Nabucco-Pipeline sorgt für Probleme

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Das Pipelineprojekt Nabucco, an dem RWE maßgeblich beteiligt ist, stellt die Planer immer wieder vor neue Schwierigkeiten. Trotz Sanktionen mischt der Iran bei der Zulieferung zu einem der wichtigsten Gasprojekte der EU mit.

Baku. Eigentlich sieht alles rosig aus, wenn man EU-Energiekommissar Günther Oettinger glaubt: Der Bau der Nabucco-Pipeline aus Zentralasien nach Europa scheint greifbar nah. Die Umweltverträglichkeitsprüfungen werden gemacht. Das Gas ist da, es könne gekauft werden, nur die Leitung nach Europa fehle noch, sagte Oettinger nach einem Besuch der EU-Kommission in Aserbaidschan und Turkmenistan.

Doch ist bei diesem Projekt nichts, wie es scheint. Die Planer des Energieriesen RWE stehen vor großen Schwierigkeiten. Immer wieder kommt es zu Verzögerungen. Der Grund liegt nahe. Das Gas für Europa kommt aus einer der zerbrechlichsten Regionen der Welt. Hier herrschen autoritäre Regierungen, es drohen Kriege, und obendrein versucht hier die Weltmacht Russland ihre Interessen gegen Europa durchzusetzen.

Teheran kassiert mit

Doch gerade die Verbindungen des Iran in den kaukasischen Gashandel können zum Problem werden. Der Iran ist über seine nationale Ölgesellschaft mit zehn Prozent an den entscheidenden Projekten für den Bau der Nabucco beteiligt, wie aus Unterlagen des Ölkonzerns BP hervorgeht, die dieser Zeitung vorliegen. Dabei geht es um die Gasfelder Schah Deniz I und II in Aserbaidschan, aus denen die Grundversorgung der Nabucco gesichert werden soll.

Weiter ist der Iran mit zehn Prozent an der Zuliefererleitung South Kaucasus Pipeline beteiligt, die für Nabucco erweitert werden soll. Die South Kaucasus wirkt dabei wie ein Flaschenhals. Jeder Kubikmeter Gas aus Turkmenistan oder Aserbaidschan muss hier durch.

Bislang hieß es, der Iran sei nicht am Nabucco-Projekt beteiligt. Faktisch ist das richtig. Nur an der Zulieferung ist das Land beteiligt. RWE bestätigt die iranische Verwicklung: „Im konkreten Fall ist ein iranisches Unternehmen Juniorpartner in dem Konsortium und nimmt keinerlei Einfluss auf die Geschäftsentwicklung.“

Tatsächlich ist die Rolle des Iran beschränkt. Das Land darf nicht über die Bedingungen der Gaslieferungen verhandeln und ist auch nicht für den Betrieb der Pipeline verantwortlich, bekräftigt BP. Doch der Iran bekommt seinen Zehnten vom Gewinn. Und das kann zu Komplikationen führen. Schon heute setzt die EU mit Sanktionen das iranische Energiegeschäft unter Druck. Ein weiter verschärftes Embargo gegen den Iran ist jederzeit denkbar.

Derzeit ist in Baku, der Hauptstadt der Republik Aserbaidschan im südlichen Kaukasus, allerdings von Problemen nichts zu spüren. Das Land blüht dank seines Rohstoffreichtums auf, es gehört zu den sechs größten Energielieferanten der Europäischen Union. Überall wird gebaut. Die Straßen sind frisch asphaltiert und es werden Ampeln aufgestellt. Hier liegen die entscheidenden Gasvorräte, die RWE und Partner brauchen, um die Nabucco-Pipeline füllen zu können. Doch eine Einigung über den Gaskauf ist schwer zu erzielen. Die Vertreter der autoritären Regierung von Aserbaidschan sind erstaunlich zurückhaltend, wenn es darum geht, dem Westen Gas zu verkaufen.

Murat Heydarov vom staatlichen Energiekonzern Socar sagt, das wichtigste für sein Unternehmen sei es, „den besten Preis“ zu erzielen. „Wir sind solange auf Europa ausgerichtet, wie es für uns wirtschaftlich sinnvoll ist.“ Anders gesagt, wenn jemand mehr zahlt als RWE, kriegt der das Gas. Im Moment konkurriert Nabucco mit dem Pipelineprojekt Türkei-Griechenland-Italien (ITGI) und dem Gas-Tanker-Projekt Georgien-Rumänien um die Lieferungen aus Aserbaidschan. Aber auch die Russen wollen Gas kaufen. Socar fordert nun in einer Art Auktion bis zum 1. Oktober bindende Kaufangebote für sein Gas. Wer nichts biete, werde ausgeschlossen. „Wir wollen endlich vorankommen“, sagt Heydarov.

Aber nicht nur wirtschaftliche Gründe behindern einen schnellen Abschluss. Auch die Geopolitik beeinflusst den Gasdeal. Novruz Mammadov leitet das außenpolitische Ressort im Amt des aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Aliyev. Er sagt, die Russen würden einen tödlichen Konflikt mit dem Nachbarn Armenien um die Bergregion Karabach schüren. „Das ist ein Stachel in unserem Fleisch“, sagt Mammadov. Armenien hat in den Wirren um den Zerfall der Sowjetunion fast 20 Prozent von Aserbaidschan besetzt.

Konflikt mit Russland

Heute wird das Land von den Russen unterstützt, um die Besetzung aufrecht zu erhalten. „Jedes Mal, wenn wir über Gasverkäufe reden, fallen in Karabach Schüsse“, sagt Mammadov. Würde die Entscheidung für die Nabucco-Pipeline fallen, könne es zum Krieg kommen. Er fordert die EU auf, den Karabach-Konflikt zu schlichten. Aserbaidschan sucht also in Europa einen Verbündeten gegen die russischen Interessen im Kaukasus. Gas gegen Frieden.

 
 

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