Kein deutsches Schnitzel ohne Soja aus Übersee

Gigantische Soja-Felder: Brasiliens Anbauflächen für die Eiweißbombe sind fast so groß wie ganz Deutschland.
Gigantische Soja-Felder: Brasiliens Anbauflächen für die Eiweißbombe sind fast so groß wie ganz Deutschland.
Foto: Bloomberg
Der Handelsriese Rewe verlangt von seinen Fleisch-Produzenten den Verzicht auf Import-Soja aus Übersee, damit dort nicht noch mehr Regenwald abgeholzt wird. Greenpeace lobt die Aktion. Auch andere Lebensmittelriesen sind auf den Plan gerufen worden.

Essen.. Im Land der Grill-Weltmeister kommen Tofuschnitzel eher selten auf den Rost. Was viele Fleischfans nicht wissen: Für ihr Nackensteak, die Rinderhüfte oder das Hähnchenfilet braucht es ein Vielfaches mehr an Soja als für die vegetarischen Fleischattrappen.

Der allergrößte Teil der jährlich importierten rund sieben Millionen Tonnen Soja landet als Eiweißbombe im Tierfutter. Selbst an einem fleischfreien Tag essen die meisten Deutschen in irgendeiner Form Soja – es steckt in Schokoriegeln, Backwaren, Milchgetränken, Suppen, Saucen und unzähligen weiteren Fertig-Produkten.

Soja-Importe aus Brasilien

Das Pikanteste am Soja ist seine Herkunft: Mehr als die Hälfte der deutschen Importe kommt aus Übersee, dort vor allem aus Brasilien, mithin von Flächen, auf denen mal Regenwald stand. Das empört längst nicht mehr nur Umweltaktivisten wie die von Greenpeace. Ihre Proteste riefen Lebensmittel-Riesen wie McDonald’s und Nestlé auf den Plan, die in ihren Chicken McNuggets und Schokoriegeln kein Soja von gerodeten Regenwaldflächen mehr haben wollten.

Mit ihrer Marktmacht zwangen sie Brasiliens Sojahändler 2006 zu einem Moratorium, in dem sie sich verpflichten, auf Soja von Regenwaldflächen zu verzichten. Es wurde nun „ein letztes Mal“ bis zum Jahresende verlängert. Ab 2015 drohen demnach wieder bundeslandgroße Regenwaldflächen abgeholzt zu werden – unter anderem für deutsches Schweinefutter.

Rewe ruft zu Soja-Ersatz auf

Der deutsche Handelsriese Rewe stößt nun Alternativen an und ruft die Produzenten seiner Eigenmarken dazu auf, Übersee-Soja durch heimische Eiweißspender zu ersetzen. Sie müssen etwa in der Hähnchenmast vertraglich zusichern, den Sojaanteil im Futter bis 2015 auf 12,5 Prozent zu senken, was einer Halbierung gleichkommt. Langfristig sollen sie laut der Rewe-Soja-Leitlinien ganz auf Übersee-Soja verzichten.

Klingt nach PR-Kampagne – Greenpeace-Regenwaldexperte Oliver Salge findet’s aber gut: „Das ist der richtige Weg dahin, dass man beim Fleisch nicht die Regenwald-Zerstörung mitkauft“, sagt er. Aber: „Der Handel darf nicht bei den Eigenmarken Halt machen.“

16 Millionen Hektar Regenwald abgeholzt

In den vergangenen zehn Jahren wurden im Amazonasgebiet Brasiliens 16 Millionen Hektar Regenwald abgeholzt – eine Fläche, halb so groß wie Deutschland. Brasiliens Soja-Felder würden mit 30 Millionen Hektar schon fast die gesamte Bundesrepublik bedecken.

Dass zuletzt kaum noch Soja auf frisch gerodeten Regenwaldflächen angebaut wurde, ist für Ludger Breloh, den Bereichsleiter „Grüne Produkte“ bei der Rewe-Gruppe, kein Grund zum Aufatmen. Denn: „Dafür wird Soja nun vermehrt auf ehemaligem Weideland angebaut, das als CO2-Speicher fast genauso wichtig ist wie Regenwald.“ Die Rinderzüchter wichen wiederum auf gerodete Regenwaldflächen aus. „Wir haben also immer noch eine indirekte Verdrängung von Regenwald-Flächen durch den Soja-Boom. Das Ergebnis ist das gleiche“, sagt Breloh.

Greenpeace-Experte Salge ergänzt, nach fünf Jahren Rinderhaltung wachse auf dem Boden kein Gras mehr, dann komme wieder Soja-Anbau in Betracht. „Fällt das Moratorium, drohen zehn Millionen Hektar gerodeter Regenwaldflächen mit Soja bepflanzt zu werden“, warnt er.

Verzicht von Übersee-Soja im Tierfutter

Die einzige Lösung ist für Breloh der Verzicht von Übersee-Soja im Tierfutter. Bei Kühen und Rindern sei ein Ersatz selbst in kurzer Zeit möglich – durch Rapsschrot, ein Nebenprodukt der Agrardiesel-Produktion. „Es enthält alle Eiweißkomponenten, die Wiederkäuer brauchen“, sagt Breloh und rechnet vor: „Wir exportieren pro Jahr bis zu 1,5 Millionen Tonnen Rapsschrot. An Rinder und Kühe werden 800 000 Tonnen Sojaschrot verfüttert. Wir könnten es in der Milch- und Rindfleischproduktion also relativ leicht ersetzen.“

Anspruchsvoller seien Schweine und Hühner, bei ihnen könne man nur einen Teil des Soja- durch Rapsschrot ersetzen. Gleichwertiger Ersatz seien Kartoffel-Eiweiß sowie Ackerbohnen und Futtererbsen. Die wurden früher von den Landwirten nebenbei angebaut, sind aber weitgehend von deutschen Feldern verschwunden, weil sich die meisten Bauern spezialisiert haben. Breloh hofft hier auf eine neue EU-Regelung.

Die verlangt, dass künftig fünf Prozent der Ackerflächen zu ökologischen Vorrangflächen umgewidmet werden. „Wenn Ackerbohnen und Futtererbsen auf solchen Vorrangflächen angebaut werden dürften, würde es einen neuen Boom geben.“ Ökologisch wertvoll seien diese Pflanzen allemal. Und für jede Ackerbohne von nebenan müsste weniger Soja vom Amazonas nach Deutschland verschifft werden, um in hiesigen Schweinetrögen zu landen.

 
 

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