„Die Angst kehrt immer wieder zurück“

Essen. Die Angst geht um in Deutschland. Besonders im Anbetracht der aktuellen Finanzkrise. Der bekannte Psychologe Dr. Arnd Stein spricht im Interview über den sinnvollen Umgang mit Angst, der Vermeidung von Massenpanik und warum Angst in der Natur des Menschen liegt.

Für den Psychologen Dr. Arnd Stein steht fest: „Realängste bei möglichen Geldverlusten brauchen keine Therapie. Sie verschwinden meist von selbst, sobald sich die Wogen geglättet und die finanzielle Lage geklärt haben.“ Seine Empfehlung: Gedankenaustausch mit Freunden und Bekannten – dabei sollte man aber auf Gespräche mit möglichen „Panikmachern“ verzichten.

Die Politik hat in den vergangenen Tagen mehrfach versichert, dass das Geld in Deutschland sicher sei. Warum glauben die Menschen den Worten von Frau Merkel und Herrn Steinbrück so wenig?

Dr. Arnd Stein: Die Politik hat ihren Vertrauenskredit verspielt. Nicht erst seit Andrea Ypsilanti in Hessen sind die Bürger viel zu oft belogen und auch betrogen worden. Eigentlich weiß jeder: Was Frau Merkel sagt, ist zunächst mal Opium fürs Volk. Natürlich erfüllt sie ihren verfassungsmäßigen Auftrag nach „bestem Wissen und Gewissen“. Der Bürger hat aber keinen Rechtsanspruch auf die „garantierten“ Sicherheiten. Wenn der Staat pleite ist, dürfte auch ein Teil des Geldes futsch sein. Die Wahrscheinlichkeit einer derart extremen Situation, wie sie jetzt in Finnland droht, ist aber äußerst unwahrscheinlich. Das heißt: Eigentlich ist die reale Einschätzung der Situation beruhigender als das beschwichtigende Wort der Kanzlerin.

Haben mehr junge oder ältere Leute Angst vor der Wirtschaftskrise?

Dr. Arnd Stein: Das hängt vor allem von der Persönlichkeit ab: Ein ohnehin ängstlicher Mensch wird durch die Krise mehr belastet als ein „unerschütterlicher“, selbstbewusster Optimist. Vermutlich haben aber eher ältere Menschen etwa ab 40 Jahren größere Sorgen, weil sie mehr angespart haben und verlieren könnten, eher Arbeitslosigkeit droht und sie näher „an der Rente“ leben. Sie sorgen sich um ihren Lebensabend – vor allem auch um eine ausreichende gesundheitliche Versorgung und spätere Pflege. Junge Menschen bis etwa Mitte 20 sind da noch unbedarfter: Sie haben eher die „Das-wird-schon-wieder-Mentalität“. Und sie haben kaum Vermögen, das sie verlieren könnten. Sobald aber eine Familie gegründet, vielleicht auch eine Hypothek aufgenommen wurde, wächst nicht nur die Sorge um die eigene Existenz, sondern auch um die Zukunft der Kinder.

Warum hat der Mensch überhaupt Angst?

Dr. Arnd Stein: Angst ist ein zunächst biologischer Schutzmechanismus, der den Organismus ganz allgemein vor Schädigungen bewahren soll. Eine so genannnte Angststörung liegt dann vor, wenn Stärke oder auch Dauer der Angst in Bezug auf den konkreten Auslöser unverhältnismäßig sind – oder scheinbar gar kein Grund erkennbar ist.

Die natürliche Angst ist also sinnvoll?

Dr. Arnd Stein: Als „Wächter“ und Warnsignal unbedingt. Die „gesündeste“ alltägliche Angst nennt man in ihrer abgeschwächten Form „Vorsicht“. Fröhlich pfeifend über den Dachfirst balancieren –das sollte man besser dem Dachdecker oder Schornsteinfeger überlassen.

Wie fühlt sich Angst an?

Dr. Arnd Stein: Der gesamte Organismus ist in Aufruhr: Herzrasen, schnelle, flache Atmung, Druck auf der Brust, zittern, schwitzen. Und die Seele wird gequält – durch ein äußerst unangenehmes Gefühl, das sich bis zur Panik, die ja eigentlich eine „Todesangst“ ist, steigern kann.

