Eon-Chef Teyssen: Ökostrombranche muss „raus aus dem Streichelzoo“

Der Eon-Vorstandsvorsitzende Johannes Teyssen.
Der Eon-Vorstandsvorsitzende Johannes Teyssen.
Foto: Funke Foto Services
Johannes Teyssen über die grüne Eon, den neuen Wettbewerb beim Ökostrom und die Verspargelung. „Wir müssen Rücksicht nehmen auf die Kulturlandschaft“

Essen. Der Mann, der den Energie-Riesen Eon gezweiteilt hat, kommt leger daher. Beim Redaktionsbesuch wirkt Johannes Teyssen bar jeden Drucks. Er führt nun den grünen Teil der Eon, freilich samt Atom-Altlasten. Im Interview skizziert er sein Bild vom Energiemarkt der Zukunft – und klingt dabei so gar nicht nach einem klassischen Ökostrom-Lobbyisten.

Herr Teyssen, Sie sind mit der Abspaltung Ihrer Kraftwerkssparte Uniper den politisch umstrittensten Teil losgeworden. Liegt es daran, dass Sie so entspannt wirken?

Johannes Teyssen: Klares Nein. Was wir mit der Abspaltung gemacht haben, war der anspruchsvollste Umbau eines Konzerns, den es in Europa je gegeben hat. Wir mussten das gesamte Unternehmen auseinander sortieren und neu zusammensetzen. Dass wir das sauber hinbekommen und dass unsere Aktionäre mit einem so überwältigenden Ergebnis zugestimmt haben – das hat natürlich Lasten von mir und meinen Kollegen genommen. Mit „Loswerden“ von Kohlekraftwerken hat das nichts zu tun.

Sie haben jahrelang das politische Management der Energiewende kritisiert, insbesondere die negativen Effekte der Ökostromförderung für Kohle- und Gaskraftwerke. Jetzt profitieren Sie als grüne Eon davon.

Teyssen: Das kann schon sein.

Aber Sie haben deshalb nicht Ihre Meinung geändert?

Teyssen: Als Chef der neuen Eon werde ich mich nicht mehr zu allen Themen öffentlich äußern. Das heißt aber nicht, dass ich meine Meinung geändert habe. Ich hätte jetzt etwa die Reform der Ökostrom-Förderung kritisieren können, weil neue Anlagen jetzt ausgeschrieben werden. Die feste Einspeisevergütung war da bequemer. Ich bin aber überzeugt, dass die Erneuerbaren Energien erwachsen werden müssen und damit bezahlbar für die Kunden und für die Gesellschaft. Ich werde nicht derjenige sein, der sich gegen Wettbewerb sperrt.

"Langweilig finde ich das Netzgeschäft überhaupt nicht" 

Weil regulierte Märkte, etwa im Netzgeschäft, zu langweilig sind?

Teyssen: Nein, sondern weil überall dort, wo Wettbewerb möglich ist, es ihn auch geben sollte. Langweilig finde ich das Netzgeschäft überhaupt nicht. Netze sind ein natürliches Monopol, das ist so wie etwa bei Flughäfen. Aber wir entwickeln für unsere Netze immer neue Lösungen, etwa um noch mehr Ökostrom transportieren zu können. Ich finde das total sexy.

Ihr Hauptargument für die Aufspaltung war, dass der konventionelle und der grüne Teil gegeneinander arbeiten und deshalb besser getrennte Wege gehen. Demnach arbeiten sie nun gegen ihre Tochter Uniper, betonen aber gleichzeitig, auch ihr stehe eine gute Zukunft bevor – wie glaubwürdig ist das?

Teyssen: Wenn Sie das so sehen, nehmen Sie mir unsere Strategie nicht ab. Meine Grundhaltung ist, dass wir in zwei völlig unterschiedlichen Märkten unterwegs sind. Die Überschneidungen unserer Geschäfte sind gering. Deswegen kann ich Uniper allen Erfolg der Welt wünschen, ohne dass der zu meinen Lasten ginge oder umgekehrt.

