Hertie soll innerhalb von zwei Monaten abgewickelt werden

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Essen. Nach dem Scheitern der Rettungsbemühungen um die insolvente Warenhauskette Hertie sollen die 54 Kaufhäuser innerhalb von zwei Monaten abgewickelt werden. Den verbliebenen rund 2600 Mitarbeitern droht nun die Arbeitslosigkeit. Der Betriebsrat fordert einen Sozialplan.

Nach dem Scheitern der Rettungsbemühungen um die insolvente Warenhauskette Hertie sollen die 54 Kaufhäuser schnell abgewickelt werden. In den nächsten Wochen werde er mit der Schließung von Hertie beginnen, sagte Insolvenzverwalter Biner Bähr am Mittwoch in Essen. Wie lange dieser Prozess dauern wird, sei offen. Innerhalb von zwei Monaten solle die Kette aber liquidiert werden. Der Betriebsrat fordert einen Sozialplan. Laut Bähr ist unklar, wie viel Geld für Abfindungen zur Verfügung stehen wird.

Die Hertie-Gläubigerversammlung hatte zuvor mit 84,6 Prozent auf Empfehlung von Bähr die Schließung beschlossen. Da Hertie-Besitzer Dawnay Day nicht zu einer Einigung mit möglichen Investoren bereit sei, gebe es keine andere Lösung mehr, sagte Bähr. Die Verhandlungen waren an Mietforderungen gescheitert. Den verbliebenen 2600 Mitarbeitern droht die Arbeitslosigkeit.

Hertie-Rettung gescheitert

Hertie-Insolvenzverwalter Biner Bähr hatte der Gläubigerversammlung die endgültige Schließung der Warnhauskette empfohlen. Der Insolvenzverwalter sagte, er sehe keine Chance für eine Fortführung des Unternehmens. Denn er habe keine Hoffnung mehr, noch mit dem Investor Dawnay Day zu einer Einigung über neue Mietverträge für die Mehrzahl der Warenhäuser zu kommen.

Zuvor hatte Bähr auf der Versammlung erneut für eine Zukunft der Warenhauskette geworben. Die ebenfalls insolvente Dawnay Day weigerte sich jedoch, auf interessierte Investoren einzugehen und die Mieten für die Warenhäuser zu senken. Die Warenhäuser sollen nunmehr verkauft werden. Den verbliebenen rund 2600 Mitarbeitern droht nun die Arbeitslosigkeit. Dawnay Day hatte Hertie 2005 von Karstadt übernommen.

"Keine Ahnung" vom Warenhausgeschäft

«Keine Ahnung» habe die ebenfalls insolvente britische Immobiliengruppe vom Warenhausgeschäft gehabt, kritisierte Biner Bähr in der turbulenten Sitzung. Seit dem Kauf der Hertie-Häuser von Karstadt im Jahr 2005 sei es den neuen Besitzern vor allem darum gegangen, Geld aus den Warenhäusern zu ziehen. Dawnay Day verlange für die Warenhäuser überzogene Mieten, die teils bei bis zu 25 Prozent des Umsatzes lagen, sagte Bähr verbittert.

Dawnay Day hatte sich mit Immobilien verspekuliert und war 2008 selbst in die Insolvenz gegangen. Im Juli 2008 folgte die Hertie-Pleite. Seither ist die niederländische Dawnay-Day-Tochter Mercatoria Acquisitions für die Verwertung der Hertie-Gebäude zuständig und strebt an, die Häuser einzeln zu verkaufen. Erst am Dienstag hatte sich eine Investorengruppe aus den Rettungsgesprächen zurückgezogen. Die Mietforderungen seien zu hoch gewesen.

Horrende Mietforderungen

An den horrenden Mieten seien im Insolvenzverfahren alle Verhandlungen mit Investoren gescheitert, kritisierte Bähr. Er rügte zudem die Strategie der Besitzer, die Warenhäuser einzeln verkaufen zu wollen. «Ich verstehe das nicht», sagte Bähr kopfschüttelnd.

Auf dem Immobilienmarkt werde man keine guten Preise erzielen, wenn die verbliebenen 54 Häuser zum Verkauf stehen würden. Die Hertie-Immobilien seien rund 187 Millionen Euro wert. Bei einem Notverkauf ließe sich dieser Betrag aber wohl kaum realisieren.

