Naturstrom wächst rasant dank Fukushima

Die Direktvermarktung von Sonnenenergie gehört zum Kerngeschäft der Naturstrom AG.
Die Direktvermarktung von Sonnenenergie gehört zum Kerngeschäft der Naturstrom AG.
Foto: Getty
Die Düsseldorfer Naturstrom AG ist im vergangenen Jahr rasant gewachsen. Die Kundenzahl verdoppelte sich um rund 100 000 auf nun 212 000. Haupttreiber war laut Vorstand Oliver Hummel die Atom-Katastrophe in Fukushima.

Düsseldorf. Die Atomkatas­trophe von Fukushima hat so manche Prognose über den Haufen geworfen – auch jene der Naturstrom AG. Ursprünglich hatte der Düsseldorfer Ökostromhändler für das Jahr 2011 die Marke von rund 50 000 Neukunden angepeilt. Es wurden rund 100 000.

„Fukushima war der Haupttreiber. Allein in den vier Wochen unmittelbar nach dem Unfall kamen fast 40 000 Kunden hinzu“, schildert Vorstand Oliver Hummel die Entwicklung. „Für viele Menschen war die Katastrophe der Auslöser, ihre Wechselüberlegungen in die Tat umzusetzen.“ Bundesweit beziehen nun 212 000 Verbraucher Naturstrom, der Umsatz verdoppelte sich auf 120 Millionen Euro, auch das Ergebnis dürfte positiv sein. 2010 lag der Überschuss bei 1,2 Millionen Euro. Das Unternehmen, das seit 1999 als unabhängiger Händler ausschließlich Strom aus regenerativen Quellen anbietet, will sein Wachstum weiter treiben: 2012 sollen weitere 50 000 Kunden hinzukommen.

Zielgruppe: Menschen, die wissen wollen, wo der Strom herkommt

Zielgruppe sind laut Hummel Menschen, die sich dafür interessieren, woher ihr Strom kommt. „Wir konkurrieren nicht mit der Billigschiene. Nach der Teldafax-Pleite sind vielleicht zehn Kunden bei uns gelandet.“ Naturstrom liefert nach eigenen Angaben Strom zu 100 Prozent aus Wind-, Wasser- und Sonnenkraft. Das Besondere: Als einziger Anbieter nutzt das Unternehmen die sogenannte Direktvermarktung. Naturstrom nimmt zum Beispiel einem Windanlagenbetreiber den erzeugten Strom ab und verkauft ihn an den Endkunden weiter. Der Windmüller verzichtet auf die Einspeisevergütung, die ihm nach dem Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) zusteht. Naturstrom wird im Gegenzug davon befreit, die EEG-Umlage von 3,53 Cent pro Kilowattstunde für die Einspeisung ins Stromnetz zu bezahlen, weil der Händler mehr als die Hälfte seines verkauften Stroms direkt von EEG-Anlagen bezieht. Hummel: „Mit diesem Modell wird die Marktintegration der Erneuerbaren Energien vorangetrieben.“

Doch dieser Prozess wird nach Hummels Ansicht mit der jüngsten Änderung des EEG deutlich gebremst, denn die Befreiung von der Umlage wird auf zwei Cent gedeckelt. Die Differenz von 1,53 Cent muss Naturstrom tragen. Zusätzlich muss die 50-Prozent-Quote nicht in einem Jahr, sondern in acht Monaten erfüllt werden. Konsequenz: Naturstrom hat die Preise erhöht.

Naturstrom will an Direktvermarktung festhalten

Dennoch will man an der Direktvermarktung festhalten. „Weil wir meinen, dass dies die richtige Richtung ist“, sagt Hummel. „Außerdem wollen wir die großen Konzerne ein wenig stärker Richtung Erneuerbare schubsen. Damit die Energiewende gelingt, müssen alle mit anpacken.“

Das Wachstum der Erneuerbaren Energien sieht Hummel als „nicht berauschend“ an. Es reiche nicht, nach dem Atomausstieg einfach nur neue Kapazitäten aufzubauen, die Erzeugung muss seiner Ansicht nach dezentraler werden.

Auch deshalb plant Naturstrom in fünf Jahren ein Drittel seiner Strommenge selbst zu erzeugen. Der Anfang ist gemacht: In Neudorf bei Bamberg hat die Firma ihren ersten eigenen Windpark (7,5 Megawatt) geplant. Dem Akzeptanzproblem in der Bevölkerung begegnet man auf außergewöhnliche Weise: Anwohner, die bereits Kunde sind oder einen Neuvertrag abschließen, erhalten einen Rabatt für den „Spargel“ vor der Haustür. Hummel: „Wir wollen dem Wutbürger den Mutbürger entgegenstellen.“

 
 

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