Wenn es für Uniper doch nicht so gut läuft, wer soll Ihnen dann 2018 Ihre restlichen Anteile abkaufen? Das Geld haben Sie doch fest eingeplant.

Teyssen: Ja, sicher. Aber wenn ich sehe, wie Uniper am Kapitalmarkt aufgenommen wurde, mit einem besseren Rating als manche Mitbewerber, dann bin ich sehr zuversichtlich. Es ist beachtlich, was Herr Schäfer und seine Kollegen hier geleistet haben.

Sie haben für die neue Eon ohnehin einen holprigen Start angekündigt.

Teyssen: Das schwierige Marktumfeld der vergangenen Jahre und nun die Zusatzkosten des Kernkraftausstiegs führen dazu, dass wir nicht so loslegen können, wie wir es uns mal vorgestellt hatten. Wir investieren dennoch viel und wachsen stark. Die Potenziale sind alle da, doch wegen Finanzierungsengpässen müssen wir gleichzeitig immer wieder einen Teil unserer Geschäfte verkaufen, um unsere Kapitalbasis stabil zu halten. Da müssen wir jetzt durch.

Wie lange fahren Sie noch auf Sicht?

Teyssen: Wir schauen da auf 2018.

"Unsere Cashcow sind die Netze. Da spielt die Musik" 

In welchem Bereich sehen Sie dann die größten Chancen?

Teyssen: Unsere Cashcow sind die Netze. Da spielt die Musik, die Netze werden das Internet der Energiewende. Was die nicht möglich machen, findet nicht statt. Hier geht es vor allem um Innovation und mehr Effektivität, weniger um Wachstum. Der Star sind die Erneuerbaren Energien, sie werden weiter ein steiles Wachstum zeigen. Da geht es darum, Kapital zu organisieren und es in die richtigen Technologien effizient zu investieren. Die größte Unbekannte aber mit dem größten Potenzial sind die Kundenlösungen, sowohl für Privatkunden als auch für Unternehmen und Kommunen. Da weiß heute kein Mensch, wohin sich das genau entwickeln wird. Aber wir werden diesen Markt aktiv und relevant mitgestalten.

Zum Beispiel?

Teyssen: Wir züchten eine ganze Menge zarter Pflänzchen. Ob Blumen daraus werden oder eher Unkraut, muss man in jedem Einzelfall sehen. Ich weiß zum Beispiel nicht, ob es in 20 Jahren noch den klassischen Vertrieb von Energie geben wird, oder ob Strom über eine digitale Plattform nur noch geteilt wird. Wenn ja, wären wir gern dabei mit entsprechend kleinteiligen, dezentralen Netzen. Kurzfristig arbeiten wir daran, Privatkunden Photovoltaikanlagen mit Batterien anzubieten, damit sie sich stärker selbst versorgen können. Das bloße Einspeisen lohnt ja kaum mehr. Und wir helfen den Menschen, Strom zu sparen.

Was für Uniper nicht so toll ist.

Teyssen: Zunächst gibt es gegenläufige Entwicklungen: Der Stromverbrauch kann in den nächsten Jahrzehnten steigen durch Mobilität und den Wärmemarkt. Die steigende Energieeffizienz läuft dem entgegen und wir werden unsere Kunden bei beiden Trends unterstützen. Eon wird für den Kunden nun auch beim Stromsparen glaubwürdig. Früher hätte uns das keiner abgenommen, weil wir schließlich selbst die Kraftwerke hatten, deren Strom wir verkauften. Jetzt haben wir wirklich eine radikale Kundenorientierung. Ich habe nichts anderes mehr als meine 32 Millionen Kunden. Wenn die mich nicht tragen, trägt mich nichts mehr. Wer das im Unternehmen nicht verstanden hat, hat ein echtes Problem. Wir müssen unsere Kunden überzeugen, damit wir eine Zukunft haben. Ich finde diese Radikalität ganz erfreulich. Sie macht die Köpfe frei.

