Die Bosse vom Bosporus

Ohne Stammkapital in die Selbstständigkeit: Nuray Karakus, Unternehmerin aus Essen. Foto: Jakob Studnar
Ohne Stammkapital in die Selbstständigkeit: Nuray Karakus, Unternehmerin aus Essen. Foto: Jakob Studnar
Jeder fünfte Selbstständige in Nordrhein-Westfalen hat einen Migrationshintergrund. Die Zuwanderer sind in allen Bereichen tätig. Manche wagen den Schritt in die Selbstständigkeit aus der Not heraus.

Essen. Den ersten Auftrag erledigte Nuray Karakus noch selbst. Mittlerweile beschäftigt die 25-Jährige über 60 Mitarbeiter in ihrem Essener Reinigungsunternehmen. Sie ist eine von 765 000 Selbstständigen in Nordrhein-Westfalen. Laut Mikrozensus hat jeder Fünfte davon seine Wurzeln im Ausland – wie eben Nuray Karakus.

An der türkischen Schwarzmeerküste geboren, machte sie sich in Deutschland bereits mit 18 Jahren nach ihrem Fachabitur selbstständig. Parallel zu ihrem Management-Studium an der FOM in Essen gründete Nuray Karakus ihre Firma. Trotz fehlendem Stammkapital und mangelnder Erfahrung in der Reinigungsbranche, jedoch mit jeder Menge Engagement und Neugier, wie sie erzählt.

Nuray Karakus ist ein Beispiel dafür, dass sich die Rolle der Unternehmer mit Migrationshintergrund längst nicht mehr auf die des Obst- und Gemüsehändlers oder des Imbissbuden-Betreibers beschränkt. Nach Angaben der Landesregierung leisten sie enorm viel für die nordrhein-westfälische Wirtschaft und den Arbeitsmarkt.

Die Karriere geriet ins Stocken

Ein weiteres Beispiel für eine erfolgreiche Unternehmensgründung von Migranten ist Zeynep Babadagi-Hardt. Die 37-jährige gebürtige Türkin lebt seit 1981 in Deutschland. In ihrem Duisburger Pflegedienst arbeiten 21 Beschäftigte. Den Schritt in die Selbstständigkeit wagte die gelernte Krankenschwester 2005 aus der Not heraus. Nach mehreren Fortbildungen war sie zur stellvertretenden Leitung eines Pflegedienstes aufgestiegen. Als sie ihr zweites Kind zur Welt brachte, geriet die Karriere jedoch unerwartet ins Stocken: „Mein Chef hatte mir gekündigt, da ich als Türkin für seine deutschen Mitarbeiter als Leitung nicht mehr geeignet wäre.“

Der Schock saß tief, aber er wirkte nicht lang. Mit Unterstützung der IHK Duisburg eröffnete sie schon ein paar Monate später ihren eigenen Pflegedienst. Menschen wie sie hat NRW-Arbeitsminister Guntram Schneider (SPD) im Blick, wenn er sagt: „Viele Zuwanderer sind fähige Unternehmer.“ Und dies schon lange nicht mehr nur in Nischen wie der Gastronomie oder Reisebranche. „Zuwanderer findet man heute in allen Wirtschaftsbereichen. Wer immer nur an den Dönerbudenbesitzer denkt, der hat nicht mitbekommen, wie breit Zuwanderer heute unternehmerisch aufgestellt sind“, so Schneider.

Wunsch nach Auswanderung

Trotz dieser Wertschätzung hat die Regierung in Bund und Ländern offenbar versäumt, Deutschland als attraktiven Arbeitsmarkt für erfolgreiche Migranten zu gestalten. Insbesondere gilt das für türkischstämmige Akademiker. Nach einer Studie des Dortmunder Instituts „Futureorg“ von 2009 beabsichtigt jeder dritte Studierende türkischer Herkunft nach Abschluss seines Studiums auszuwandern.

Als Grund gaben die Befragten unter anderem an, dass sie zu Deutschland kein Heimatgefühle aufgebaut hätten. „Eine aktive Integrationspolitik hat hier über Jahrzehnte hinweg gefehlt“, sagt Institutsleiter Kamuran Sezer. Außerdem sei der Ansatz nicht weitreichend genug gewesen. „Es wurde sich zu sehr auf die Problemfälle konzentriert, die Bedürfnisse der Bildungserfolgreichen wurden kaum beachtet“, sagte Sezer. Inzwischen habe jedoch ein Umdenken stattgefunden. „Die Politik sollte noch mehr als bisher zunehmend die Frage in den Fokus rücken, warum und wie erfolgreiche Integration gelingen kann. Hierüber wissen wir zu wenig“, so Sezer.

Nuray Karakus und Zeynep Babadagi-Hardt stünden je­denfalls für ein Gespräch bereit.

 
 

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