Günstige Nahrung aus der Agrarfabrik

Berlin. Der Skandal um das giftige Dioxin in Hühnereiern und Schweinefleisch hat die Debatte über die Agrarfabriken neu entfacht. 300 Wissenschaftler fordern den Ausstieg aus der Massentierhaltung. Aber kann Deutschland überhaupt ohne industrielle Landwirtschafts- und Lebensmittelbetriebe auskommen?

Brauchen wir die industrielle Landwirtschaft?

Ja, sieben Milliarden und bald neun Menschen weltweit lassen sich nur ernähren, wenn die Landwirtschaft effektiv arbeitet. Das gilt erst recht angesichts der Zukunftsaussichten: Die großen Mengen Nahrungsmittel, die sie brauchen, kann man nur mit produktiven Maschinen, Ställen und Schlachthöfen herstellen.

Warum sind Agrarfabriken entstanden?

Kleine Betriebe sterben, die überlebenden wachsen. Auch hierzulande war bis ins 20. Jahrhundert hinein die Ernährung der Bevölkerung nicht immer gesichert. Die technischen Revolutionen in der Landwirtschaft trugen dazu bei, dass genug Lebensmittel zu Preisen hergestellt werden, die auch arme Menschen bezahlen können. „Ohne große, intensiv arbeitende Landwirtschaftsbetriebe geht es nicht“, so Agrar-Ökonom Harald von Witzke von der Humboldt-Universität Berlin.

Muss die Landwirtschaft noch moderner werden?

In Afrika, Asien und Lateinamerika hungert auch heute noch fast eine Milliarde Menschen – unter anderem, weil die Bauern auf zu kleinen Flächen unproduktiv arbeiten und zu wenige Nahrungsmittel herstellen. Und die Bevölkerung wächst dort am stärksten. Deshalb sind größere Bauernhöfe und Lebensmittelbetriebe mit besserer Technik notwendig.

Kann Deutschland sich gut ernähren?

Ja, wenn auch nicht allein. Getreide und Ölsaaten kommen aus dem Ausland, weil bei uns mehr verbraucht als produziert wird. „Noch vor China ist die EU der größte Importeur von Nahrungsmitteln weltweit“, so von Witzke. Andererseits exportiert Deutschland Milchprodukte und Fleisch. Für unsere in die internationale Arbeitsteilung eingebundene Landwirtschaft ist eine weitere Effizienzrevolution nicht notwendig, um die Bevölkerung zu ernähren.

Warum wachsen die Äcker und Ställe hier trotzdem?

Europa hat ein milliardenteures Subventionssystem geschaffen, um die Landwirtschaft leistungsfähiger zu machen. Nun aber will die EU dieses Schutz- und Fördersystem ausdünnen. Ergebnis: Auch deutsche Bauern und Lebensmittelhersteller sind der internationalen Konkurrenz ausgesetzt. Weil es großen agrarindustriellen Unternehmen besser gelingt, zu niedrigen Preisen zu produzieren, fördert die Politik das Größenwachstum.

Können wir die Agrarfabriken zivilisieren?

Ja. Strengere Vorschriften und Kontrollen tragen dazu bei, dass weniger schädliche Stoffe in die Produktionskette geraten. Oder man könnte Hühnern, Schweinen und Kühen per Gesetz mehr Platz in den Ställen zusprechen. Ein Ergebnis: Das Größenwachstum der Unternehmen würde gehemmt und der Tierschutz verbessert.

Derartige Regelungen haben aber möglicherweise den Nachteil, dass die Betriebe weniger konkurrenzfähig sind. Ein zweiter Weg besteht für die Politik darin, die qualitativ höherwertigere, aber teurere Bio-Landwirtschaft zu unterstützen. Ob diese Strategie Erfolg hat, hängt aber auch von den Konsumenten ab. Verbraucher, die Agrarfabriken kritisieren, sollten sich dazu durchringen, selbst mehr Geld für ihre Lebensmittel auszugeben und auch weniger Fleisch zu essen.

 
 

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