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Nach Schienenkartell schließt Thyssen-Krupp die Gleistechnik

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Gleistechnik in Bochum Foto: Ingo Otto
Nach dem Auffliegen des Schienenkartells im Sommer 2011, an dem Thyssen-Krupp maßgeblich beteiligt war, steht die Gleistechnik-Sparte des Essener Stahl- und Technologiekonzerns mit ihren 260 Arbeitsplätzen vor dem Aus. Das Unternehmen hat die Verkaufsverhandlungen gestoppt.

Essen. 

Das Schienenkartell kostet Thyssen-Krupp nicht nur Bußgeld und Entschädigung in dreistelliger Millionenhöhe. Jetzt gehen auch

noch

260 Arbeitsplätze verloren, weil der Industriekonzern nach Informationen dieser Redaktion keinen Käufer für seine Gleistechnik-Tochter gefunden hat.

Wie aus Kreisen von Thyssen-Krupp verlautet, hat der Bereichsvorstand der Business Area Materials Services beschlossen, den Verkaufsprozess der Bau- und Gleistechnik-Aktivitäten zu stoppen. Seit Mai 2013 hatte der Konzern fieberhaft nach einem Interessenten gesucht. Doch das bereits 2011 aufgeflogene Schienenkartell, an dem Thyssen-Krupp beteiligt war und das über Jahre Schienen und Weichen zu überhöhten Preisen verkaufte, hat den Ruf der Thyssen-Krupp-Gleistechnik offenbar so sehr ramponiert, dass in der Essener Zentrale kein wirtschaftlich tragfähiges Kaufangebot einging.

„Möglichst sozialverträglich“

Der Bereichsvorstand beschloss deshalb, das profitable Bautechnikgeschäft in Eigenregie weiterzuführen. Für den angeschlagenen Gleistechnik-Bereich, heißt es in Thyssen-Krupp-Kreisen, sehe man indes „keine realistische Chance“. Die GfT ist Händler und Systemlieferant für Schienen, Schwellen und Weichen auf der Gleistrasse. Sie liefert aber auch komplette Gleis- und Weichenanlagen. Ihre Zentrale hat die GfT in Essen und einen Ruhrgebietsstandort in Bochum.

Geplant sind nun Teilveräußerungen und Schließungen von Standorten. Davon betroffen sind rund 260 Mitarbeiter. Wie es heißt, soll der Personalabbau bis zum Ende des Geschäftsjahres 2014/15 abgeschlossen sein. Der Konzern will nun mit dem Betriebsrat über „möglichst sozialverträgliche“ Lösungen verhandeln.

Der Verlust der Arbeitsplätze ist aber nicht die einzige Folge des Kartells der „Schienenfreunde“, welches das Bundeskartellamt im Juli 2011 aufdeckte. Danach haben die Stahlhersteller Voestalpine, Thyssen-Krupp und andere seit den 1980er-Jahren Preise und Mengen für Schienen abgesprochen. Allein die Deutsche Bahn soll deshalb bis zu einer Milliarde Euro zu viel bezahlt haben. Aber auch etliche kommunale Verkehrsbetriebe wurden geschädigt.

Schienenwerk in Duisburg dicht

Die Kartellbehörde verhängte Bußgelder von insgesamt mehr als 230 Millionen gegen beteiligte Stahlfirmen. Im November 2013 einigte sich Thyssen-Krupp mit der Bahn auf eine Entschädigungszahlung. Wegen des Schienenkartells hatte Thyssen-Krupp Rückstellungen von mehr als 200 Millionen Euro gebildet.

Die geplante Aufgabe des Gleistechnik-Geschäfts durch Thyssen-Krupp trifft auch die Branche. Denn bereits Ende 2013 hat der österreichische Stahlkonzern Voest­alpine das TSTG Schienenwerk in Duisburg geschlossen. 268 Mitarbeiter mussten sich danach eine neue Beschäftigung suchen. 100 weitere befanden sich in Altersteilzeit.

Am letzten Produktionstag im November bedruckten die Mitarbeiter ihr letztes Produkt mit dem Stempel „Die letzte Schiene Deutschlands“. Denn mit dem Aus der TSTG in Duisburg endete die Schienenproduktion in der gesamten Bundesrepublik.