Kirchen droht wegen Steuer neue Austrittswelle

Raus aus der Kirche zieht es jedes Jahr zigtausende Menschen in Deutschland.
Raus aus der Kirche zieht es jedes Jahr zigtausende Menschen in Deutschland.
Foto: Ingo Wagner/dpa
Erst war es die Affäre um Bischof Tebartz-van Elst, nun sorgt das liebe Geld für Absetzbewegungen in der Kirche. Ab 2015 ziehen die Banken von Zinserträgen und Dividenden automatisch auch Kirchensteuern ab. Nach Info-Briefen von Verbraucherseiten führt das offenbar jetzt zu einer Massenflucht.

Essen.. Manche Finanztipps einschlägiger Verbraucherseiten im Internet sind allzu banal: Mehr als ein Portal empfiehlt zum Steuersparen etwa den Kirchenaustritt. Dass ihre Schäfchen derlei Ratschläge nicht benötigen, hat besonders die katholische Kirche zuletzt schmerzlich erfahren: 178 000 Mitglieder kehrten ihr 2013 den Rücken. Dass es fast so viele waren wie im Rekordjahr 2010 (181.000), lag aber offenbar nicht am Geiz der Gläubigen, sondern am Skandal um den Limburger Bischof Tebartz- van Elst. In diesem Jahr allerdings drohen beiden Kirchen neue Rekordaustritte – und diesmal könnte doch das liebe Geld den Ausschlag geben.

Neues Steuer-Einzugsverfahren

Grund ist ein neues Verfahren, nach dem ab 2015 die Kirchensteuer auf Kapitalerträge automatisch von der Bank einbehalten und an die Kirchen weitergeleitet wird. Beschlossen wurde das zwar bereits 2011, doch Infobriefe der Banken an ihre Kunden haben den Gläubigen dies erst in diesem Jahr so richtig bewusst gemacht. Laut einem Bericht der FAS offenbar mit verheerenden Folgen. So räumt die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ein, die Zahl der Austritte sei im ersten Halbjahr 2014 gestiegen. Aus der Katholischen Kirche gibt es noch keine bundesweiten Zahlen, die Diözese Stuttgart-Rottenburg bestätigte der FAS aber bereits 10.000 Austritte seit Jahresbeginn, so viele, im gesamten Jahr 2012.

Aus den Diözesen unserer Region waren am Wochenende keine aktuellen Zahlen zu erfahren. Aus dem Bistum Essen hieß es, noch lägen keine neue Daten vor. Erst vor drei Wochen hatte das Ruhrbistum die ernüchternde Statistik für 2013 vorgelegt. Im Kernruhrgebiet und dem märkischen Sauerland traten 2013 mehr als 13.500 Katholiken aus, so viele wie noch nie in diesem Jahrtausend. Als Grund wurde auch hier der Vertrauensverlust in die Kirche durch den Limburger Skandal ausgemacht.

Die befürchtete neue Austrittswelle aus finanziellen Gründen dürfte dagegen beide großen Glaubensgemeinschaften gleichermaßen treffen. In NRW beträgt die Kirchensteuer neun Prozent von der Einkommensteuer. Dass auch auf Zinsen und Dividenden Kirchensteuer fällig wird, ist keine Neuigkeit, war bisher vielen Sparern aber nicht bewusst.

Vor Einführung der Abgeltungssteuer 2009 mussten sie ihre Kapitalerträge dem Finanzamt melden, das die Steuern für die Kirchen mit kassierte. Seitdem die Banken pauschal 25 Prozent an den Fiskus abführen, müssen die Gläubigen selbst aktiv werden, damit ihre Kirchen an Zins und Dividende teilhaben. Entweder geben sie es in der Anlage KAP zur Steuererklärung an oder sie beauftragen ihre Bank mit dem Einbehalt der Kirchensteuer.

Gebühr für Austritt soll wegfallen

Weil das offenbar die wenigsten tun, drängten die Kirchen nach Einführung der Abgeltungssteuer darauf, dass die Banken die Kirchensteuer künftig automatisch abführen – und so wird es nun ab 2015 gemacht. Wer zum Beispiel 2000 Euro Kapitalerträge im Jahr erzielt, zahlt nach Abzug des Sparer-Freibetrags dann auf die 293 Euro Abgeltungssteuer neben 16 Euro Soli-Zuschlag noch 26 Euro Kirchensteuer drauf. Fürchten müssen die Kirchen wohl weniger den Ärger über die abzuführenden Summen, sondern vielmehr den möglichen Eindruck bei ihren Mitgliedern, die Kirche blicke ihnen nun auch noch ins Bankkonto.

In NRW droht den Kirchen weiteres Ungemach: Die Grünen pochen darauf, die von Schwarz-Gelb eingeführte Gebühr für Kirchenaustritte von 30 Euro wieder abzuschaffen. Die Gebühr stehe dem Staat zwar zu, so die Grünen, er müsse sie sich aber von den Kirchen holen und nicht von den Bürgern. Setzen sich die Grünen damit durch, fällt eine weitere Austritts-Hürde weg.

 
 

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