Patienten schätzen Kosten eines Arztbesuches zu hoch ein

AOK Nordwest befragt Nutzer der Patientenquittung. Mit Teilnehmerzahl ist die gößte Kasse Westfalens nicht zufrieden. Kurios: Arzt rechnete Geburt falsch ab. Mit der Quittung flog das auf

Dortmund..  Seit drei Jahren bietet die AOK Nordwest die Patientenquittung an. Über das Internet können AOK-Versicherte sich einen Überblick über fast alle Leistungen verschaffen, die über ihre elektronische Gesundheitskarte abgerechnet werden. So erfahren sie, was der letzte Arztbesuch gekostet hat, was der Zahnarzt kassiert und was der Kieferorthopäde, mit wie viel Geld der Krankenhausaufenthalt zu Buche schlägt oder was die jeweils verschriebenen Medikamente neben der eigenen Zuzahlung kosten. In Euro und Cent aufgelistet, möglichst verständlich auch für medizinische Laien – „einiges mussten wir übersetzen, das Vokabular der gesetzlichen Krankenversicherung ist nicht unproblematisch“, sagt Martin Litsch, der Vorstandsvorsitzende der größten Kasse in Westfalen.

Bei der AOK Nordwest ist man durchaus stolz auf die Patientenquittung, die man als erste große Krankenkasse angeboten hat. Sogar das Gesetz musste dafür modifiziert werden. Aber bislang nutzen nur 28 500 Versicherte den Service. „Ich bin mit dieser Zahl nicht zufrieden“, räumt Litsch ein. Auch deshalb hat die Kasse die Nutzer befragt.

Überraschendstes Ergebnis für die AOK: Nicht primär junge Versicherte nutzen die Karte, sondern überwiegend Ältere. Wohl deshalb, weil eher die Kranken sich über ihre Krankheitskosten informieren wollen, interpretiert Kassenchef Litsch. Vier von fünf Befragten zeigten sich zufrieden mit dem Angebot der Patientenquittung, noch etwa mehr Befragte fanden sie verständlich.

Ärzte kritisierten Quittung heftig

Interessant ist die Kostenwahrnehmung der Versicherten: Während sich einerseits eine Mehrheit der Befragten überrascht zeigte, wie hoch die Kosten eines Krankenhausaufenthaltes waren, hätte andererseits mehr als jeder zweite die Kosten für einen Arztbesuch höher eingeschätzt. Ein Befund, der zweifelsfrei die Ärzte freuen dürfte – und möglicherweise deren Vorbehalte gegen die Patientenquittung eindämmen könnte. Der Widerstand der Ärzte war jedenfalls nicht gering, erinnert sich Litsch, vor allem um das Arzt-Patienten-Verhältnis bangten sie. Der Kassenchef sieht das eher andersherum: Das Vertrauensverhältnis werde doch gestärkt, glaubt er.

Lob vom Patientenbeauftragten

Lob für die Quittung gibt es auch vom Landes-Patientenbeauftragten Dirk Meyer. Er nennt sie „einen beispielhaften Schritt in die richtige Richtung“, nämlich in Richtung der „vielfach gewünschten Transparenz. Viele Patienten wollten mit ihrem Arzt auf Augenhöhe reden; das werde durch die Quittung unterstützt.

Ein Kontrollinstrument (für die Arztabrechnung) soll und kann die Patientenquittung übrigens nicht sein. Entsprechende Nachfragen seitens der Patienten seien auch sehr selten, so Litsch. An eine erinnert er sich aber gut. Eine Frau rief an und sagte, das mit der Geburt könne aber nun nicht stimmen. Tatsächlich handelte es sich um eine Verwechslung seitens des Arztes; eine gleichnamige Frau (bei einer anderen Kasse) war Mutter geworden.

Bleibt das Problem der kleinen Teilnehmerzahl. Man werbe weiter, sagt Litsch. Und weiß zugleich: „Da brauchen wir einen langen Atem.“

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