Handwerk wirbt um Gymnasiasten

Aufbruch ins Berufsleben: Viele Betriebe suchen nach Azubis.
Aufbruch ins Berufsleben: Viele Betriebe suchen nach Azubis.
Foto: www.BilderBox.com IHK Siegen
Ausbildungsbörse der Düsseldorfer Kammer zählt noch rund 1100 offene Stellen

An Rhein und Ruhr.  Stichtag 1. August – gestern startete, zumindest offiziell, das neue Ausbildungsjahr. Bei der Handwerkskammer Düsseldorf, zuständig für die Rhein-Ruhr-Region, sind aktuell noch rund 1100 unbesetzte Lehrstellen registriert, knapp 200 offene Stellen mehr als sonst um die Zeit. Erfahrungsgemäß wird sich aber in den nächsten Wochen noch eine Menge tun. Gut 5000 Ausbildungsverträge sind im Kammerbezirk bislang unter Dach und Fach.

Schulbesuche, Praktika, Plakatkampagnen, sogar Speed-Datings: Das Handwerk müht sich in Zeiten des heraufziehenden Fachkräftemangel intensiv um Nachwuchs. Weil die Zahl der Hauptschulabgänger immer deutlicher spürbar abnimmt, die Anforderungen auch stetig zunehmen, werben Handwerksmeister und Betriebe auch verstärkt um Gymnasiasten. Nur lässt man sie nicht überall werben: Wie Kammersprecher Alexander Konrad gegenüber der NRZ berichtet, stoße man immer auch auf Rektoren, die Handwerksbetriebe bei zu vergebenden Praktika nicht berücksichtigen, weil sie offenbar der Meinung seien, ein Handwerksberuf sei nichts für einen Abiturienten.

Kombination aus Lehre und Studium bietet Chancen

Bei der Kammer hat man dafür kein Verständnis: „Wir haben das schon bei der Landesregierung im Zuge des Ausbildungskonsenses angesprochen“, sagt Konrad. Er verweist darauf, dass sich aus der Kombination von Ausbildung und Studium zahlreiche Karrieremöglichkeiten ergäben. Dafür wollen Handwerksvertreter Gymnasiasten schon frühzeitig sensibilisiert wissen, sie plädieren deshalb für verbindlichen Werkunterricht auch an Gymnasien. „Junge Menschen müssen ihre Hände als Werkzeug zum künftigen Broterwerb kennenlernen“, ist Kammersprecher Konrad überzeugt.

Die noch hohe Zahl an offenen Lehrstellen im Handwerk spiegelt auch die gute Konjunktur im Handwerk wieder. Deutlich wird das, wenn man betrachtet, welcher Ausbildungsberuf derzeit die Hitliste der noch offenen Lehrstellen anführt: der Elektroniker (siehe Box) – „ein absoluter Zukunftsberuf“, schwärmt Konrad. Das E-Handwerk boome, weil immer mehr Wohnhäuser und Gewerbeimmobilien für mehr Energieeffizienz und mehr Bedienkomfort umgerüstet werden. Elektroniker sind gefragte Leute.

Tobias Koppen aus Oberhausen weiß, wie schwer es ist Nachwuchs zu finden: „Erst am Freitag konnte ich meine letzte Stelle besetzen.“ Insgesamt sechs Azubis hatte Koppen gesucht. Sein Betrieb hat sich auf Elektro-, Daten-, Klima-, und Sicherheitstechnik spezialisiert. Wobei die Anforderungen auch hoch sind. „Einen Realschul-Abschluss erwarte ich schon. Vorrangig nehmen wir aber Gymnasiasten.“ Erwartet werden ein gutes Verständnis für Physik und Mathematik, aber auch räumliches Vorstellungsvermögen, handwerkliches Geschick und technisches Verständnis sind gefordert.

Etwas deftiger, aber nicht weniger technisch geht es bei Axel Tepaß zu. Er leitet ein Fleischereiunternehmen in Rheinberg. Auch er ist noch auf der Suche nach einer Nachwuchskraft. „Unsere Branche ist mittlerweile hochtechnisiert, das denkt man ja zuerst gar nicht. Aber wir erwarten von unseren Bewerbern technisches Verständnis und mathematische Fähigkeiten.“ Tepaß erwartet einen guten Hauptschulabschluss und – noch wichtiger als Noten – hohe Zuverlässigkeit. „Einen Auszubildenden, der alle zwei Wochen fehlt, kann sich ein kleines Unternehmen nicht leisten.“

Darauf legt auch die Dinslakener Bäckereikette Schollin wert. „Noten sind schön, wichtiger aber sind im Verkauf Eigenschaften wie Freundlichkeit und Zuverlässigkeit. In der Produktion legen wir dagegen Wert auf Körperlichkeit“, erklärt Personalreferentin Sarina Rieken. Man merke aus ihrer Erfahrung aber auch, dass der Bäckerberuf trotz seiner Vielseitigkeit, „nicht so der Wunschberuf sei“.

 
 

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