Genossenschaften sind auf dem Vormarsch

Hannes Koch
Foto: WR
Bürger gründen wieder lokale Firmen wie eigene Windparks. Gemeinsam wirtschaften – das ist die Renaissance einer alten Idee. Drei Motive lassen es attraktiv erscheinen, Geld in lokale Firmen zu stecken.

Berlin. Stellen Sie sich vor, hinter ihrem Einfamilienhaus werden zehn Windräder gebaut – und Sie regen sich nicht darüber auf. Was könnte der Grund für Ihre Gelassenheit sein? Michael Diestel, Kreisgeschäftsführer des Bayerischen Bauernverbandes in der Rhön, kennt eine mögliche Antwort: „Wenn die Bürger selbst bestimmen, werden sie nicht protestieren.“

Rund um Neustadt/Saale in der Nordostecke Bayerns arbeitet Diestel an einer kleinen ökonomischen Revolution. Unter anderem auf seine Initiative hin wurden in den vergangenen drei Jahren 23 Genossenschaften gegründet. Rund 2300 Bürger der umliegenden Dörfer beschäftigen sich mittlerweile damit, selbst umweltfreundliche Energie herzustellen. Gemeinsam betreiben sie schon Solar- und Biogas-Kraftwerke. Jetzt planen sie einen Windpark mit bis zu 16 Rotoren. Die Aufträge gehen demnächst raus.

Das Vorhaben funktioniert so: Wer in den Dörfern wohnt und mitmachen will, zahlt mindestens 2000 Euro als Darlehen in eine Energie-Genossenschaft ein. Damit erhält man einen Anteil an der Firma, die auf dem Prinzip basiert: pro Kopf eine Stimme. In den nächsten Jahren werden die Beiträge mit etwa 5,5 Prozent verzinst, dann folgt die Tilgung und schließlich kommt, wenn alles gut läuft, eine Dividende hinzu – finanziert aus der Einspeisevergütung für Ökostrom. Die Menschen sichern ihr eigenes Potenzial“, beschreibt Diestel, Jahrgang 1964, die Idee.

Drei Motive lassen es attraktiv erscheinen, Geld in lokale Firmen zu stecken. Zum Einen wollen sie mit Klimaschutz Geld verdienen. Zum Zweiten tun sie das, indem sie in ihre eigene Region investieren. Der Plan ist, dass die Genossenschaften Überschüsse erwirtschaften, die sie etwa an Sportvereine spenden oder an die Freiwillige Feuerwehr, die ein neues Fahrzeug braucht. Und drittens ist dieses gemeinsame Wirtschaften relativ selbstbestimmt: Die Leute bauen ihre Windräder selbst und müssen sich nicht über Projekte ärgern, die ihnen Investoren vor die Nase setzen. Damit eignet sich diese Wirtschaftsform als Antwort auf die jüngsten Krisen.

Anfänge reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück

In der ersten Hälfte der 2000er Jahre stand die Kritik an der nachlassenden Kraft des Sozialstaates im Mittelpunkt. Seit 2007 ist die Finanz- und Schuldenkrise hereingebrochen. Viele Menschen fragen sich, ob es mit der Dominanz der Konzerne so noch weitergehen sollte. Regionales und selbstbestimmtes Wirtschaften erscheint als eine Alternative. Das ist auch den Vereinten Nationen aufgefallen: Für 2012 haben die UN das Internationale Jahr der Genossenschaften ausgerufen.

Genossenschaften erleben auch einen Aufschwung. 289 solcher Firmen wurden 2010 in Deutschland gegründet, zum Beispiel auch Ärztgenossenschaften und Dorfläden. Gut 7600 Genossenschaften gibt es insgesamt. Und so erfreut sich eine alte Idee neuer Beliebtheit. Im 19. Jahrhundert hatten die Sozialreformer Hermann Schulze-Delitzsch und Friedrich-Wilhelm Raiffeisen die genossenschaftliche Bewegung ins Leben gerufen. Damals begannen Handwerker und Bauern gemeinsam zu wirtschaften, um sich gegenseitig vor Elend zu schützen.

In den letzten Jahrzehnten nahm diese Art des Wirtschaftens aber ab. Gab es 1993 in Deutschland noch 11 500 Genossenschaften, sank ihre Zahl danach immer weiter. Das lag auch daran, dass viele Genossenschaften kaum von marktorientierten Firmen zu unterscheiden waren. 2009 kam die Wende: Es wurden wieder mehr Gemeinschaften gegründet als aufgelöst.