Massiver Stellenabbau droht Industrie an Rhein und Ruhr

Pirkko Gohlke
Viele Industrie-Unternehmen haben Stellenstreichungen angekündigt.
Viele Industrie-Unternehmen haben Stellenstreichungen angekündigt.
Foto: WAZ FotoPool
Viele Konzerne, die ihren Sitz an Rhein und Ruhr haben, wollen auf Personal verzichten. Drei Branchen stechen bei den Stellenstreichungen heraus: Energie, Chemie und Stahl. Bei Thyssen-Krupp zum Beispiel sollen 2000 Stellen im Bereich Stahl und 3300 Jobs in der Verwaltung wegfallen. Ein Überblick.

Essen. Der Industrie in Deutschland und insbesondere im Ruhrgebiet drohen schwere personelle Einschnitte. Denn immer mehr große Unternehmen sind mit Spar- und Stellenabbauplänen an die Öffentlichkeit gegangen. Mehrere tausend Arbeitsplätze werden wohl alleine in Nordrhein-Westfalen in den kommenden Jahren wegfallen.

Drei Branchen stechen bei den Stellenstreichungen heraus: Energie, Chemie und Stahl. Stromriesen wie RWE in Essen und Eon in Düsseldorf kündigten unlängst umfassenden Personalabbau an. Zuletzt sorgte vor allem RWE für Schlagzeilen.

Der Revierkonzern will über 10.000 der weltweit rund 70.000 Stellen streichen. In der Chemieindustrie sind es gleich drei NRW-Konzerne, die Stellen abbauen: Bayer (Leverkusen), Evonik (Essen) und Lanxess (Köln). Die Essener wollen auf 1000 der weltweit 33.000 Arbeitsplätze verzichten.

Branchen Stahl und Auto sind besonders konjunkturanfällig

Ein Abbau von 400 bis zu 500 Stellen ist auch bei BP Europa mit Sitz in Bochum im Gespräch. Zu BP gehört Deutschlands größte Tankstellen-Kette Aral. Auf Anfrage dieser Zeitung wollte ein Sprecher entsprechende Informationen nicht kommentieren. Unklar ist, welche Regionen betroffen sein werden.

In den konjunkturanfälligen Branchen Stahl und Auto stehen Arbeitsplätze bei Thyssen-Krupp, Salzgitter und Opel auf der Kippe. Allein bei Thyssen-Krupp Stahl werden es rund 2000 der 29.000 Arbeitsplätze sein. Hinzu kommen rund 3300 Jobs in der Verwaltung, davon jede zweite Stelle in Deutschland.

Dabei galt die deutsche Industrie mit ihren stark auf den Export ausgerichteten Unternehmen in den zurückliegenden Jahren als Garant für Stabilität in Zeiten der europäischen Finanz- und Schuldenkrise. Die Zahlen sprechen für sich: In den Jahren 2005 bis 2012 wuchs die Zahl der Beschäftigten im verarbeitenden Gewerbe laut Statistischem Bundesamt von deutschlandweit fünf Millionen auf 5,2 Millionen.

Die Krise in Europa treffe auch deutsche Firmen

Doch offenbar können oder wollen manche Firmen der Krise nicht mehr trotzen. Die Exporte in die Krisenländer seien stark zurückgegangen, erläutert Gustav Horn, Direktor des Düsseldorfer Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), im Gespräch mit dieser Zeitung.

In Griechenland oder Spanien zum Beispiel ist die Arbeitslosigkeit hoch, die Binnennachfrage eingebrochen. Die Krise in Europa treffe insbesondere Firmen wie Opel, die sich stark auf den europäischen Markt konzentrieren. Das Bochumer Werk soll Ende 2014 schließen. Auch Zulieferer leiden unter der Krise – etwa Chemiekonzerne, die Komponenten für Autobauteile herstellen.

Besonders betroffen ist die Industrie in NRW und im Ruhrgebiet: Die Produktion des verarbeitenden Gewerbes ist im August im Vergleich zum Vorjahresmonat gesunken. Der Produktionsindex, Messwert für die Entwicklung der Produktionsleistung, fiel um 5,6 Prozent auf 94,6 Punkte.

IMK-Chef Gustav Horn fordert europäisches Konjunkturprogramm

Im Gegensatz dazu gibt es deutschlandweit durchaus positive Nachrichten: „Die deutsche Wirtschaft befindet sich nach Einschätzung der Institute vor einem Aufschwung“, sagte Roland Döhrn vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) bei der Vorstellung des Herbstgutachtens.

Auch im Ruhrlagebericht wird Optimismus verbreitet: Die Ruhrwirtschaft sehe trotz sinkender Umsätze und Erträge positiv in die Zukunft, heißt es in der Herbstumfrage der Industrie- und Handelskammer.

In NRW lässt sich die europäische Krise an der Außenhandelsstatistik ablesen: Wurden 2008 noch 108 Millionen Tonnen Gesamt-Güter ausgeführt, waren es 2012 nur noch 97,5 Millionen Tonnen. „Es ist eine dramatische Krise“, sagt IMK-Chef Horn.

Der massive Stellenabbau sei ein Warnsignal, das auch die Politik nicht übersehen dürfe. Horn fordert unter anderem ein Ende des Sparkurses und ein europäisches Konjunkturprogramm.

Dass die Energiewende das Geschäftsmodell der großen Stromkonzerne ins Wanken bringt, wirkt sich insbesondere bei NRW-Konzernen wie Eon, RWE und Steag aus. Durch den Vorrang für erneuerbare Energien wie Wind und Sonne stehen die großen Gas- und Kohlekraftwerke regelmäßig still. Allein bei RWE stehen Tausende Arbeitsplätze in der Kraftwerkssparte vor dem Aus.