Otto findet Duzen gut

Hamburg/Berlin.  Wie spricht der Mitarbeiter den Chef an? In der Start-up-Szene, im Silicon Valley und beim schwedischen Möbelhaus Ikea ist die Antwort einfach: mit Vornamen und Du. In deutschen Traditionskonzernen gebietet die Etikette das Sie und den Nachnamen. Ausnahmen sind eher selten, doch das Du wird immer populärer. Stefan Pichler führte es bei Air Berlin ein, als er im Februar 2015 als Chef anfing. Jetzt hat der Chef des Otto-Konzerns seinen rund 54 000 Mitarbeitern das Du angeboten.

Hans-Otto Schrader will die gute Lage des Unternehmens (Slogan: Otto? Find ich gut!) ausnutzen, um ihm einen Kulturwandel zu verpassen. „Ein wichtiger Aspekt dabei war der Wunsch, weg vom Ihr und hin zum Wir zu kommen. Und als wir das für uns entschieden haben, war klar, wir müssen im Konzern vom Sie aufs Du wechseln“, sagt Schrader. Gezwungen wird niemand, seine Kollegen und Chefs zu duzen. „Das ist ein freiwilliges Angebot des Vorstands.“

Die Reaktion sei überwältigend positiv, sagt Schrader. „Das schwappt wie eine Welle durch den ganzen Konzern.“ Und er berichtet von ganz neuen Erfahrungen: „Kürzlich, als ich hier im Haus aus dem Fahrstuhl ausstieg, kam mir ein jüngerer Kollege entgegen – Anfang 30, Jeans, Sneakers, Parka – und sagt zu mir: ,Hey, ich kann jetzt Hos (Abkürzung für Hans-Otto Schrader; Anmerkung der Redaktion) zu dir sagen.‘ Und sofort sind wir ins Gespräch gekommen. Das wäre früher so nicht passiert.“

Beim Duzen geht es aber nicht nur darum, gefühlt näher zusammenzurücken. Otto will grundsätzlich weg von alten Führungsstrukturen. „Der Chef gibt die Ziele vor, dann wird kontrolliert – und am Ende folgt Belohnung oder Sanktionierung. Dieses Denken gehört bei der Otto Group der Vergangenheit an“, sagt Schrader. „Der Chef der Zukunft muss mehr Coach als Vorgesetzter sein.“

Auch bei Air Berlin waren die Strukturen aus Sicht Pichlers verkrustet. Als er vergangenes Jahr antrat, ließ er zunächst Kartenschlösser an der Vorstandsetage abbauen. Und er duzte die Kollegen. „Die Mitarbeiter sind schließlich unser Kapital“, begründete er die neue Offenheit. „Die wissen, wo es hakt und was wir wie verbessern könnten.“ Die neue Offenheit sollte ihnen die Möglichkeit geben, das auch dem Vorstand mitzuteilen.

Der Mittelstand mag es klassisch

Mit dem Übergang zum Du sind Otto und Air Berlin nicht allein. Der Wechsel bei der Anrede ist ein Trend in deutschen Unternehmen – vor allem in den großen. „Duzen ist absolut im Kommen“, sagt Erik Bethkenhagen, Geschäftsführer bei der Kommunikationsagentur Kienbaum. Mit immer neuen Existenzgründern und Agenturen, vor allem in der Medien- und Kommunikationsbranche, verabschiede sich die klassische Etikette. Das sehe man schon bei der Kleiderordnung. „Früher war die Krawatte im Büro normal. Heute gilt sie häufig als komisch“, sagt Bethkenhagen. Die Ausnahme bilde „der klassische deutsche Mittelstand“. Dort stünden die Zeichen eher auf „hierarchische Ordnung“, bestätigt Klaus Reiners vom Bundesverband Deutscher Unternehmensberater. „Und in diesem Sinne bleibt dort auch meist das Sie im Einsatz.“

Hanseatischen Kaufleuten liegt das geschäftliche Du nicht per se im Blut. Aber in der Familie Otto hat es sich an anderer Stelle bewährt: Vor einem Jahr bot Alexander Otto, Chef des Immobilienentwicklers ECE und Bruder von Otto-Group-Aufsichtsratschef Michael Otto, zum 50. Firmengeburtstag rund 700 Mitarbeitern in der Hamburger ECE-Zentrale das Du an. „Wir haben uns ungläubig umgeguckt, nach dem Motto: Meint der das jetzt ernst?“, erinnert sich Yvonne Paßgang. Heute schätzt die ECE-Sprecherin die Duzer-Quote auf 99 Prozent. „Deshalb gibt es keinen Streit weniger, aber eine andere Art des Umgangs miteinander. Es fühlt sich mehr an wie eine Familie – und das verbindet.“

 
 

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