Kampf den Stromfressern in Hartz-IV-Haushalten

Thomas Rünker u. Hans-Willy Bein
In vielen Städten können sich Hartz-IV-Empfänger in ihrer Wohnung kostenlos rund ums Energiesparen beraten lassen. Davon profitieren die Bewohner, die Städte – und die Berater, die ehemalige Langzeitarbeitslose sind.

Essen. Einsparmöglichkeiten von gut 130 Euro pro Jahr? Das lässt aufhorchen. Erst recht in Haushalten, die monatlich nur den Hartz-IV-Regelsatz von 364 Euro pro Erwachsenem zur Verfügung haben. Da verwundert es kaum, dass in den vergangen zweieinhalb Jahren mehr als 22 000 Hartz-IV-Haushalte kostenlose Energiespar-Beratungen in Anspruch genommen haben, seitdem dank Spartipps und kleiner technischer Kniffe im Schnitt entsprechend viele sparen und die Umwelt schonen.

Seit Anfang 2009 gibt es das Projekt „Stromspar-Check“, in dessen Rahmen sich Hartz-IV-Empfänger in bundesweit rund 100 Städten, davon 27 in NRW, zum sparsamen Umgang mit Energie und Wasser beraten lassen können – unter anderem in Duisburg, Essen, Mülheim, Geldern und Düsseldorf. Dabei kennen sich die Berater im Milieu ihrer Klienten bestens aus und begegnen ihnen „auf Augenhöhe“, weil sie selbst Hartz-IV-Empfänger, also lange Zeit arbeitslos, waren, bevor sie im Rahmen von „Stromspar-Check“ zu Energiesparberatern ausgebildet wurden.

Rund 100 Städte

Am Anfang einer Beratung stünden oft Sätze wie „Sie waren da letztens bei meinem Nachbarn“, sagt Nicola Buskotte vom Caritasverband im Erzbistum Köln, die das vom Bundesumweltministerium und einzelnen Kommunen finanzierte Projekt in NRW koordiniert. „Da läuft viel über Mund-zu-Mund-Propaganda.“ Nach einer Terminvereinbarung kommen die Energiesparhelfer in die Wohnung und erfassen alle Geräte samt Energieverbrauch. „Die Zahlen werden dann in einer Datenbank ausgewertet, und aus den Ergebnissen wird ein Haushaltsbericht mit Verbesserungsvorschlägen erstellt.“ Diesen Bericht gehen die Berater beim zweiten Besuch mit den Bewohnern durch.

Neben der Theorie gibt es dann aber vor allem praktische Sparhilfe. Im Schnitt würden die Berater pro Wohnung acht bis neun Energiesparlampen in die Fassungen schrauben und ein bis zwei Steckdosenleisten anschließen, um den Verbrauch von „Stand-by-Geräten“ wie Fernseher oder Musikanlage zu senken, berichtet Buskotte. In Küche und Bad würden zudem „Perlatoren“, die Luft in den Wasserstrahl mischen, den Verbrauch senken. Gelegentlich spendierten die Berater auch einen neuen Duschkopf.

Praktische Sparhilfe

Spendieren, weil all diese Energiesparhilfen für die besuchten Haushalte gratis sind – oft finanziert von örtlichen Sponsoren wie Baumärkten oder Energieversorgern. So wurden in den vergangenen zwei Jahren allein in Duisburg bei rund 1100 Haushaltsbesuchen Energiesparhilfen im Wert von rund 54 000 Euro eingebaut, heißt es bei der dortigen Caritas. So hätten die Haushalte im Schnitt sogar stolze 210 Euro jährliche Kosten eingespart – deutlich mehr als im Bundesschnitt, weil in Duisburg der Anteil der elektrischen Warmwasser-Aufbereitung höher liege und diese ein hohes Sparpotenzial biete, erklärt Buskotte.

Ein Sponsor des Stromspar-Checks ist der RWE-Konzern. Derzeit gebe es Gespräche, am Konzernsitz Essen, ein Projekt der Diakonie zu unterstützen, so ein Sprecher. Schon seit gut eineinhalb Jahren unterstützt RWE zudem den Berliner Verein Cleverkiez, der - gegründet im Problem-Stadtteil Marzahn - mittlerweile in mehreren Bezirken der Hauptstadt die Energiesparberatung für Hartz-IV-Empfänger organisiert. Mehr als 600 Haushalte wurden bereits besucht. Über die Verringerung des Strom- und Wasserverbrauchs konnten diese Kunden nach Angaben von RWE insgesamt knapp 40 000 Euro sparen. Wissenschaftlich begleitet wird die Arbeit des Vereins durch die Berliner Energieagentur und das Wuppertal Institut.

Zukunftsträchtige Branche

Die bundesweite Bewertung des Stromspar-Checks ist weitestgehend positiv: Die Ar­beitslosen werden qualifiziert, zudem in einer zukunftsträchtigen Branche, und der Sparerfolg liegt auf der Hand – nicht nur für die Haushalte, sondern auch für Kommunen, etwa wenn Hartz-IV-Empfängern lernen, wie sie energiesparender lüften. Denn Heizkosten in Hartz-IV-Haushalten zahlen Stadt oder Kreis.

Offen ist indes die Frage, ob das Projekt langfristig gesichert werden kann. Einerseits fürchtet man bei der Caritas, dass mit den geplanten Einschränkungen bei den Arbeitsgelegenheiten für Hartz-IV-Empfänger der Kreis möglicher Energiesparberater eingeschränkt wird. Andererseits läuft das vom Bundesumweltministerium finanzierte Projekt Ende 2012 aus – und steht, wo es allein von Kommunen finanziert wird, oft ohnehin unter dem Vorbehalt knapper Kassen. „Es hängt davon ab, ob es jemanden gibt, der dieses Projekt zu seinem Thema macht“, sagt Nicola Buskotte. In NRW hat Rot-Grün im Koalitionsvertrag vereinbart „Projekte der aufsuchende Energieberatung“ unterstützen und weiter ausbauen zu wollen. Konkrete Pläne hierzu sind aber bislang Fehlanzeige.