Enervie will keine Kohle- und Gaskraftwerke mehr bauen

Das Enervie-Kohlekraftwerk in Werdohl-Elverlingsen. Luftbild: Guido Raith
Das Enervie-Kohlekraftwerk in Werdohl-Elverlingsen. Luftbild: Guido Raith
Foto: WR
Die Energiewende stellt die Energieversorger vor neue Herausforderungen. Versorger wie Trianel oder Enervie sind aber wenig euphorisch und befürchten sogar, dass der Atomausstieg unter den aktuellen Voraussetzungen „noch lange nicht gegessen ist“.

Essen. Die „E-World“ hat sich zur Leitmesse für die Energiebranche entwickelt. 580 Aussteller zeigen Innovationen auf dem Pfad der Energiewende in Deutschland. So sollte es jedenfalls sein. Was sich schwer nach Aufbruchstimmung anhört, lässt einige Energieversorger zunehmend zweifeln. Für das Hagener Unternehmen Enervie mit rund 700 000 Kunden bundesweit stellt sich zunehmend eine Frage: Wo genau liegt eigentlich die Zukunft?

„Der Markt hat sich immer noch nicht sortiert“, sagt Enervievorstand Ivo Grünhagen im Jahr Eins nach der schnellen Wende. Trotz des Atomausstiegs liegen die Strompreise im Schnitt niedriger als vor Abschaltung der Altreaktoren. Tage wie Dienstag sind die Ausnahme – da sorgte anhaltender Frost für hohe Nachfrage. Gepaart mit wenig Sonne und kaum Wind sorgte das an der Leipziger Strombörse EEX für höchste Preise. Über 78 Euro pro Megawattstunde, 34 Euro mehr als noch vor einer Woche.

An Tagen wie Dienstag rechnen sich auch für Enervie konventionelle Kohlekraftwerke wie das in Werdohl-Elverlingsen oder das Gas-Dampfturbinenkraftwerk (GUD) in Herdecke. Aber Tage wie Dienstag sind viel zu selten. Unter aktuellen Marktbedingungen sei selbst das moderne GUD in den nächsten Jahren nicht rentabel zu betreiben. Strom aus Herdecke, den Kohleblöcken 1 und 2 in Werdohl und dem Pumpspeicherwerk in Rönkhausen im Sauerland vermarktet Enervie derzeit nur kurzfristig am EEX-Spotmarkt, um höchstmögliche Preise zu erzielen. Mit dem Risiko, leer auszugehen.

Kein Spaß an Windanlagen

„In den Bau konventioneller Kraftwerke werden wir nicht mehr investieren – so wie es jetzt aussieht“, erklärte Grünhagen im WR-Gespräch. Dafür gab es just am Dienstag Grünes Licht für ein neues Windkraftprojekt. In Rayersried, einem gut einhundert Seelen zählenden Dorf im Hunsrück, werden in diesem Jahr von Enervie fünf Windkrafträder mit einer Gesamtleistung von 17 Megawatt gebaut. Ein weiteres Projekt könne 2012 noch dazu kommen. Damit liegt das Unternehmen deutlich über dem Ausbauplan Wind mit 20 MW pro Jahr. „Spaß machen die Windräder aber erst in 17, 18 Jahren, wenn sie voll abgeschrieben sind“, sagt der Vorstandsvorsitzende. Energiewende-Euphorie klingt anders. Grünhagen denkt offenbar mit Unbehagen an Phase III des CO2-Handels. Wenn ab 2013 die Kosten für anfallende Kohlendioxidbelastungen bei der Erzeugung voll durchschlagen, rechnet das Unternehmen mit 15 bis 30 Millionen Euro Belastung in der Bilanz. Vermutlich werden das mehr Kosten sein als die Windparks an Gewinn einspielen werden.

Enervie blickt nicht allein mit Skepsis auf die Entwicklung. Auch Elmar Thyen, Sprecher des Gemeinschaftsunternehmens Trianel, dem Zusammenschluss von über 80 Stadtwerken sowie kommunalen und regionalen Versorgungsunternehmen, sieht 2013 als Nagelprobe. Mehr noch: „Es ist naiv zu glauben, dass der Atomausstiegs-Kuchen gegessen ist“, sieht er Deutschland bald wieder über Laufzeitverlängerungen diskutieren.

Trianel rechnet mit neuer Laufzeit-Debatte

Ob die Politik es tatsächlich so weit kommen lässt, ist kaum vorstellbar. Es ist aber das dringende Signal an die Regierung, für verlässliche Rahmenbedingungen zu sorgen, die den Betrieb und gegebenenfalls Zubau konventioneller Kraftwerke erlauben, um einen sichere Stromversorgung zu gewährleisten.

Das von Umweltverbänden beklagte Lüner Trianel-Kraftwerk werde noch planmäßig ans Netz gehen, versichert Thyen. Ende Mai, spätestens Anfang Juni soll der geforderte neue Entwurf zur Umweltverträglichkeit vorgelegt werden. Der 1,4 Milliarden-Projekt ist im Prinzip fertig gebaut. Aber auch hier scheint sich Euphorie in engen Grenzen zu halten. „Trianel wird wohl nie wieder ein neues Kohlekraftwerk bauen“, glaubt Thyen. Das wird Befürworter Regenerativer Energien kaum stören. Eine erneute Laufzeitdebatte über AKW hingegen schon.

 
 

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