Was ist der Unterschied zwischen Angst und Furcht?

Dr. Arnd Stein: Angst ist eine unspezifische körperlich-seelische Erregung, gepaart mit diesem äußerst unangenehmen Gefühl. Sie hat kein konkretes Objekt. Man spricht deshalb auch von „frei flottierender“ Angst. Auch Panik-Attacken scheinen häufig keinen bestimmten Anlass zu haben, obwohl fast immer ein – oft unbewusster Auslöser – vorhanden ist. Furcht ist auf etwas Bestimmtes gerichtet: Furcht vor Krankheit, vor einem Hund, einer Schlange oder vor dem Ruin. In der Umgangssprache wird allgemein nur der Begriff „Angst“ verwendet. Das Wort „Furcht“ hat heute mehr literarischen Charakter. Die Phobie äußert sich übrigens weniger in körperlich-seelischer Erregung als in Meidungsverhalten. „Angst“ vor dem Aufzug, vor Menschenmengen, vor freien Plätzen (die so geannte Agoraphobie) wird erst dann zum tatsächlich erlebten Angstgefühl, wenn man sich in der jeweiligen Situation befindet oder sich gedanklich damit auseinandersetzt. Da diese „brenzligen“ Erfahrung aber geradezu zwanghaft vermieden wird, erlebt ein Phobiker die körperlich-seelische Angst oft gar nicht. Jedoch schränkt er seine Freiräume und seine Lebensqualität damit vielfach extrem ein.

Was können wir gegen alltägliche Ängste unternehmen?

Dr. Arnd Stein: Das beste Rezept gegen Sorgen und Zweifel sind klare Entscheidungen und detaillierte Informationen. Leichtere Angstgefühle kann man durch die Vernunft „einzäunen“, in Schach halten. Auch die Psycho-Technik „Gedankenstopp“ kann helfen: Sobald sich ängstliche Gedanken einschleichen wollen, innerlich „Stopp“ sagen – und sofort an etwas Schönes denken. So lässt sich fruchtlose Grübelei unterbrechen. Sinnvoll sind auch möglichst detaillierte Sachinformationen wie zum Beispiel bei Flugangst. Wird die Angst stärker – auf einer Skala von 0 bis 10 liegt sie dann erfahrungsgemäß bei etwa 5 und höher – bleibt die Vernunft oft auf der Strecke. Jetzt können aber Entspannungs- und Atemübungen (wie Autogenes Training, Yoga) noch eine Panik-Attacke verhindern.

Angst frisst die Seele auf. Stimmt das?

Dr. Arnd Stein: Immer wenn Angst unangemessen ist, beeinträchtigt sie die Lebensqualität erheblich. Wird sie chronisch – das wäre weitgehend gleichzusetzen mit Dauerstress – kann sie krank machen. Mögliche Signale sind hier Magen- und Kreislaufprobleme, Kopfschmerzen oder die Schwächung des Immunsystems. Eine sogenannte Angstneurose beherrscht den Menschen von früh bis spät und verfolgt ihn auch noch in seine Träume. Solche starken Ängste sollten psychotherapeutisch behandelt werden. Zur Überwindung von Panik-Attacken und Angst-Krisen ist auch der gezielte und vorübergehende Einsatz von Medikamenten sinnvoll.

Kann man Ängste auch komplett verdrängen?

Dr. Arnd Stein: Rationalen Menschen gelingt es tatsächlich oft, ihre Angst völlig zu verdrängen. Nur: Dieses elementare menschliche Gefühl lässt sich auf diese Weise nicht überlisten. Im Gegenteil: Verdrängte Angst hat die unangenehme Eigenschaft, „wiederzukehren“ und sich in unterschiedlichen psychosomatischen Symptomen bemerkbar zu machen. Durch diese Transformation ist die ursprüngliche Angst therapeutisch besonders schwer zu behandeln. Freud nannte dies übrigens „die Wiederkehr des Verdrängten“.Viel sinnvoller ist es daher, der Angst sozusagen ins Auge zu blicken, sich ihr zu stellen und mit ihr auseinanderzusetzen – und sie damit letztlich in ihren gesunden Grenzen zu halten.

 
 

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