Geheimnisvolle Exportpläne für Iran

Essen.  Am 1. April war Schluss bei MCS. Nach über 100 Jahren endete in Dinslaken die Produktion in einem Unternehmen, das ein wichtiger Arbeitgeber in der niederrheinischen Kleinstadt war. Jahrzehnte haben sie hier unspektakuläre Stahlflaschen hergestellt. Trotzdem berichtete die „Washington Post“ über die Firma, nannte sie „mysteriös“. Dass sich die USA brennend für ein mittelständisches Unternehmen in der deutschen Provinz interessieren, liegt an der großen Weltpolitik – MCS ist seit Jahren im Besitz von Iranern.

Engmaschiges Kontrollnetz

Seit den 90er-Jahren betreibt der Iran ein Atomprogramm. Umstritten sind die Motive. Ist es ein rein ziviles Programm, wie das Regime in Teheran behauptet? Oder strebt man (auch) Atomwaffen an? Die Staatengemeinschaft hat eine Vielzahl von Embargos verhängt. Tausende von Gütern stehen auf der Verbotsliste. Das Kontrollnetz ist so engmaschig, dass die Iraner – anders als in den 1990er-Jahren – kaum noch versuchen, direkt fertige Technologien für ihr militärisches Nuklearprogramm zu erwerben. Der Iran verlegte sich vielmehr darauf, noch fehlende Komponenten selber herzustellen, etwa für den Bau von Zentrifugen zur Uran-Anreicherung. Dazu braucht man Materialien, Spezialmaschinen. Weltweit sind iranische Kaufleute unterwegs. Sie gründen Tarnfirmen, fälschen Papiere und nehmen hohe Kosten und weite Umwege in Kauf. Man benutzt dazu häufig Adressen in der Türkei, in den arabischen Emiraten, im asiatischen Raum. Im Iran haben sich etwa 200 deutsche Unternehmen angesiedelt. Wegen der politischen Verwicklungen war auch MCS im beschaulichen Dinslaken auf dem Schirm der Sicherheitsbehörden.

2002 meldete das Unternehmen erstmals Insolvenz an. Als Retter in der Not traten 2003 iranische Investoren auf. Als „MCS international“ wurde weiter produziert. Un­ter einem iranischen Geschäftsführer, der laut exiliranischen Oppositionellen einen engen geschäftlichen Draht zu iranischen Geheimdienstkreisen hatte. Zeitgleich mit dem Ankauf des deutschen Unternehmens begannen die neuen Eigentümer mit dem Aufbau einer Firma im iranischen Esfahan, die heute als Pars MCS nach eigenen Angaben Behälter für Erdgas-Fahrzeuge herstellt – mit Hilfe des Know-hows aus Deutschland. Die Gasdruck-Flaschen, in Dinslaken hergestellt, waren wegen ihrer Kohlefaser-Ummantelung leicht und druckfest. Auch für die Urananreicherung werden Zentrifugen gebraucht, die besonders druckfest sind. Kanada mutmaßte 2010 offen, Pars MCS liefere Irans Atomprogramm zu.

War das abwegig? Schon 2004 stand – Preis: 1,5 Millionen Euro – eine Fließdrückmaschine in der Halle, unbrauchbar für die Produktpalette. „MCS international“ beantragte beim Bundesamt für Wirtschaft eine Exportgenehmigung für die Maschine – Empfängerin: die Pars MCS in Esfahan. Die Maschine werde dort für die Herstellung von Erdgas-Zylindern benötigt. Das Amt erteilte dem Antrag die Absage: Mit der Maschine könnten auch „Antriebsteile von Mittelstrecken-Raketen mit Flüssigantrieb wie Brennkammern und Düsen gefertigt werden. (...) Daneben kann die Maschine auch für die Herstellung von Teilen für Gasultrazentrifugen genutzt werden“. „2005 hat das Zollkriminalamt unseren Laden auf den Kopf gestellt“, erzählt ein Ex-Mitarbeiter.

Seitdem steht die Maschine ungenutzt in Dinslaken. Wirtschaftlich ging es danach langsam bergab. 2011 ging MCS international in die Insolvenz, wurde erneut von iranischen Geschäftsleuten aufkauft, um noch knapp zwei Jahre am Markt zu sein. Bis das Unternehmen schließlich am 1. April dicht machte. Die 110 verbliebenen Mitarbeiter wurden entlassen. Restaufträge werden noch erledigt.

 
 

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