Iran will Gas nach Europa liefern

Gerd Höhler
Foto: Herzig

Teheran. Der Iran verhandelt nach eigenen Angaben über einen Einstieg beim Nabucco-Pipeline-Projekt. Auch die Türkei macht sich für eine Beteiligung des Iran an der geplanten Pipeline stark.

Käme es dazu, wäre das der Durchbruch für das mehrfach aufgeschobene Nabucco-Vorhaben, das Westeuropa unabhängiger von russischen Gaslieferungen machen soll. Voraussetzung für eine Beteiligung des Iran wäre aber eine Beilegung des Atomstreits mit Teheran.

Resa Kaseisadeh, der Direktor der staatlichen iranischen Gas-Export- Gesellschaft NIGEC, sagte am Wochenende der iranischen Nachrichtenagentur Mehr, man führe "inoffizielle Gespräche mit mehreren europäischen Energieunternehmen" über Gaslieferungen für Nabucco. Die 3300 Kilometer lange Pipeline soll ab 2014 Gas aus Mittelasien über die Türkei und den Balkan nach Österreich bringen. An dem Nabucco-Konsortium sind unter Führung des österreichischen Energiekonzerns OMV Firmen aus der Türkei, Bulgarien, Rumänien und Ungarn sowie das deutsche Energieunternehmen RWE beteiligt.

30 Millionen Kubimeter pro Jahr

Das Vorhaben stockt aber, weil es bisher noch keine festen Lieferverträge für die bis zu 30 Millionen Kubikmeter Gas gibt, die jährlich durch die Rohrleitung fließen sollen. Als mögliche Lieferländer gelten Aserbaidschan, Turkmenistan und der Irak. Eine Beteiligung des Iran, der global über die zweitgrößten bekannten Erdgasvorkommen nach Russland verfügt, wäre ein großer Schritt nach vorn für das auf knapp acht Milliarden Euro veranschlagte Vorhaben. Nabucco wäre damit auch im Vorteil gegenüber dem Russischen Konkurrenzprojekt South Stream. Mit dieser Pipeline, die russisches Erdgas quer durchs Schwarze Meer über den Balkan nach Österreich und Italien bringen soll, will der Kreml-Konzern Gazprom seine dominierende Stellung auf dem europäischen Gasmarkt festigen.

Vor allem die Türkei will den Iran bei Nabucco an Bord holen. Ministerpräsident Tayyip Erdogan sagte vergangene Woche bei einem Besuch in Teheran, ohne iranische Gaslieferungen sei das Nabucco-Projekt zum Scheitern verurteilt. Während des Erdogan-Besuchs unterzeichneten der Iran und die Türkei ein Erdgasabkommen. Es gibt der staatlichen türkischen Erdölgesellschaft TPAO eine Konzession, im iranischen South Pars-Feld 35 Milliarden Kubikmeter Erdgas zu fördern. Davon ist die Hälfte für den türkischen Markt bestimmt, die andere Hälfte soll nach Westeuropa exportiert werden - mutmaßlich durch die Nabucco-Pipeline. Der Iran war schon früher als möglicher Lieferant für Nabucco im Gespräch. Dem stehen aber bisher der Streit um das Atomprogramm Teherans und die deswegen verhängten internationalen Handelssanktionen im Wege. Der Westen verdächtigt den Iran, unter dem Deckmantel eines zivilen Atomprogramms an nuklearen Waffen zu arbeiten. Teheran soll deshalb auf die Uran-Anreicherung verzichten. Ein Kompromissvorschlag der UN-Atomenergiebehörde sieht vor, dass der Iran etwa drei Viertel seiner Uran-Bestände in Russland anreichern und in Frankreich zu Brennstäben verarbeiten lässt. Damit könnte das Land am Bau von Atomwaffen gehindert werden. Es ist aber noch offen, ob Teheran dem Kompromiss zustimmt.

Türkei kritisiert Sanktionen gegen Iran

Der türkische Premier Erdogan kritisierte am Wochenende die internationalen Sanktionen gegen den Iran. In einer Fernsehansprache sagte Erdogan offenbar unter Anspielung auf Israel, "diejenigen, die diese arroganten Sanktionen wollen, müssen als erste diese Waffen abgeben". Bereits vergangene Woche hatte Erdogan bei einem Besuch in Teheran das iranische Atomprogramm als `humanitär und friedlich" bezeichnet und die Befürchtungen des Westens als "Gerede" abgetan. "Ich glaube, früher oder später wird man bei Nabucco die Bedeutung einer Beteiligung des Iran erkennen", habe der türkische Premier dem iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad versichert, berichteten iranische Medien. Schon nächste Woche will Erdogan erneut mit Ahmadinedschad zusammentreffen: am kommenden Montag wird der iranische Präsident zu einem Treffen der Organisation der Islamischen Konferenz (OIC) in Istanbul erwartet.