Die fünf Knackpunkte beim Streit um Datteln

Luftbild des Eon-Kraftwerksbaus in Datteln.  Foto: Sascha Schuermann
Luftbild des Eon-Kraftwerksbaus in Datteln. Foto: Sascha Schuermann
Foto: dapd

Datteln.. Deutschland streitet über die Energiewende – und in NRW, Stromland Nummer eins, wird das Tauziehen um das Kohlekraftwerk Datteln für die rot-grüne Regierungskoalition zur Belastungsprobe. Gestern machte der Regionalverband Ruhr den Weg für eine Änderung der Regionalplanung zugunsten von Datteln frei. Das letzte Wort werden dabei wohl Gerichte haben. Die Umweltorganisation BUND will weiter klagen. Doch worum geht es in diesem Streit – und wie will Eon die Konflikte beilegen? Ein Streifzug über das Baugelände.

Das Problem: Die Klimaschutzziele. Geht Datteln IV ans Netz, ist der Meiler mit einem Jahresausstoß von etwa sechs Millionen Tonnen Kohlendioxid der größte Einzel-Emittent Deutschlands.

Die mögliche Heilung: Das Abschalten von Altanlagen.

Laut Eon leiste das Kraftwerk einen Beitrag zum Klimaschutz, da es effizienter sei. Pro Jahr würden 190 000 Tonnen CO2 eingespart, aber zusätzlicher Strom für 350 000 Haushalte produziert. Voraussetzung dafür ist, dass drei alte Kraftwerke (Datteln 1-3) vom Netz gehen und drei weitere Altanlagen (Shamrock/Herne, Scholven D/Gelsenkirchen und Gustav Knepper C/Dortmund) nach und nach abgeschaltet werden. Zudem verdränge Datteln weitere Altanlagen. Insgesamt würden so bis zu 1,3 Millionen Tonnen CO2 eingespart.

Das Problem: Versauerung der Wälder. Datteln IV kollidiert mit den EU-Vorgaben zum Schutz von ausgewiesenen Naturschutzgebieten (Flora-Fauna-Habitat-Gebiete, kurz FFH). Das Problem ist gravierend, sagt selbst das von Eon in Auftrag gegebene Gutachten zur FFH-Verträglichkeit. Darin kommt der TÜV Nord zu dem Schluss: Stickstoff, Schwefel und Quecksilber, die aus dem 180 Meter hohen Kühlturm in die Atmosphäre gehen, schädigen das 4,5 Kilometer entfernte FFH-Gebiet Lippeaue in erheblichem Maße. Die zu erwartende Versauerung von Aue-, Buchen- und Eichenwäldern ist ein Problem.

Die mögliche Heilung: Nachrüstung oder Ausgleich.

Die TÜV-Gutachter setzen enge Grenzen für die Schadstoffe. Gerade die Quecksilberbelastung sei rund um Datteln 4 deutlich höher als in anderen Industriegebieten. Technisch sei das nur unter „Anwendung eines fortgeschrittenen Standes der Technik“ möglich, sagen die Gutachter.

Welche Folgen hat eine technische Nachrüstung für die Kosten? Eon hält sich bedeckt: „Aus heutiger Sicht ist nicht absehbar, ob und inwiefern sich im Verlauf des Verfahrens ein wesentlicher Veränderungsbedarf an der Anlagenkonfiguration ergibt“, teilt der Konzern auf Anfrage mit.

Eon hofft auf eine Alternative: Die Schäden in der Lippeaue sollen geduldet werden, im Gegenzug will der Konzern Kompensationsflächen bereitstellen. Doch so einfach wird der Wald-Deal wohl nicht, heißt es im Bundesamt für Naturschutz. Der Ausgleich müsse 1:1 erfolgen, sagt Fachgebietsleiter Axel Ssymank, das sei europäisches FFH-Recht. Einfach anderswo Wälder anzupflanzen reiche nicht. Auch der Ausgleichsraum müsse als FFH-Gebiet ausgewiesen werden.

Das Problem: Der aufgewirbelte Kohlestaub schädigt Menschen und Tiere.

Die mögliche Heilung: Technische Nachrüstung. Eon verspricht, bei der Verladung der Kohle von Schiffen die Förderbänder „einzuhäusen“ und Windzäune zu errichten. Eine teure Einhäusung des gesamten Kohlelagers lehnt Eon ab.

Das Problem: Die Lagerung des Gefahrenstoffs Ammoniak. Es kommt bei der Rauchgas-Wäsche zum Einsatz, bildet aber bei Kontakt mit Luft giftige Dämpfe. Die Seveso-II-Richtlinie schreibt einen strengen Sicherheitsabstand vor.

Die mögliche Heilung: Eon prüft, Ammoniak mit Wasser zu verdünnen. Damit fiele das Lager nicht mehr unter die Richtlinie. Kritiker sehen darin einen Trick. Die Menge des Ammoniaks bleibe gleich.

Das Problem: Die nahe Bebauung. Das Kraftwerk steht nur wenige 100 Meter entfernt von der Meistersiedlung.

Die mögliche Heilung: Technische Änderungen.

Ein Gutachten der Stadt Datteln, das Eon bezahlt hat, argumentiert so: Der Abstandserlass NRW enthalte lediglich Empfehlungen oder Leitlinien. Daher sei es möglich, dass ein eigentlich vorgeschriebener Abstand von 1500 Metern unterschritten wird. Voraussetzung dafür: Lärm, Luftverschmutzungen und andere Immissionen des Kraftwerks dürfen nicht schwerwiegend das Gesamtklima in der Siedlung verändern. Nun sei die Meistersiedlung wegen Dreck und Lärm schon so belastet, dass es nichts ausmache, wenn dazu noch mehr Schmutz aus dem Kraftwerk kommt. Das attestiert ein Gutachten des Ingenieurbüros Müller-BBM, das Eon in Auftrag gab. Die Umweltorganisation BUND sowie die klagenden Anwohner zweifeln das an.

 
 

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