Energiewende auf Amerikanisch heißt Fracking

Tobias Blasius
Die Fracking-Bohrstelle der Firma Encana in Dawson Creek.
Die Fracking-Bohrstelle der Firma Encana in Dawson Creek.
Foto: dpa Picture-Alliance / Roberto Pfeil
Das in Deutschland umstrittene und umkämpfte Fracking drückt in den USA die Energiepreise und macht Farmer zu Millionären. Umweltargumente haben dort kaum eine Chance. Jetzt informierte sich auch Akademie-Präsident Bodo Hombach über den „amerikanischen Pragmatismus“.

Pittsburgh. Regenwolken legen sich über die Hügel von Waynesburg im US-Bundesstaat Pennsylvania und schlucken das Brummen des Bohrturms. Der Produktionsleiter der Gasfirma „Vantage Energy“ steht breitbeinig in einer Pfütze und sagt mit beachtlichem Pathos: „Wenn wir hier irgendetwas tun, was meinen Kindern schaden könnte, wechsele ich sofort die Seite.“

Die in Deutschland so bekämpfte Fracking-Technologie zur Förderung von Gas aus tiefen Schiefergesteinen hat die amerikanische Energiepolitik binnen weniger Jahren revolutioniert. Der Gas-Anteil an der US-Energieproduktion liegt nur noch knapp hinter dem Spitzenreiter Kohle an zweiter Stelle. Strom ist inzwischen nicht einmal mehr halb so teuer wie in Deutschland. Der neue Energievorteil soll der Schlüssel zu einer Re-Industrialisierung der USA sein.

„Wir können das Texas des 21. Jahrhunderts werden“, sagt Tom Marino. Der republikanische Kongress-Abgeordnete aus der Fracking-Hochburg Pennsylvania wähnt sich als Zeuge eines epochalen Wandels. Die stromintensive Industrie habe wieder eine Wettbewerbschance, die strategische Unabhängigkeit von Russland und den Golf-Staaten wachse. Sicherer als die Kernenergie und sauberer als Kohle sei das heimische Gas.

Amerikanischer Pragmatismus

Derartige Selbstgewissheit hat das Interesse der „Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik“ der Universität Bonn geweckt. Deren Präsident Bodo Hombach, der auch Moderator des Initiativkreises Ruhr (IR) ist, reist mit einer Delegation durch die USA und sucht „das Geheimnis des amerikanischen Pragmatismus“.

Wie kann sich in den USA eine Energiewende vollziehen ganz ohne Masterplan, ohne galoppierende Preise und ohne überbordenden Bürgerzorn? Warum will man in Deutschland erst gar nicht wissen, ob der eigene Schiefergas-Schatz wirtschaftlich zu heben wäre? Das sind Fragen, die Hombach und sein unter anderem von großen Unternehmen finanziertes Institut nicht aus akademischer Selbstbeschäftigung herausstellen.

Auch der Initiativkreis Ruhr betont, dass aus Fracking gewonnenes Gas eine Rolle bei der Energieversorgung spielen könnte und fordert „transparente Erkundungen“.

Neue Studie zeigt Verunreinigungen

Freilich hinkt der Vergleich zwischen den USA und Deutschland. Viele US-Staaten sind dünn besiedelt. Es gibt keine zentral gesteuerte Energiepolitik, die einzelnen Bundesstaaten tun das, was Wohlstand und Versorgungssicherheit verspricht. Die Fracking-Industrie kann Farmer über Nacht zu Millionären machen und entlegene Dörfer zu prosperierenden Orten.

Hugh MacMillan ist gleichwohl der Beweis, dass auch Amerikaner an der Fracking-Euphorie verzweifeln können. Der Umweltschützer der Organisation „Food & Water Watch“ findet es problematisch, dass Wasser, Sand und Chemikalien in den Boden gepresst werden, um Gas oder Öl freizusetzen. „Wir fördern, ohne die Umweltfolgen zu kennen“, sagt er und verweist auf eine neue Studie.

Erstmals wollen Wissenschaftler der Duke University in North Carolina eine Verunreinigung des Trinkwassers durch Methan, Ethan und Propan nachgewiesen haben. Zudem verbraucht Fracking Unmengen Wasser und fordert regen Lkw-Verkehr.

Doch ökologische Argumente hätten es in der Abwägung mit ökonomischen schwer, sagt MacMillan. Selbst US-Präsident Obama, der sich neuerdings einen grünen Anstrich gibt, rate den Energiekonzernen bloß: „Bohr, Baby, bohr, aber sei vorsichtig.“