Klingt sehr danach, als sei das bisher anders gewesen.

Teyssen: Das mag schon sein. Die schon länger dabei sind, so wie ich, kommen aus einer Monopolzeit. Früher war Kundenorientierung für manche vielleicht eine nette Phrase. Jetzt ist es unsere Überlebensstrategie.

In der Erzeugung ist Windenergie weit vorn, aber vielen geht die Verspargelung heute schon zu weit . . .

Teyssen:...mir teilweise auch, in manchen Teilen Ostdeutschlands, etwa im wunderschönen Brandenburg, hat man schon keinen freien Blick mehr. Man muss schon Rücksicht auf die Kulturlandschaft nehmen, deswegen halte ich Offshore-Windparks für eine gute Lösung. Außerdem arbeiten wir an intelligenteren Lösungen für große Photovoltaik-Anlagen, die besser in die Landschaft integriert werden.

Der Atomausstieg und auch die Energiewende selbst sind mittlerweile Konsens in der Bevölkerung. Kann die Stimmung auch wieder kippen?

Teyssen: Beim Atomausstieg glaube ich das nicht. Aber mit Blick auf die Energiewende ist durchaus Vorsicht geboten. Den Leuten wurde immer versprochen, dass die Energiewende langfristig auch mit günstigeren Strompreisen einhergeht. Wenn wir das nicht halten können, gleichzeitig aber unsere Landschaft verspargeln, wird sich das rächen. Im Moment ist es auch deshalb ruhig, weil wir einen relativ hohen Wohlstand im Land haben. Wenn das kippt, haben wir ein Problem.Die AfD hat die Energiewende bereits für sich entdeckt. Wenn das Thema von Populisten besetzt wird, sollten wir sprechfähig sein und belegen können, dass wir nicht Milliarden verschwendet haben.

Umweltverbände wähnen mit der jüngsten EEG-Reform den Boom der Erneuerbaren ja jetzt schon am Ende.

Teyssen: Ach, da sage ich auch der Ökostrom-Lobby, dass etwas mehr Bescheidenheit angemessen wäre. Wir können nicht ewig im Streichelzoo sitzen bleiben und nie endende Garantiepreise fordern, wenn der Rest der Welt die Erneuerbaren längst in den Wettbewerb stellt. Das Geschäft mit Erneuerbaren wird zu einer ganz normalen Industrie, die sich im Ringen um Kunden durchsetzen muss.

Die Endlagersuche wird sehr lange dauern 

Sie haben unlängst eine Schadenersatzklage wegen der Abschaltung zweier Kernkraftwerke nach Fukushima verloren. Fühlen Sie sich ungerecht behandelt?

Teyssen: Bei dieser Klage hatte sich früh abgezeichnet, wie das Gericht entscheiden würde. Nach der Sommerpause rechnen wir mit der Entscheidung zur Brennelementesteuer, im Spätherbst wird das Bundesverfassungsgericht zur Enteignung der Konzerne ein Urteil fällen. Bis dahin haben wir hoffentlich auch eine Einigung mit der Politik über die Finanzierung des Kernkraftausstiegs. Und dann kann sich gerne der ganze Pulverdampf legen. Dann geht es nur noch darum, drei Kernkraftwerke sechs Jahre lang zu betreiben, den Rückbau zu organisieren und das Thema hinter uns zu lassen.

Sie können sich bei der Entsorgung des Atommülls freikaufen, die Regierungskommission verlangt dafür von den Konzernen einen Risikozuschlag von sechs Milliarden Euro.

Teyssen: Wir sind grundsätzlich bereit, das Angebot der Kommission anzunehmen.

Ohne nachzuverhandeln?

