Der Streit um Arbeitslose bei Amazon geht weiter

Arbeitslose sollen zwei Wochen umsonst arbeiten, wer kein Geld vom Staat bekommt, wird von Amazon bezahlt: Das soll Bewerbern im Lager des Versandhandel-Riesen in Werne gesagt worden sein, berichtet ein Zeuge. Das Foto zeigt einen Amazon-Mitarbeiter im Lager in Leipzig. Foto: dapd
Arbeitslose sollen zwei Wochen umsonst arbeiten, wer kein Geld vom Staat bekommt, wird von Amazon bezahlt: Das soll Bewerbern im Lager des Versandhandel-Riesen in Werne gesagt worden sein, berichtet ein Zeuge. Das Foto zeigt einen Amazon-Mitarbeiter im Lager in Leipzig. Foto: dapd
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Arbeitslose sollen zwei Wochen umsonst arbeiten, wer kein Geld vom Staat bekommt, wird von Amazon bezahlt: Das soll Bewerbern im Lager des Versandhandel-Riesen in Werne gesagt worden sein, berichtet ein Zeuge im Gespräch mit DerWesten.

Essen/Werne/Rheinberg.. Wer Arbeitslosengeld bekommt, soll erstmal umsonst arbeiten: Das soll ein Mitarbeiter des Internet-Versandhändlers Amazon möglichen Job-Kandidaten bei einer Vorstellung im Logistikzentrum in Werne gesagt haben. Wie das mit den Bewerbern sei, die keine staatlichen Leistungen bekommen, habe einer der Anwesenden gefragt, erzählt Rainer Berger (Name von der Redaktion geändert) im Gespräch mit DerWesten. Die Antwort: Die würden von der ersten Minute an vom Unternehmen bezahlt. Amazon-Sprecherin Ulrike Stöcker: „Das kann ich nicht kommentieren.“

Die Ungleichbehandlung will Rainer Berger nicht hinnehmen. Das Jobcenter hatte den 43-Jährigen, der seit 2005 arbeitslos ist, zu dem Termin bei Amazon geschickt. Etwa 80, 90 Leute seien dort gewesen, berichtet der Mann. Nach einem kurzen Film über die Arbeit in dem Lager habe ein Mitarbeiter die Konditionen referiert: Arbeit in zwei Schichten, vor Weihnachten könne es auch Nachtschichten geben. Bevor die Anwesenden noch zwei kurze Tests absolvierten, drei Pakete mit insgesamt 15 Kilogramm Gewicht heben mussten und zu Einzelgesprächen gebeten wurden, war klargestellt worden, dass von ihnen zweiwöchige unbezahlte Praktika erwartet würden.

„Muss das der Steuerzahler finanzieren?“

Offenbar eine gängige Praxis bei Amazon, einem Unternehmen, das einen Großteil seiner Mitarbeiter befristet als Saisonkräfte einstellt, wie Reporter der WAZ Mediengruppe berichteten. „Skandalös“, empörte sich Sozialminister Guntram Schneider - und äußerte Zweifel an ihrer Legalität. Das wiederum findet Martin Behrsing, Sprecher des Erwerbslosen Forums, „scheinheilig“: Immerhin habe das Arbeitsministerium die Landesaufsicht über die Arbeitsagenturen, die die entsprechenden Verträge immer wieder genehmigten. Außerdem sei Schneider lange DGB-Vorsitzender in NRW gewesen: „Das müsste er durch und durch kennen.“

Ob das Verfahren des Versandhändlers illegal ist, prüft das Land. Dass es überflüssig ist, davon ist Günter Isemeyer, Sprecher der Gewerkschaft Verdi in NRW, überzeugt: „Ein Großkonzern wie Amazon ist durchaus in der Lage, einen normalen, befristeten Arbeitsvertrag mit Probezeit zu machen – und den auch zu bezahlen.“ Die Gewerkschaft lehne solche unbezahlten Praktika grundsätzlich ab, sagt Isemeyer: „Muss so ein Geschäftsprinzip vom Steuerzahler finanziert werden?“

„Praktika sind legitimes und vernünftiges Verfahren“

Die rhetorische gemeinte Frage würde Werner Marquis, Sprecher der zuständigen Regionaldirektion der Agentur für Arbeit, wohl mit „ja“ beantworten. „Ganz normales Tagesgeschäft“ sei es, dass Unternehmen, die überwiegend Arbeitslose einstellten, von denen einen Praktikum erwarteten: „Das ist ein ganz legitimes und vernünftiges Verfahren für Arbeitgeber um zu testen, ob die Leute passen.“

Eben auch für Amazon, sagt Marquis. Die zuständigen Arbeitsagenturen und Jobcenter hätten 413 Empfängern von Arbeitslosengeld I und Arbeitslosengeld II ihre Bezüge während eines Praktikums im Lager des Versand-Riesen in Rheinberg gezahlt. 78 Prozent von denen seien anschließend auch übernommen worden - „für eine Stelle unterschiedlicher Befristung“. In Werne seien 1034 Arbeitslose zu Bewerbungsgesprächen geschickt worden, 90 Prozent hätten Verträge bekommen.

Auf welche Zeitspannen diese Verträge befristet waren, konnte Marquis nicht sagen, wollte gegenüber DerWesten aber ausschließen, dass es sich um Saisonkräfte gehandelt habe; seit 1. November würden solche Maßnahmen vom für Werne zuständigen Jobcenter Unna nicht mehr finanziert. Rainer Berger sieht das anders. Bei seinem Vorstellungstermin im September sei es um Verträge gegangen, von denen die längsten vom 1. Oktober bis zum 31. Dezember befristet waren.

Vorwürfe prallen am Internet-Riesen ab

Die Vorwürfe, sich die Mitarbeiter im Lager vom Steuerzahler bezahlen zu lassen, prallen am Internet-Riesen Amazon ab: „Da das Training die Wiedereingliederungsaussichten in den Arbeitsmarkt verbessert, erhalten Mitarbeiter, die auf diesem Weg zu uns kommen, für eine kurze Trainingszeit weiterhin ihre Bezüge von den Jobcentern und den Agenturen für Arbeit“, heißt es im Statement des Unternehmens: „Im Anschluss an die Trainingsmaßnahme erhalten die Arbeitnehmer ihr Gehalt von Amazon. Nach der Weihnachtssaison ist es Amazons Ziel, möglichst viele der saisonalen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in langfristige Arbeitsverhältnisse zu übernehmen.“

Rainer Berger hat den Job nicht angenommen – weil er sich nicht diskriminieren lassen wolle, sagt der 43-Jährige. Jetzt wartet er ab, ob sein Arbeitslosengeld II wie angedroht um 30 Prozent gekürzt wird.

 
 

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