergbau auf den hohen Praxisbezug und die enge Abstimmung zwischen Betrieb und Schule. Einen Unterrichtsschwerpunkt bildete von jeher die Arbeitssicherheit. Unternehmen und Schulen passten in enger Zusammenarbeit immer wieder die Lehrpläne an neue Bestimmungen an. Auch technische Innovationen fanden Eingang in die Lehrpläne und verlangten stetige Modifzierungen der Lehrpläne sowie von den Lehrkräfen, sich fortzubilden.

Neben traditionellen Inhalten unterrichteten Lehrkräfe ihre Schüler zu Temen aus Politik und Gesellschaf. „Uns war es immer wichtig, ein Demokratieverständnis, ein kritisches Bewusstsein und Toleranz zu vermitteln, um am Ende der Ausbildung mündige, informierte Bürger zu entlassen“, erläutert Klaus-Peter Rüsing, Schulleiter des Berufskollegs Recklinghausen, das zuletzt schloss. Die Schulen standen seit 2010 unter der Trägerschaf des TÜV Nord als Nachfolger der RAG Bildung.

Besonderen Wert legte die Schule auf Aufstiegs- und Entwicklungsmöglichkeiten mit niederschwelligem Einstieg. Schülern bot sich die Möglichkeit, eine Ausbildungsvorbereitung oder einen Hauptschulabschluss zu absolvieren. Weiter konnten sie die Fachoberschulreife, die Technikerausbildung, die Fachhochschulreife sowie eine Managementausbildung für betriebliche Führungskräfe, die mit dem Ingenieursgrad abschloss, erwerben. Somit gelang vielen Schülern der soziale Aufstieg.

Heute sind unsere Auszubildenden in der freien Wirtschaf sehr gefragt. Nach der letzten Lossprechung meldeten sich Firmen, die unsere Jungfacharbeiter anstellen wollten. Viele haben gute Stellen bekommen“, berichtet Rüsing nicht ohne Stolz.

Wandel gestalten

In engem Schulterschluss mit den Unternehmen begleitete die Schule den Rückzug des Bergbaus und den damit einhergehenden Personalabbau. Nur durch Weitblick und detaillierte Planung gelang es, bis zuletzt qualifziertes Lehrpersonal zur Verfügung zu stellen. Im Blick auf die Zeit nach dem Ende des Steinkohlenbergbaus entwickelten die Verantwortlichen zukunftsträchtige Ausbildungsinhalte über den Tätigkeitsbereich und den aktuellen Bedarf des Bergbaus hinaus. Berufsfelder wie Lasertechnik, regenerative Energien, technischer Umweltschutz oder Mikrosystemtechnik sowie Umschulungen von Bergbaubeschäftigten machten die Menschen in der Region fit für den Arbeitsmarkt. Für die Kinder der Bergleute schuf man voll- und teilzeitschulische
Qualifkationsangebote.

Integration damals wie heute

Den Bedarf an Personal deckten im Bergbau auch Zuwanderer aus dem In- und Ausland. Die Menschen stammten aus überwiegend nicht industriell geprägten Gebieten. Durch die Vermittlung von Sprach- und Fachkenntnissen sowie Allgemeinbildung integrierte der Bergbau sie in die Arbeitswelt des Ruhrgebiets. Dieser Tradition blieben die Berufskollegs treu und unterrichteten auch im letzten Schuljahr internationale Förderklassen mit jungen Geflüchteten.


Wertschätzung und Respekt


Die Lehrkräfte waren zum Teil selbst ursprünglich Bergleute, studierten auf dem zweiten Bildungsweg. Der hohe Praxisbezug führte zu viel Akzeptanz in der Schülerschaf. Sie bildeten sich weiter fort und kamen ihrer Rolle als Dienstleister nach. Viel Wert legte man auf gegenseitige Wertschätzung. Gute Umgangsformen führten zu einem guten Lernklima. Das spiegelte die Arbeitswelt unter Tage wider. Dort bestand ebenfalls die Notwendigkeit, einander zu (be-)achten. (sas)

 
 

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