„Moderne Sklaverei“ - Kritik an Arbeitsbedingungen in Fleischindustrie

Wie viele Osteuropäer in NRW Schweine schlachten, ist offiziell nicht bekannt. Die Schlachtbetriebe beschäftigen sie über Werkverträge.
Wie viele Osteuropäer in NRW Schweine schlachten, ist offiziell nicht bekannt. Die Schlachtbetriebe beschäftigen sie über Werkverträge.
Foto: dpa
Tausende Osteuropäer, die über Werkverträge in der NRW-Fleischbranche beschäftigt sind, leben und arbeiten unter unwürdigen Bedingungen. Reiner Priggen, Chef der Grünen-Fraktion im Landtag, spricht von einer „modernen Form der Sklaverei“. Das Land ordnete Kontrollen an.

Essen. Im Juni läuteten die Lebensmittel-Discounter eine neue Preissenkungsrunde beim Fleisch ein. Der scharfe Wettbewerb um das Schnitzel setzt auch die Schlachtbetriebe unter Druck. Osteuropäer mit Werkverträgen müssen zu unwürdigen Bedingungen arbeiten. Reiner Priggen, Chef der Grünen-Fraktion im NRW-Landtag, spricht im Gespräch mit dieser Zeitung von einer „modernen Form der Sklaverei“.

Der Kreis Gütersloh ist die Hochburg der Fleisch-Industrie in NRW. In Rheda-Wiedenbrück hat auch der Großkonzern Tönnies seinen Sitz. Armin Wiese ist Gewerkschaftssekretär bei der NGG und kennt sich in der Branche aus.

Erst in diesen Tagen war er wieder unterwegs in den Gebäuden, in denen Bulgaren und Rumänen untergebracht sind, die als Billigkräfte in den Fleischfabriken arbeiten. Von „Horrormieten“ spricht Wiese. „Die Häuser sind hoch belegt. Pro Bett zahlen die Kollegen 200 Euro und mehr pro Monat“, hat er festgestellt.

Betriebsräte sind machtlos

Wie viele Osteuropäer in NRW Schweine schlachten, ist offiziell nicht bekannt. „Nach der Ausländerstatistik sind es im Kreis Gütersloh 7000 bis 8000“, schätzt der Gewerkschafter. Man weiß nicht viel über die Rumänen, die im Schnitt zwei bis drei Jahre über Werkverträge nach Deutschland entsandt werden. „Sie haben rumänische Verträge und unterliegen rumänischem Recht“, sagt Wiese.

Dadurch seien auch den jeweiligen Betriebsräten die Hände gebunden. „Sie haben keine Mitbestimmung, wenn es um extrem lange Arbeitszeiten und fehlende Arbeitsschutz-Einweisungen geht“, kritisiert der NGG-Sekretär. „Auch die Lohnbedingungen sind unter aller Sau, weil es keinen Mindestlohn gibt“, so Wiese.

50 Kontrolleure in den Betrieben

Die Gewerkschaft ist ernüchtert, dass das Kontrollsystem für Werkvertrags-Beschäftigte auf Schlachthöfen an seine Grenzen stößt. Ein klares Anpack-Ende gibt es jedoch: NRW-Arbeitsminister Guntram Schneider (SPD), der von Ausbeutung und „teilweise skandalösen Bedingungen“ spricht, schickte in dieser Woche 50 Kontrolleure durch die Fleischfabriken. Sie sollten überprüfen, ob die Arbeitsschutzregeln eingehalten werden.

Ergebnisse lagen nach Angaben eines Ministeriumssprechers bis gestern noch nicht vor. Er begründete die Vorab-Bekanntmachung der Kontrollen damit, dass die Fleisch-Verarbeiter ohnehin untereinander vernetzt seien.

 
 

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