Fleischindustrie bereitet Verbraucher auf höhere Preise vor

Eine verbindliche Herkunftskennzeichnung für Fleisch könnte die Preise in die Höhe treiben.
Eine verbindliche Herkunftskennzeichnung für Fleisch könnte die Preise in die Höhe treiben.
Foto: Markus Weißenfels / WAZ FotoPool
Nur in den seltensten Fällen wissen Deutschlands Verbraucher, woher das Fleisch kommt, das sie im Supermarkt kaufen. Die EU-Kommission prüft nun eine verbindliche Herkunftskennzeichnung für Schweine-, Geflügel-, Schaf- und Ziegenfleisch. Die deutsche Fleischwirtschaft warnt: die Neuerung lasse die Preise deutlich steigen.

Essen.. Die deutsche Fleischwirtschaft rechnet für den Fall einer verbindlichen Herkunftskennzeichnung mit deutlich steigenden Preisen. „Die gesamte Logistik und Kennzeichnung wird wesentlich aufwendiger“, sagte Heike ­Harstick, die Hauptgeschäftsführerin des Verbands der Fleischwirtschaft (VDF), zur Begründung.

Nur in den seltensten Fällen wissen Deutschlands Verbraucher derzeit, woher das Fleisch kommt, das sie im Supermarkt kaufen. Die EU-Kommission prüft nun die Einführung einer verbindlichen Herkunftskennzeichnung für Schweine-, Geflügel-, Schaf- und Ziegenfleisch. Je nach Art der Kennzeichnung könnten die Produktionskosten um bis zu 50 Prozent steigen, heißt es im Entwurf eines Berichts der EU-Kommission an das Europäische Parlament, aus dem die Nachrichtenagentur AFP zitiert. Die höheren Kosten könnten zu einem Großteil auf die Verbraucher abgewälzt werden.

Die EU-Kommission analysiert die Auswirkungen von drei Szenarien. Erstens: Die Kennzeichnung bleibt wie bisher freiwillig. Zweitens: Es wird in Zukunft angegeben, ob Fleisch aus der EU kommt oder nicht. Drittens: Die Fleisch­industrie nennt künftig das genaue Herkunftsland. Die größten Kostensteigerungen erwartet die EU-Kommission beim dritten Szenario. Zur Begründung nennt sie den höheren bürokratischen Aufwand.

Auch Handel in Deutschland warnt vor „enormen Kosten“

Auch der Handelsverband Deutschland (HDE) hatte gewarnt, eine verpflichtende Herkunftskennzeichnung für Fleisch verursache „enorme Kosten“, die „zwingend auf den Verbraucher abgewälzt werden müssten“.

NRW-Verbraucherminister Johannes Remmel (Grüne) bezweifelt, dass ein Herkunfts-Label für Fleisch zu massiven Preissteigerungen führt. „In der Vergangenheit wurden ja bereits erste Kennzeichnungspflichten eingeführt, wenn auch nur sehr rudimentäre. Jedes Mal wurde das Horrorszenario von Preiserhöhungen von der Lebensmittelindustrie an die Wand gemalt“, sagte er DerWesten. „Transparenz bedeutet nicht automatisch Preiserhöhungen, denn viele Daten und Informationen über die Herkunft von Produkten und Zwischenprodukten liegen bei den Unternehmen ohnehin vor.“

Wenig Informationen zu losem Fleisch an der Supermarkt-Theke

Es müsse „absolut transparent sein, woher unsere Lebensmittel stammen und was in zusammengesetzten Lebensmitteln – wie zum Beispiel Fertigprodukten – steckt“, sagte Remmel. „Das bedeutet auch, dass die gesamte Produktionskette für Verbraucherinnen und Verbraucher verständlich und nachvollziehbar sein muss.“

Herkunftsangaben auf Lebensmitteln im Supermarkt sind derzeit oft nicht eindeutig, so die Verbraucherzentrale NRW. Nur in wenigen Fällen – wie bei Eiern und Rindfleisch – sei eine unmissverständliche Kennzeichnung vorgeschrieben. Wird Rindfleisch mit Schweinefleisch zu Hackfleisch verarbeitet, muss lediglich ab einem mehr als 50-prozentigem Anteil das Herkunftsland von Rindfleisch gekennzeichnet werden.

Wenig Transparenz gibt es insbesondere bei verarbeiteten Lebensmitteln. Häufig bleibt den Konsumenten sogar der Hersteller unbekannt. Oft wird nur vermerkt, wo ein Produkt zuletzt bearbeitet oder abgepackt wurde. Auch für loses Fleisch an der Supermarkt-Theke besteht keine umfassende Pflicht zur Herkunftskennzeichnung – eine Ausnahme ist Rindfleisch.

Bärbel Höhn fordert „weniger Interrail für tote Tiere“

„Bei Eiern haben wir die Kennzeichnung und damit Rückverfolgbarkeit bis zum Betrieb“, sagte die Grünen-Politikerin Bärbel Höhn dieser Zeitung. „Die Verbraucher wollen gerade bei Fleisch ausdrücklich auch den Herkunftsort und nicht nur den Ort der letzten Bearbeitung wissen.“ Es müsse Informationen zu den Stationen Geburt, Mast und Schlachtung geben.

Ob es dazu kommt, ist unklar. Ab Mitte Dezember 2014 soll es in Europa eine neue Herkunftskennzeichnung geben. Wie die Regelung im Detail aussehen soll, steht aber noch nicht fest. Ist der Pferdefleisch-Skandal schon vergessen? „Das Fleisch-Karussell dreht sich munter weiter“, sagte Höhn.

Befürchtungen, durch ein verbindliches Herkunfts-Label in Europa könne es zu massiven Preissteigerungen in Deutschland kommen, teilt auch Höhn nicht. „Das ist Panikmache und soll der Verhinderung der Kennzeichnung dienen“, sagte sie. Durch weniger Zwischenhändler und kürzere Wege gebe es auch Kostenreduktionen. Weniger „Interrail für tote Tiere“ und mehr Regionalität und Transparenz für die Verbraucher, „das würde Betrug erschweren und das zerstörte Verbrauchervertrauen wiederherstellen“.

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