"Hier riecht's besser": Lipper Kampagne stinkt dem Revier

Rauchende Schornsteine in Duisburg-Hamborn. Die IHK Lippe wirbt mit der besseren Luft auf dem platten Land, das Ruhrgebiet findet das nur bedingt lustig.
Rauchende Schornsteine in Duisburg-Hamborn. Die IHK Lippe wirbt mit der besseren Luft auf dem platten Land, das Ruhrgebiet findet das nur bedingt lustig.
Foto: imago
Wieder treibt eine Region Späße auf Kosten des Reviers. Der neue Slogan der IHK Detmold kommt bei Politikern aus dem Ruhrgebiet nicht gut an.

Düsseldorf.. Josef Hovenjürgen ist im Düsseldorfer Landtag als leutseliger Landwirt bekannt, der zum Lachen nicht den Keller aufsucht. Der 52-jährige CDU-Fraktionsvize stammt aus Haltern am See, also dem beschaulichen münsterländischen Ausläufer des Ruhrgebiets. Dennoch reagierte Hovenjürgen wenig amüsiert, als ihm Ende der vergangenen Woche eine Werbekarte der Industrie- und Handelskammer (IHK) Detmold in die Hände fiel. Darauf prangte in großen Buchstaben: „Lippe liegt am A… der Welt. Aber hier riecht’s besser als im Ruhrgebiet.“

Hovenjürgen setzte ein Beschwerdeschreiben an den IHK-Geschäftsführer Andreas Henkel auf. „Ein Spruch, über den sich schmunzeln lässt, der aber leider zu Lasten Dritter geht. Wirklich gute Werbung verzichtet darauf“, formulierte der CDU-Mann. Er lud Henkel „gern zum Schnuppern ins Ruhrgebiet“ ein und schloss bissig: „Sie können uns ohne Atemschutz besuchen.“

Selbstironische Sprüche

Eine Posse? Die IHK in Detmold hatte die Lipper Bürger Ende 2014 aufgerufen, für eine neue Standortkampagne mal „eine Lippe zu riskieren“. Die meisten ausgewählten Sprüche waren eher selbstironisch angelegt und kamen brav daher wie: „Lipper leben auf dem Land. Aber nicht hinterm Mond.“ Der aus Ostfriesland stammende NRW-Wirtschaftsminister Garrelt Duin (SPD), seit 2012 Wahl-Essener, gratulierte den Detmoldern sogar zur Kampagne.

Die lippische Frotzelei gegen das Ruhrgebiet könnte man dort getrost ignorieren. Schließlich ist das Revier in gleich sechs der 16 Industrie- und Handelskammern in NRW (Bochum, Essen, Dortmund, Duisburg, Hagen, Münster) maßgeblich vertreten und spielt in der ökonomischen Wahrnehmung des Landes eine weitaus bedeutendere Rolle als Detmold. Die niederrheinische IHK in Duisburg ist nicht zuletzt die Heimatkammer des BDI-Präsidenten Ulrich Grillo.

Vorbild Baden-Württemberg

Dennoch scheint die Bereitschaft im Ruhrgebiet, Späße auf Kosten des eigenen Ansehens hinzunehmen, allmählich an Grenzen zu stoßen. Schon der abgewählte Düsseldorfer Oberbürgermeister Dirk Elbers (CDU) erlebte 2014 einen bundesweit wahrnehmbaren Sturm der Entrüstung, als er im Wahlkampf erklärte, im Ruhrgebiet wolle man „nicht tot überm Zaun hängen“. Zuvor hatte er geschichtsvergesssen an der Stadtgrenze plakatieren lassen: „Sie verlassen den schuldenfreien Sektor“. Das reiche Düsseldorf mit hohen Immobilienpreisen und sprudelnden Gewerbesteuern und das darbende Duisburg mit hoher Arbeitslosigkeit und viel Leerstand trennt zwar eine unsichtbare Grenze. Doch so viel zur Schau gestellte Düsseldorfer Arroganz war selbst Elbers’ Parteifreunden peinlich.

Die Lipper Imagekampagne versucht sich nun offenbar an der selbstbewussten Gelassenheit eines Vorbilds, das bis heute Politiker und Wirtschaftsförderer in ganz NRW ins Schwärmen bringt: Baden-Württembergs wohl erfolgreichste Regionalwerbung „Wir können alles außer Hochdeutsch“ aus dem Jahr 1999. Immer wieder bastelte auch die NRW-Landesregierung an einer selbstbewussten Formel, landete aber letztlich immer bei PR-Stangenware. Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) trommelte 2008 mit dem etwas eigenwilligen Spruch „We love the new“, seit 2011 preist sich NRW im Ausland mit „Germany at its best“. Nichts ist eben so schwer wie das Leichte.

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