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Mit dem Dienstrad zur Arbeit

Essen. 

Auf der im Ruhrgebiet nicht selten stockenden Fahrt zum Ar­beitsplatz wird das Zweirad für immer mehr Pendler zur echten Alternative. Ob ihre Mitarbeiter sich in den morgendlichen Stau stürzen oder die umwelt- und nervenschonendere Variante wählen, ist den meisten Arbeitgebern bisher egal. Doch eine kleine, aber wachsende Zahl von Firmen unterstützt die Beschäftigten beim Umstieg auf den Sattel und ermöglicht es ihnen, ein Dienstfahrrad zu leasen.

Seitdem 2012 das Fahrrad dem Dienstwagen steuerlich gleichgestellt wurde, ist die Nachfrage nach Leasingmodellen stark gestiegen – ganz unabhängig von Branche, Umsatz oder Organisationsform: Unter den Kunden der Leasingfirmen sind Konzerne, Mittelständler, Stiftungen und öffentliche Un­ternehmen. So kommen Arbeitnehmer nicht nur bei SAP oder IBM in den Genuss eines solchen Angebotes, sondern auch beim Technologiedienstleister Arvato in Dortmund, beim Bottroper Knappschaftskrankenhaus, den Stadtwerken Rhede, am evangelischen Krankenhaus in Hattingen und den Augusta-Kliniken in Bochum oder der Rheinisch-Westfälischen Wasserwerksgesellschaft (RWW) in Mülheim. Sie alle haben Verträge mit Leasingfirmen wie Eurorad, Businessbike oder Jobrad abgeschlossen, welche ihrerseits mit Fahrradhändlern kooperieren.

Das Dienstrad-Leasing läuft so ab: Hat der Mitarbeiter das Okay des Arbeitgebers, sucht er sich beim Fachhändler ein Fahrrad aus. Dabei spielt es keine Rolle, ob er ein gemütliches Hollandrad, ein schnittiges Rennrad oder ein komfortables E-Bike wählt – allerdings schreiben die Leasingunternehmen einen Mindestpreis vor, der oft bei 1000 Euro liegt; Jobrad hat ihn mittlerweile auf 749 Euro gesenkt.

Der Leasinggeber kauft das Rad dem Händler ab und stellt es dem Arbeitgeber als Leasingnehmer zur Verfügung. Der zahlt die monatlichen Leasingraten und zieht sie dem Arbeitnehmer im Rahmen der Entgeltumwandlung vom Bruttogehalt ab, sie werden also nicht versteuert. Stattdessen wird das Rad wie ein Dienstwagen als geldwerter Vorteil versteuert – monatlich mit einem Prozent des Preises. Läuft der Leasingvertrag nach 36 Monaten aus, kann das Fahrrad zum Restkaufpreis erworben oder aber der Vertrag mit einem neuen Fahrrad verlängert werden.

Am Ev. Krankenhaus in Hattingen und den Augusta-Kliniken in Bochum können Mitarbeiter seit diesem Frühjahr Diensträder leasen. Eines für sich selbst und auf Wunsch sogar noch ein zweites, etwa für den Partner. Im Herbst 2015 brachten Mitarbeitervertreter den Vorschlag ein, die Krankenhausleitung prüfte ihn und konnte nur Vorteile entdecken: Man könne den Mitarbeitern einen gesunden Ausgleich zur Arbeit ermöglichen und ihnen trotz klammer Kassen Wertschätzung zeigen, sagt Mario Kleist, kaufmännischer Leiter der Krankenhäuser. Nebenangebote wie dieses würden immer bedeutsamer – „die reine Vergütungssituation steht für viele Arbeitnehmer oft nicht mehr an erster Stelle“. Und natürlich seien auch die „kleinen Kollateralfolgen ganz charmant“. Damit meint er weniger die Ersparnis von ein paar Euro Sozialversicherungsbeitrag, sondern die Entlastung des chronisch überfüllten Krankenhausparkplatzes.

Bisher haben zwei Dutzend angestellte Ärzte, Pflege- und Verwaltungsangestellte den Vertrag abgeschlossen; weitere suchen gerade ihr Traumfahrrad aus. Bis Herbst könnten etwa zehn Prozent der Mitarbeiter das Angebot nutzen.

Anreiz, das Auto stehen zu lassen

Bei RWW in Mülheim machen schon fast 20 Prozent der Mitarbeiter von der seit März bestehenden Möglichkeit Gebrauch, sagt Jens Feld, Leiter des Bereichs Einkauf und Logistik. Er selbst ist einer davon. Der Impuls sei aus dem Gesundheitsmanagement gekommen, angetrieben von der Frage: „Wie können wir den Mitarbeitern Anreize geben, alte Gewohnheiten zu verändern, sich mehr zu bewegen und öfter mal aufs Fahrrad zu steigen statt ins Auto?“ Nun würden viele, die schon länger über die Anschaffung eines teuren E-Bikes nachgedacht hätten, die Gelegenheit nutzen. „Zwar ist das Fahrrad selbst nicht unbedingt billiger, aber man kann es über einen längeren Zeitraum ohne Zusatzkosten finanzieren und spart dabei noch Steuern.“ Viele kämen nun per Rad zur Arbeit, einer aus Gelsenkirchen. Und einige Schwesterngesellschaften der RWW wollten nachziehen. „Es ist vielleicht keine große Sache“, sagt Feld, „aber ein kleiner Stein, der etwas Größeres ins Rollen bringen kann.“