Deutsche-Bank-Chef John Cryan – Der Ziegelstein-Kandidat

Der Brite John Cryan beerbt Anshu Jain auf einem der beiden Chefposten der Deutschen Bank.
Der Brite John Cryan beerbt Anshu Jain auf einem der beiden Chefposten der Deutschen Bank.
Foto: imago/EQ Images
Experten rätseln: Was macht der neue Chef der Deutschen Bank? John Cryan will sich erst im Juli äußern, in Frankfurt ist er noch recht unbekannt.

Frankfurt/Main.. John Cryan hüllt sich in Schweigen. Erst im Juli nach seinem Amtsantritt wird sich der künftige Chef der Deutschen Bank zu seinen Ideen und Zielen äußern, heißt es in der Zentrale. Zwar wird der 54 Jahre alte Brite von etlichen Beobachtern mit Vorschusslorbeeren überhäuft.

Auch an der Börse feierten Anleger den Wechsel: Die Aktie der Deutschen Bank schoss am Montag zeitweise um fast acht Prozent nach oben. Aufsichtsratschefs Paul Achleitner wandte sich gleichzeitig in einem Brief an die rund 98.000 Mitarbeiter der Bank: Cryan sei ein erfahrener Banker, der persönlich und beruflich für Werte stehe, die nötig seien, die Deutsche Bank voranzubringen.

John Cryan war nie im operativen Geschäft

Faktisch aber ist der neue Mann an der Spitze der Bank in Frankfurt eher eine Fata Morgana. Niemand, den man in Finanzkreisen fragt, hat Cryan jemals von Angesicht zu Angesicht gesehen. „Ich kenne ihn nicht, habe ihn noch nie getroffen“, sagt selbst der Chef einer renommierten Bank, der in der Branche bestens vernetzt ist. Und dies obwohl der Londoner angeblich schon im Frühjahr vergangenen Jahres als künftiger Chef der Deutschen Bank durch manche Medien geisterte.

„Ziegelstein-Kandidat“ sei er schon damals gewesen, sagt auch Hans-Peter Burghof, Professor für Bankwirtschaft an der Universität Hohenheim. Der Brite war damit der von Aufsichtsratschef Achleitner ausgewählte Kandidat für den Fall, dass Anshu Jain oder Jürgen Fitschen etwas zustoßen sollte. Insofern ist er jetzt der logische Nachfolger zunächst für Jain und ab Mai nächsten Jahres nach dem Abgang von Fitschen als alleiniger Chef der Deutschen Bank.

Deutsche-Bank-Chef John Cryan spricht Deutsch

Experten zufolge hat Cryan zwei wichtige Vorzüge: Er sitzt erst seit zwei Jahren im Aufsichtsrat der Deutschen Bank, war nie in das operative Geschäft eingebunden und kann damit nicht mit den Skandalen und Manipulationen der Bank in Verbindung gebracht werden. Und der Brite spricht, wie die Deutsche Bank ausdrücklich hervorhebt, gut Deutsch.

Künftig soll vor allem auf der Hauptversammlung des Instituts wieder ausschließlich Deutsch gesprochen werden. Cryan spricht Deutsch, weil er in den 90er-Jahren mehrere Jahre für das Bankhaus Warburg in München gearbeitet und 2010 und 2011 Finanzchef der schweizerischen UBS in Zürich war.

Cryan war nicht in Skandale verstrickt

Beobachter wie Professor Burghof, der Jain am 15. Juni zu einem Vortrag über die Lage der Banken erwartet, rechnen nicht mit einem Strategieschwenk. Allerdings erwartet er eine Präzisierung der von Jain und Fitschen Ende April bis 2020 vorgegebenen Richtung. Kernpunkte sind der Verkauf der Postbank, die Schließung von 200 der gut 700 Deutsche-Bank-Filialen, ein weiterer Personalabbau und leichte Einschnitte im Investmentbanking. Auch Stefan Bongardt, Analyst bei Independent Research, erwartet allenfalls eine „Modifikation“ der Strategie.

Andere fordern mehr als das. Cryan müsse sich das Thema Kulturwandel „mal richtig vornehmen“, sagt Klaus Nieding von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Er hält Cryan aber zugute: „Er ist auf jeden Fall in die Skandale nicht verstrickt und verwickelt – das ist ja schon mal was heutzutage bei der Deutschen Bank.“

Große Anerkennung in der Schweiz

Auch aus seiner Zeit als USB-Finanzchef von 2008 bis 2011 ist nichts an dem Briten hängengeblieben, obwohl die Schweizer wie die Deutsche Bank zuletzt enorme Strafzahlungen wegen der Manipulation des Interbankenzinses leisten mussten. Beobachter loben stattdessen Cryans Verdienste bei der radikalen Umstrukturierung der UBS. Cryan genießt noch heute große Anerkennung am Zürcher Bankenplatz.

Dagegen wurden seinem Vorgänger Anshu Jain die extrem teuren Vergleichs- und Strafzahlungen vor allem für Vergehen der Investmentbanker angekreidet. Einer Studie zufolge musste die Deutsche Bank zwischen 2010 und 2014 insgesamt 14,3 Milliarden Dollar zahlen.

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