Planspiele für eine Stahl-Fusion

Ulf Meinke

Düsseldorf/Essen.  Es sind unruhige Zeiten in der Stahlindustrie. Eine Neuordnung der arg unter Druck geratenen Branche zeichnet sich ab. Planspiele für Fusionen unter Beteiligung des Essener Traditionskonzerns Thyssen-Krupp machen die Runde. Der Name des indischen Stahlkonzerns Tata wird dabei häufig genannt. Teil der Überlegungen sind aber auch Salzgitter, die deutsche Nummer zwei, und der Weltmarktführer Arcelor-Mittal. Jeder spreche mit jedem, heißt es hinter den Kulissen.

Nun meldete sich erstmals seit dem Aufflammen der Spekulationen Thyssen-Krupp-Chef Heinrich Hiesinger öffentlich zu Wort. Vor der Wirtschaftspublizistischen Vereinigung in Düsseldorf ließ er durchblicken, dass wohl eher nicht mit einer schnellen Entscheidung zu rechnen sei. „Alle verantwortlichen Führungskräfte in der Stahlindustrie müssen nach Lösungen suchen“, sagte er angesichts einer Vielzahl von Problemen in der Branche. Keinen Zweifel ließ Hiesinger daran, dass er eine Neuordnung der Stahlindustrie als sinnvoll ansieht. Thyssen-Krupp werde „aktiv“ und „aus einer Position der Stärke agieren“, wenn „eine Lösung“ möglich sei. Ob, wann und mit wem es Zusammenschlüsse gebe, sei aber heute noch „absolut unklar“. Der „Reifegrad“, der teilweise in der Öffentlichkeit vermutet werde, sei noch nicht erreicht.

Nach Spekulationen über eine sich anbahnende Fusion der Stahlsparten von Thyssen-Krupp und Tata war der Aktienkurs des Essener Konzerns stark gestiegen. Die Erwartungshaltung, ein Umbruch stehe kurz bevor, gibt augenscheinlich auch Hiesinger zu denken. Dies sei ein Thema, „das es zu beherrschen gilt“, sagte er.

Aus Sicht der Beschäftigten stellt sich die Frage, welche Standorte unter einer Fusion leiden könnten. Thyssen-Krupp sei grundsätzlich bereit, Anlagen zurückzufahren, erklärte Hiesinger. „Wir scheuen uns nicht, Entscheidungen zu treffen.“ Komme es zu einer Neuordnung, würden weniger wettbewerbsfähige Standorte infrage gestellt, um die effizientesten Standorte besser auszulasten. Es sei aber heute unmöglich zu sagen, welche Werke bei einem solchen Szenario betroffen sein könnten. In Duisburg befindet sich Europas größter Stahlstandort. Spekulationen darüber, es seien kleinere Anlagen wie in Bochum, Siegen oder Dortmund in Gefahr, könne man nicht seriös kommentieren, solange es keine konkreten Szenarien gebe, hieß es bei Thyssen-Krupp. Zuletzt zählte die Stahlindustrie bundesweit noch gut 86 000 Beschäftigte.

Weiterhin am Stahl beteiligt

Hiesinger hat sich zum Ziel gesetzt, den Essener Konzern als Ganzes weiterzuentwickeln – mit Sparten wie dem Aufzuggeschäft, Autozulieferung und Anlagenbau. Das Bekenntnis zur Verbundstrategie bedeute aber nicht, „dass alles so bleibt, wie es ist“, sagte er. Sollte es unter den Stahlkonzernen Bewegung geben, rechne er nicht damit, „dass einer den anderen kaufen wird“. Dafür seien die freien finanziellen Mittel in den Bilanzen zu gering. Es werde daher wohl einen Zusammenschluss geben, deutete Hiesinger an. Die heutigen Eigentümer wären dann Anteilseigner eines Gemeinschaftsunternehmens. Bei einem solchen Szenario bliebe Thyssen-Krupp am Stahlgeschäft zumindest beteiligt.