Auch der Vorsitzende des Hertie-Gesamtbetriebsrats, Bernd Horn, griff Dawnay Day an. Soviel Unwillen zu einer konstruktiven Lösung hätten die Hertie-Beschäftigten noch nicht erlebt. Dawnay Day habe Hertie «ausbluten» lassen, sagte Horn.

Juristen attackieren Insolvenzverwalter

Mehrere Rechtsanwälte der Hertie-Eigner wiesen die Kritik zurück. Ohne finanzkräftige Investoren habe es keinen Sinn, die «Agonie» bei Hertie um einige Monate zu verlängern, sagte Dawnay-Day-Jurist Detlev Stoecker. Man habe zudem nicht Geld aus Hertie rausgezogen, sondern 180 Millionen Euro in die Kaufhäuser investiert.

Die Juristen attackierten den vorn auf einer Bühne sitzenden Insolvenzverwalter. Sie warfen ihm Einseitigkeit und «Verblendung» vor. Im Gegenzug attestierte Bähr den Kontrahenten «Frechheit». Er lasse sich aber «nicht aus der Contenance bringen», so Bähr.

Eine Vertreterin der Gläubiger rief Bähr und die Dawnay-Day-Vertreter daraufhin zur Ordnung: «Wir sollten die Diskussion versachlichen.» Zum ersten und einzigen Mal applaudierten die Gläubiger.

„Wer ist denn nun Hertie?“

Eine Hertie-Lieferantin unter den Gläubigern beschwerte sich, im Handelsregister seien gleich vier verschiedene Firmen unter dem Namen Hertie verzeichnet. «Wer ist denn nun Hertie?», fragte die Frau. Eine befriedigende Antwort bekam sie nicht. Auch die anderen Gläubiger, Produkt-Lieferanten von Schuhen bis zu Textilien, reagierten oft mit Kopfschütteln auf die Debatten. Viele klagten, sie hätten schon 2006 auf Zahlungsprobleme hingewiesen.

Bähr warb dennoch zunächst für eine Fortsetzung der Rettungsbemühungen. Bei einer schnellen Schließung hätten die Gläubiger nämlich keine Chance auf Erfüllung ihrer Forderungen. Die Warenhäuser sollten mit einem verschlankten Sortiment die «bürgerliche Mitte» anlocken.

Der Anwalt forderte aber vergeblich ein Einlenken von Dawnay Day. Als im Laufe der rund fünfstündigen Sitzung keinerlei Bewegung bei den Besitzern erkennbar war, empfahl Bähr das Ende für Hertie. Die «Liquidierung» sei «furchtbar» für die 2600 verbliebenen Mitarbeiter und die 4500 Gläubiger, sagte Bähr. Es wurden Forderungen von rund 223 Millionen Euro angemeldet. Das Unternehmen hat aber nur noch 23,5 Millionen Euro Kontoguthaben. «Ich hätte Bill Gates als Investor präsentieren können, Dawnay Day hätte sich dennoch nicht bewegt», sagte der Insolvenzverwalter.

Hintergrund: Das Aus für Hertie in sechs Daten

  • Die insolvente Warenhauskette Hertie kann auf eine lange Tradition zurückblicken. 1892 gründete der jüdische Kaufmann Hermann Tietz die ersten Warenhäuser. Nach der Zwangsarisierung durch die Nazis wurde die Kette nach dem Namen des Gründers in Hertie umbenannt.
  • Der Unternehmer Georg Karg übernahm den arisierten Betrieb und kontrollierte ihn mit seiner Familie auch nach dem Zweiten Weltkrieg. 1994 übernahm Karstadt die Hertie-Warenhäuser.
  • Seit 2005 gehört Hertie dem britischen Investor Dawnay Day. Damals hatte das Unternehmen noch etwa 3400 Mitarbeiter und unterhielt bundesweit 72 Filialen.
  • Hertie hatte Ende Juli 2008 Insolvenz angemeldet. Im März 2009 war das Insolvenzverfahren offiziell eröffnet worden.
  • Heute betreibt Hertie in Deutschland noch 54 Warenhäuser und beschäftigt etwa 2600 Mitarbeiter.
  • Dawnay Day hatte sich mit Immobilien verspekuliert und war 2008 selbst in die Insolvenz gegangen. Seither ist dessen Tochter, die niederländische Mercatoria Acquisitions, für die Verwertung der Hertie-Gebäude zuständig und strebt an, die Häuser einzeln zu verkaufen. Wegen dieser Immobilienstrategie gab es keine Einigung mit einer möglichen Hertie-Investorengruppe. (ap/ddp)
 
 

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