Kaiser's Tengelmann will in NRW Dutzende Filialen schließen

Frank Meßing
Die gerichtlich untersagte Fusion von Kaiser's Tengelmann und Edeka zieht bei Kaiser's nun weitere Schritte nach sich.
Die gerichtlich untersagte Fusion von Kaiser's Tengelmann und Edeka zieht bei Kaiser's nun weitere Schritte nach sich.
Foto: Oliver Berg/Archiv
Die Pläne zur Schließung vieler Märkte von Kaiser’s Tengelmann werden konkreter. In NRW könnten 80 Supermärkte geschlossen werden.

Düsseldorf. Für die angeschlagene Supermarktkette Kaiser’s Tengelmann beginnt eine Woche der Entscheidung: In den nächsten Tagen soll der mit Spannung erwartete Gipfel der Handelsbosse stattfinden, der den Abbau Tausender Stellen verhindern soll, über den der Aufsichtsrat von Kaiser’s Tengelmann am Freitag beraten will.

KommentarKonkret: Die Chefs der Handelskonzerne Edeka, Rewe und Tengelmann wollen sich Anfang der Woche zu einem Gespräch treffen, um einen Kahlschlag bei der kriselnden Mülheimer Supermarktkette zu verhindern. Eine Übernahme des Unternehmens mit seinen knapp 16.000 Beschäftigten durch die Edeka ist gerichtlich gestoppt.

Tausende Jobs in NRW sind bedroht

Sollte es keine zeitnahe Lösung geben, will Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub die Notbremse ziehen. Nach Informationen der „Bild am Sonntag“ sollen 3000 der 4000 Arbeitsplätze bei Kaiser’s Tengelmann in NRW wegfallen. 34 Supermärkte will Haub in den nächsten Monaten schließen, weitere 45 gelten als angeschlagen. Bis Jahresende sollen sechs Filialen in Düsseldorf dicht machen, in Bochum, Essen und Mülheim je eine.

Betroffen von den Schließungsplänen wären demnach Filialen in Aachen, Bad Honnef, Bergisch Gladbach, Bochum, Bonn, Düsseldorf, Essen, Euskirchen, Iserlohn, Jülich, Kaarst, Köln, Königswinter, Krefeld, Langenfeld, Leichlingen, Linz, Meerbusch, Monheim, Mönchengladbach, Mülheim/Ruhr, Nettetal, Neuss, Oberhausen, Schwalmtal, Siegburg, Solingen, Viersen, Wesseling, Willich, Wuppertal und Würselen.

Für das Spitzengespräch hatte die Gewerkschaft Verdi geworben. Stefanie Nutzenberger, für den Handel zuständiges Bundesvorstandsmitglied, rief alle drei Chefs an, die in der Kaiser’s Tengelmann-Krise eine Rolle spielen: Tengelmann-Eigentümer Karl-Erivan Haub, der seit zwei Jahren vergeblich versucht, seine Supermärkte an den Edeka-Vorstandsvorsitzenden Markus Mosa zu verkaufen. Dagegen hatte Rewe-Chef Alain Caparros erfolgreich geklagt.

Rewe-Chef gibt sich versöhnlich

Als Moderator für das Elefantentreffen fällt der Name des früheren NRW-Ministerpräsidenten Wolfgang Clement. Im Gespräch mit dieser Zeitung gab sich der 76-Jährige reserviert. „Ich weiß darüber nichts“, sagte Clement, betonte aber auch, dass es nicht zum Kahlschlag bei Kaiser’s Tengelmann kommen dürfe. „Es kann nicht sein, dass in dieser Woche 5000 Arbeitsplätze wegfallen.“

Rewe-Chef Caparros, dem durch die Rücknahme seiner Klage eine Schlüsselrolle zufallen könnte, gibt sich versöhnlich. In einem Brief an Tengelmann-Inhaber Haub signasilisierte er Gesprächsbereitschaft. „Wir stehen seit jeher dazu bereit, bei Kaiser’s Tengelmann langfristig Arbeitsplätze, Tariflöhne und Mitbestimmung zu sichern. Die Entscheidung über die Zukunft von Kaiser’s Tengelmann liegt aber einzig und allein bei Herrn Haub“, so ein Rewe-Sprecher.

Mehrere Klagen müssten zurückgezogen werden 

Völlig offen ist indes, was Edeka und Tengelmann der Rewe für eine etwaige Rücknahme der Klage bieten. Von den über 400 Kaiser’s-Filialen können nach Vorgaben des Kartellamts nur rund 140 an die Marktführer abgegeben werden. Zudem gibt es Klagen der Unternehmen Markant und Norma. Auch sie müssten zurückziehen.

HintergrundWie dramatisch die Lage bei Kaiser’s Tengelmann geworden ist, beschreibt der Geschäftsführer der Kette, Raimund Luig, in einem Brief an Haub. Das Schreiben liegt dieser Zeitung vor. Luig beklagt einen „Abschmelzungsprozess“. Zum Jahresende werde es nur noch 405 Filialen geben. 2017 liefen Mietverträge für 25 Filialen aus.

„Besonders kritisch“ sei die Lage in NRW. Ende 2016 werde es hier nur noch 95 Standorte geben. Zu Beginn des Verkaufsprozesses im Oktober 2014 waren es noch 145. „Die Umsätze sinken allein in diesem Jahr um 13,5 Prozent zum Vorjahr, zuletzt mit stark zunehmender Tendenz“, schreibt Luig. Das Geschäftsjahr werde Kaiser’s Tengelmann mit einem Defizit von 90 Millionen abschließen. 2017 werde sich die Lage „weiter deutlich verschlechtern“, sagt er voraus.

Mitarbeiter laufen bereits zu Wettbewerbern über

Nach Luigs Darstellung laufen Mitarbeiter zu Wettbewerbern über, die sich als Nachmieter ins Gespräch brächten. In der Mülheimer Zentrale habe es 100 Eigenkündigungen gegeben. Im Oktober müsse deshalb das Team „Nationales Qualitätsmanagement“ aufgelöst werden. „Noch ist das Unternehmen unter Kontrolle“, erklärt Luig.

Sollte der Weg für die Übernahme durch Edeka nicht zustandekommen, will Tengelmann-Chef Haub vor allem in NRW die Reißleine ziehen. Einer Liste zufolge, die die „Bild am Sonntag“ veröffentlichte, sollen in NRW in den nächsten Monaten 34 Filialen geschlossen werden – die meisten im rheinischen Raum. Vor dem Aus stehen aber auch die Supermärkte Bredeneyer Straße (Essen), Rhein-Ruhr-Zentrum (Mülheim) und Kemnader Straße (Bochum). Weitere 46 Standorte seien mittelfristig von der Schließung bedroht. Darunter die Markstraße (Bochum), Bebelstraße (Oberhausen) und die Zentrale in Mülheim.