Michael Vassiliadis vor der Wiederwahl bei IG BCE

Michael Vassiliadis soll weitere vier Jahre IG-BCE-Chef bleiben.
Michael Vassiliadis soll weitere vier Jahre IG-BCE-Chef bleiben.
Foto: Holger Hollemann/ dpa
Auf dem IG BCE-Kongress steht die Wiederwahl des Vorstands an. Der Chef Michael Vassiliadis ist kein Barrikaden-Kämpfer, aber der einflussreichste Gewerkschafter der Republik. Er gilt als kluger Brückenbauer, auf den nicht nur Hannelore Kraft hört, sondern auch die Bundeskanzlerin.

Essen. Michael Vassiliadis ist als Sohn eines griechischen Gastarbeiters und einer deutschen Mutter so etwas wie ein Vorzeige-Europäer. Vom Chemie-Laboranten bei Bayer in Leverkusen hat es der gebürtige Essener 2009 an die Spitze der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) gebracht, am Dienstag steht seine Wiederwahl an. Doch ausgerechnet Europa hat dem 49-Jährigen die schwersten Tage seiner bisherigen Amtszeit beschert. Und einen seiner größten Erfolge.

Ochsentour durch Europa

Es war im Jahr 2010, als die EU-Kommission urplötzlich das deutsche Gesetz zum Ausstieg aus der Steinkohle infrage stellte. 2014, statt im Jahr 2018, sollte Schluss sein mit dem subventionierten Bergbau. Und plötzlich drohten entgegen aller Zusagen Massenentlassungen.

Vassiliadis bekam mehrfach zu spüren, dass die geistige Entfernung zwischen dem Revier und Brüssel 250 Kilometer um ein Vielfaches überschreitet. Er unternahm eine Ochsentour durch Europa zu befreundeten Gewerkschaften, zu Regierungsvertretern, er suchte das Gespräch mit EU-Kommissar Günther Oettinger.

Was mitunter nicht ganz leicht war. Eine Verabredung in Straßburg wäre beinahe daran gescheitert, dass der Pförtner erstens nicht wusste, wer Herr Oettinger ist und zweitens, dass dieser ein Büro im Behördengebäude besitzt. Das Gespräch hat wohl dennoch gefruchtet, Brüssel akzeptierte schließlich das deutsche Gesetz.

Vassiliadis erwarb sich im Laufe seiner Amtszeit den Ruf eines klugen Brückenbauers, dessen Rat nicht nur bei der nordrhein-westfälischen Ministerpräsidentin Hannelor­e Kraft (SPD), sondern auch bei Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gefragt war und ist. Merkel berief den IG BCE-Chef in den Rat für nachhaltige Entwicklung sowie in die Ethikkommission für die sichere Energieversorgung.

Der Gewerkschafter agiert auf Augenhöhe mit der Politik und der Industrie, eher als Co-Pilot denn als krawalliger Gewerkschafter alter Schule. Mithin ist Vassiliadis, den sich so mancher Industrieführer als Energieminister vorstellen kann, ein Gegenmodell zu Verdis Frank Bsirske, der mit lauten Tönen und immer öfter auch mit Streiks die Mitglieder bei Laune hält. In der Chemie-Industrie gab es seit Jahrzehnten keine Streiks.

Mitgliederzahl sinkt

Die Zahl der Mitglieder bei der IG BCE von derzeit 661 000 sinkt unter dem Strich allerdings. 15 000 neu gewonnene Mitglieder in diesem Jahr stehen 23 400 Abmeldungen gegenüber. Wesentliche Ursache sei die Überalterung, sprich: der IG BCE sterben Mitglieder weg. Eines von Vassiliadis’ Großprojekten war denn auch der Umbau der Gewerkschaftsorganisation mit dem Ziel, näher heranzukommen an die Betriebe und auch neue für die Gewerkschaft zu erobern.

350 Mittelständler, etwa aus dem Bereich der Kunststoffverarbeitung, haben seit 2009 einen IG BCE-Betriebsrat bekommen. 11 600 neue Mitglieder waren Lohn der Mühe. Die IG BCE steht bei der Mitgliederwerbung im Konkurrenzkampf mit Verdi und vor allem der IG Metall. Die hat es geschafft, die Mitgliederzahl zu erhöhen. Und sie geht dabei nicht zimperlich vor. „Alles, was am Auto dran ist, ist uns“, lautet deren Parole. Da Autos aber immer mehr aus Kunststoffen bestehen, sieht die IG BCE das freilich anders.

Für Vassiliadis bleibt die Basisarbeit Dauerthema in den kommenden vier Jahren. Die Energiewende wird aber gewiss das Megathema sein. Nicht nur industriepolitisch steht viel auf dem Spiel, sondern auch für die IG BCE, die das Wort Energie im Titel führt.

Tausende von Stellen stehen auf der Streichliste der Energiekonzerne, mit jedem Kohleblock, der vom Netz geht, verlieren auch IG BCE-Mitglieder ihren Job. Und der Steinkohlebergbau mit noch an die 20 000 Mitarbeitern läuft 2018 aus. In Sachen Mitglieder läuft die Uhr derzeit gegen die IG BCE.

Der Einfluss wächst

Vassiliadis wird seinen Einfluss geltend machen, um das zu ändern. Und der ist groß. Wahrscheinlich größer als der anderer Gewerkschaftsbosse. Im Revier auf jedenfall, wie Aufsichtsratsmandate bei Evonik, Steag sowie die Mitgliedschaft im Kuratorium der RAG-Stiftung zeigen.

Hinzu kommen Mandate bei Henkel, BASF und Kali+Salz. Dass er Werner Müller als Chef der RAG-Stiftung durchgesetzt hat, zeigt, dass die Stimme des Hobby-Gitarristen in Berlin Gehör findet. Und wenn Reiner Hoffmann vom IG BCE-Bezirksleiter Nordrhein wie erwartet zum DGB-Chef aufgestiegen ist, dann wird der Einfluss des leisen Gewerkschafters noch größer.

 
 

EURE FAVORITEN