Karstadt will Läden sonntags öffnen und erntet harte Kritik

Beim verkaufsoffenen Sonntag im September war die Wattenscheider Innestadt gut besucht.
Beim verkaufsoffenen Sonntag im September war die Wattenscheider Innestadt gut besucht.
Foto: Ingo Otto
Mehr als vier Mal im Jahr darf in NRW kein Laden sonntags öffnen. Karstadt will den Sonntag möglichst ganz freigeben und erntet heftigen Protest.

Essen.. Alle Jahre wieder stehen Stadtverwaltungen und Räte vor der kniffligen Frage, ob und welche verkaufsoffenen Sonntage sie genehmigen können. Der Handelsverband bringt nun eine bundeseinheitliche Lösung mit zehn Terminen pro Jahr ins Spiel.

Der siebte Tag der Woche steht als Tag „der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung“ unter dem besonderen Schutz des Grundgesetzes. Schon die Schöpfungsgeschichte der Bibel besagt bekanntlich, dass der liebe Gott nach sechs Tagen Arbeit eine Pause eingelegt hat.

Vier verkaufsoffene Sonntag im Jahr pro Laden

Deutschlands Ladenöffnungsgesetze liegen aktuell in der Hoheit der 16 Bundesländer. Darunter fallen auch die Regelungen für die Öffnung an Sonntagen. In NRW ist die Zahl der verkaufsoffenen Sonntage innerhalb einer Kommune auf elf pro Jahr begrenzt. Eine „Verkaufsstelle“ darf dabei jährlich nur an vier Sonn- und Feiertagen öffnen.

Nach einem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 11. November 2015 wurden die Regeln noch einmal verschärft. In Mülheim etwa, wo bald die Kommunalpolitik zur „Verordnung über besondere Öffnungszeiten“ für 2017 entscheiden soll, musste Stadtdirektor Frank Steinfort in seinen Vorschlägen erstmals die strengeren Regeln anwenden. So muss er sicherstellen, dass die Ladenöffnung am Sonntag nur ein Anhängsel einer öffentlichen Veranstaltung ist. Der Ordnungsdezernent musste aber auch Prognosen zu den erwarteten Besucherzahlen abgeben, um die „Strahlkraft“ des begleitenden Stadtfestes zu untermauern. Mehr als Schätzungen konnte er naturgemäß nicht vorlegen.

Konkurrenz zum Internet

Steinfort hält nicht viel von den Forderungen des Handelsverbandes. „Die heutige Regelung ist gut. Die Öffnungszeiten sind ausgereizt“, sagt der Mülheimer Stadtdirektor. „Die Probleme des stationären Einzelhandels beim Kampf gegen das Internet werden sich nicht durch häufigere verkaufsoffene Sonntage lösen lassen“, vermutet Steinfort.

Karstadt-Chef Stephan Fanderl hält es dagegen für nicht zeitgemäß, dass für die Ladenöffnung am Sonntag strenge Vorgaben gelten, während Online-Shopping rund um die Uhr möglich ist. Der Warenhaus-Manager spricht sich für landesweit mindestens zwölf verkaufsoffene Sonntage pro Jahr aus. Letztlich müsse eine generelle Sonntagsöffnung das Ziel sein. „Der stationäre Handel darf nicht diskriminiert werden“, mahnte der Karstadt-Chef bei einem Handelskongress in Berlin. „Wir brauchen Ladenöffnungszeiten, die zur Lebensrealität unserer Kunden passen.“ Dass die Deutschen gerne am Sonntag einkaufen, belege ein Ordervolumen von 20 Prozent des gesamten Online-Handels allein an diesem einen Tag in der Woche.

Karstadt-Chef: „Wir brauchen ganz klar die Sonntagsöffnung“

Bislang sind die Regeln für die Sonntagsöffnung regional unterschiedlich. Als gutes Beispiel bezeichnete der ­Karstadt-Chef die Hauptstadt Berlin: „Gesetzlich geregelte Ladenöffnungszeiten gibt es praktisch nicht. Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: Sie sind gut.“

Shopping am Sonntag sei für Unternehmen wie Karstadt eine Notwendigkeit, mahnte Fanderl. „Um die für uns teure Infrastruktur der innerstädtischen Filialen aufrechtzuerhalten, brauchen wir ganz klar die Sonntagsöffnung.“

Mit Blick auf den Zustand der Innenstädte äußerte sich der Karstadt-Chef besorgt: „Seit einigen Jahren wird seitens der Politik viel dafür getan, die Innenstadt zu einem Hindernisparcours für Besucher zu machen.“ Ein Beispiel sei das Thema Parkplätze. „Findet man welche, zahlt man überzogene Gebühren und wird zu allem Überfluss von Politessen im Minutentakt malträtiert.“ Dies stehe in einem seltsamen Kontrast zur Ordnungspolitik in der Innenstadt selbst. „Vandalismus, Pöbelei, Drogenverkauf, Einbrüche und Übergriffe werden selten ähnlich hart diszipliniert. Das hinterlässt Spuren: Unsere Kunden fühlen sich beim Stadtbummel zunehmend unwohl. Oft siegt das Unbehagen über die Flanierlust.“

Kritik vom Bistum Essen und von Verdi

Als schärfste Kritiker der verkaufsoffenen Sonntage sprechen sich Kirchen und die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi gegen eine Ausweitung der Sondergenehmigungen aus.

„Eine Ausnahme darf nicht zur Regel werden“, mahnt der Generalvikar im Ruhrbistum Essen, Klaus Pfeffer. „Wir brauchen bei aller nötigen Flexibilität in unserer Gesellschaft doch auch gemeinsame Zeiten, in denen das Hamsterrad des Alltags sich langsamer dreht oder mal still steht“, sagte der Verwaltungschef des Bistums dieser Zeitung. Pfeffer plädiert für „gemeinsame Ruhetage im Leben – für unser inneres Wohl, aber auch für unseren gemeinschaftlichen Zusammenhalt“ an Sonn- und Feiertagen.

Für Stefanie Nutzenberger, Mitglied im Verdi-Bundesvorstand, stehen in der Debatte um verkaufsoffene Sonntage die Mitarbeiter im Handel im Vordergrund: „Für die Beschäftigten sind Sonntagsöffnungen äußerst schwierig und belastend. Die Liberalisierung der Öffnungszeiten war ein Schub für die Verschlechterung der Arbeitsbedingungen“, sagte die Spitzengewerkschafterin unserer Redaktion. Nach Beobachtungen von Verdi decken Händler längere Öffnungszeiten durch immer flexiblere Arbeitszeitmodelle ab. Nutzenberger: „Rund zwei Drittel aller Beschäftigten im Handel arbeiten mittlerweile in Teilzeit oder als 450-Euro-Kräfte“ – unfreiwillig, wie sie betont.

Eine Erweiterung der Sonntagsöffnungszeiten lehnt Verdi deshalb ab und fordert stattdessen „existenzsichernde und gute Arbeitsbedingungen“.

 

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