Teyssen: Ich mache mir da keine Illusionen. Es gibt eine einstimmige Empfehlung der Kommission, die über alle Parteien und gesellschaftlichen Gruppen hinweg getroffen wurde. Dass jetzt die Kanzlerin sagt, sechs sei eine komische Zahl, nehmen wir lieber vier Milliarden, halte ich für ausgeschlossen. Über Details werden wir hart verhandeln. Aber drüber stehen die sechs Milliarden Risikozuschlag, und die halte ich für unverhandelbar.

Geht Ihnen das leichter über die Lippen als der Konkurrenz, weil sie den Schlussstrich dringender brauchen? Sie müssen die Atomkraft neben ihren Zukunftsfeldern behalten, was nicht jeden Anleger freut.

Teyssen: Das können Sie so interpretieren. Aber die Sachlage ist eindeutig: Wenn der Staat die Risiken gegen Geld übernimmt, ist das für mich wie eine Versicherung. Wir werden erst in 30, 40 Jahren wissen, was die Endlagerung wirklich kostet.

RWE-Chef Terium wirbt für seine grüne Tochter Innogy, die er an die Börse bringen will, mit einer sauberen Aktie, das können Sie bei Eon nicht.

Teyssen: Ich bewerte grundsätzlich niemals die Strategie eines Konkurrenten. Für uns könnte ich jetzt sagen: Dafür hat unsere Kraftwerkstochter Uniper das Kernkraft-Risiko nicht. Man hat bei Eon jetzt Aktien von zwei Unternehmen. Die eine hat das Risiko, die andere nicht. Niemand kann es weghexen. Die Frage, wo es nun liegt, halte ich für überbewertet.

Was wäre die beste Lösung für ein Endlager?

Teyssen: Da halte ich mich raus. Die Verantwortung dafür liegt ja ohnehin seit eh und je beim Staat – weil er das selbst so wollte. Ich könnte mir vorstellen, dass Deutschland ein besonders komplexes Verfahren bei der Standortsuche wählen wird und nicht einfach ein geeignetes Endlager sucht, sondern das beste – wonach man entsprechend länger suchen müsste.

„Ich habe nicht für Eon abgenommen, sondern für mich“ 

Wie sehen Sie als Neu-Essener das Ruhrgebiet?

Teyssen: Ich beobachte, dass einige Städte große Mühe haben, sich neu zu erfinden. In Essen, Mülheim und Bochum ist dagegen eine Menge los. Man kann diesem Ballungsraum nicht einen einzigen Stempel aufdrücken. Wie in ganz Deutschland haben einige Bürgermeister etwas aus ihrer Stadt gemacht, andere nicht.

Sind Sie wie RAG-Stiftungschef Werner Müller der Meinung, dass die Region einen Ruhr-Soli braucht?

Teyssen: Man hat schon den Eindruck, dass inzwischen Teile des Westens stärker abgehängt sind als manche Orte im Osten. Es wäre einleuchtend, eine Anschubfinanzierung zu leisten, um die Infrastruktur hier in Ordnung zu bringen.

Sie tragen heute keine Krawatte. Ist das offene Hemd der neue Stil bei der neuen Eon?

Teyssen: Nein. Ich lasse heute den Schlips weg, weil es so bequemer ist. Kleidung drückt doch keine Geisteshaltung aus. Wenn es notwendig ist und meine Gesprächspartner sich dadurch stärker wertgeschätzt fühlen, trage ich natürlich eine Krawatte. Mit meinem Unternehmen hat das nichts zu tun. Ich habe ja auch nicht für die neue, schlankere Eon abgenommen, sondern weil ich mich so wohler und gesunder fühle.

Ist es ein Vorteil, dass Sie sich nicht neu erfinden müssen, während RWE die Marke Innogy etablieren muss?

Teyssen: Wir behalten die Marke Eon, weil die Vorteile durch den Bekanntheitsgrad die Nachteile überwiegen. Uns ist bewusst, dass der Name Eon nicht immer nur positiv besetzt war. Insofern gehen wir schon ein gewisses Risiko ein. Den Namen aufzugeben, wäre aber ein ungleich größeres Risiko gewesen.

 
 

EURE FAVORITEN