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Deutsche Wirtschaft ignoriert viele qualifizierte Frauen

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Frauen in Dax-Vorständen Foto: dpa
Frauen an der Spitze sind selten. Im Schnitt liegt der Frauenanteil in den Vorständen und Aufsichtsräten deutscher Aktiengesellschaften bei 8,7 Prozent. In keinem anderen börsennotierten Unternehmen arbeiten mehr Frauen im obersten Management als beim Marktforscher GfK in Nürnberg.

Berlin. 

In keinem anderen börsennotierten Unternehmen arbeiten mehr Frauen im obersten Management als beim Marktforscher GfK in Nürnberg. Zwei von vier Vorstandsmitgliedern sind weiblich, und drei von zehn Aufsichtsräten. Damit steht die Firma an der Spitze des „Woman-on-Board-Index“. Dieser zeichnet alljährlich auf, wie viele Frauen in den Vorständen und Aufsichtsräten großer deutscher Unternehmen sitzen.

Während in Brüssel und Berlin eine mühsame Debatte darüber stattfindet, wie Frauen einen angemessenem Einfluss in wirtschaftlichen und politischen Spitzenpositionen erhalten, schaffen Firmen wie GfK Fakten. „Wir sind ein international geprägtes Unternehmen. Deshalb spielt Vielfalt eine große Rolle“, sagt GfK-Sprecherin Marion Eisenblätter zur Begründung. Die GfK wolle in der Zusammensetzung ihrer Mitarbeiterschaft die gesellschaftliche Realität abbilden.

Indem das Unternehmen sich nicht vornehmlich auf männliche Spitzenmanager verlässt, steht ihm eine größere Zahl möglicher Kandidaten und Kandidatinnen für freie Stellen zur Verfügung. Die Mehrheit der hiesigen Unternehmen ergreift diese Chance bisher jedoch kaum. Zwar ist etwa die Hälfte der angehenden Akademiker an deutschen Hochschulen weiblich, in unternehmerischen Spitzenpositionen sind die Frauen aber nur zu zehn Prozent vertreten. Die deutsche Wirtschaft leistet es sich, viele der vorhandenen Qualifikationen zu ignorieren.

Viele Frauen möchten eine professionelle Karriere verwirklichen und gleichzeitig ein erfülltes Familienleben genießen. Doch in der Praxis ist diese Vorstellung oft nicht durchzuhalten. Die Konsequenz: 77 Prozent der weiblichen Führungskräfte verzichten lieber auf Kinder. Frauen wie Telekom-Managerin Jeannette von Ratibor, die vier Kinder und einen Spitzenjob vereinbaren, sind selten.

Die betriebswirtschaftlichen Perspektiven stehen auf dem Spiel

Allerdings entdecken manche Unternehmen allmählich, dass es in ihrem eigenen Interesse liegt, die neuen Ansprüche zu berücksichtigen. Denn die betriebswirtschaftlichen Perspektiven stehen auf dem Spiel. Der Grund: Die deutsche Bevölkerung wird in den kommenden Jahrzehnten schrumpfen. Schon im Jahr 2025 könnten mehrere Millionen Arbeitskräfte fehlen. Spätestens dann dürfte es kaum noch möglich sein, auf Frauen zu verzichten. Daher scheint es besser, die Firmen würden sich heute bereits auf die Zukunft einstellen. Trotzdem tut sich nicht viel. Wie der „Woman-on-Board-Index“ ausweist, liegt der durchschnittliche Frauenanteil in den Vorständen und Aufsichtsräten deutscher Aktiengesellschaften bei 8,7 Prozent. In einem Drittel der Gesellschaften sind die Führungsgremien komplett mit Männern besetzt.

EU-Justizkommissarin Viviane Reding will deshalb eine verbindliche Frauenquote für Aufsichtsräte von 40 Prozent bis zum Jahr 2020 festschreiben. Richtig oder falsch? Auch in Deutschland ist die Debatte im Gange. Während den Gegnern die Quote zu starr erscheint, halten Befürworter sie für notwendig. Begründung: Nur wenn die Zahl der Frauen in den Führungsetagen eine kritische Masse erreicht, bekommen Bewerberinnen auch eine faire Chance.