Der Staat spielt Energieunternehmer

Thomas Wels
Interview mit Jürgen Großmann, Vorstandsvorsitzender RWE AG, am Dienstag, 14.12.2010 in Wesel. Foto: Bernd Lauter / WAZ FotoPool
Interview mit Jürgen Großmann, Vorstandsvorsitzender RWE AG, am Dienstag, 14.12.2010 in Wesel. Foto: Bernd Lauter / WAZ FotoPool
Foto: WAZ FotoPool

RWE-Chef Jürgen Großmann ist seit zwei Wochen wieder auf der Kommandobrücke des Energiekonzerns. Im Interview spricht er über seine Gesundheit, Stellenabbau und kommunale Konkurrenz.

Der Westen: Herr Großmann, wie geht es Ihnen?

Großmann: Mir geht’s gut. Ich muss jetzt nicht nur auf meine Frau, meinen Aufsichtsratsvorsitzenden und mein Büro hören, sondern auch auf meinen Arzt, der mir nahe gelegt hat, wiederum etwas mehr auf meinen Körper zu hören.

Was war die Ursache für Ihren Krankenhausaufenthalt?

Großmann: Das war ein Vorkammerflimmern am Herzen, das durch einen minimalinvasiven Eingriff behoben wurde. Der Eingriff ist gut verlaufen. Auf unserem Führungskräftetreffen haben meine Kollegen, glaube ich, einen tatkräftigen und entschlussfreudigen Chef erlebt. Ich wundere mich allerdings, was für ein Aufhebens gemacht wird, wenn mal einer für ein paar Wochen pausiert.

In der Tat. Es gab sofort die Gerüchte, Sie wollten früher aufhören.

Großmann: Das ist Unsinn, ich habe einen Fünfjahres-Vertrag, und den will ich auch erfüllen. Wenn mein Vertrag am 30. September 2012 ausläuft, bin ich sechzigeinhalb Jahre alt und damit sechs Monate über die RWE-interne Altersgrenze für Vorstände hinaus.

Nun sind Sie seit zwei Wochen wieder an Bord, und haben gleich Ärger: Verdi wirft Ihnen in den Lohnverhandlungen Verhöhnung der Mitarbeiter vor. Machen Sie vor den Warnstreiks ein neues Angebot?

Großmann: Ich werde die Tarifauseinandersetzung nicht öffentlich austragen, und sei es auch in einem noch so vertrauenswürdigen Medium wie der WAZ. Wir werden bis Ende 2010 ein Rekordergebnis erzielen und wollen die Mitarbeiter daran mit einer 1000-Euro-Einmalzahlung beteiligen. Zusätzlich soll es eine Lohnerhöhung von drei Prozent geben. Damit liegen wir über unseren Wettbewerbern.

Sie haben auch beim Umbau des Konzerns und dem Aufbau des Deutschland-Geschäfts einiges vor. Wie viele Stellen fallen weg? Die Rede ist von bis zu 2000.

Großmann: Es gibt noch keine Zahl. Diese muss letztlich von den operativen Gesellschaften und dem zuständigen Bereichsvorstand erarbeitet und vorgelegt werden. Zuständig für dieses Geschäft ist bei uns Rolf Martin Schmitz. Der Prozess läuft.

Welche Standorte müssen denn mit Personalabbau rechnen?

Großmann: Wir wollen keinen Standort auflösen. Klar ist aber, dass die Energiewirtschaft sich im Umbruch befindet und das Wachstum der erneuerbaren Energien unsere Kapazitäten im herkömmlichen Geschäft beschränkt. Also müssen wir uns anpassen, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Der Klimagipfel von Cancun hat zumindest Handlungsfähigkeit der Weltgemeinschaft bewiesen. Wie bewerten Sie die Ergebnisse?

Großmann: Es ist gut, dass mehr herauskam als erwartet. Das ist allerdings weniger als notwendig. Es gibt lediglich das Ziel, die Erderwärmung auf höchstens zwei Grad zu begrenzen, es gibt aber keinerlei Festlegung darüber, ob der Kohlendioxid-Ausstoß weltweit einen Deckel bekommen soll. Es gibt keinerlei konkrete Handlungsanweisungen.

Die gibt es aber von Umweltminister Röttgen, der für Deutschland vorgibt, zwischen 1990 und 2020 40 Prozent Kohlendioxid einzusparen.

Großmann: Das stimmt, und damit läuft Deutschland weit vor den Truppen selbst im übrigen Europa vorweg. Und damit stellt sich uns allmählich die Frage, was mit unseren energieintensiven Industrien geschieht, die wir schließlich für die grüne Energieerzeugung brauchen. Um Windräder zu bauen, braucht man auch Stahlkonzerne wie Thyssen-Krupp.

Für die Energiewirtschaft wird es ungemütlich. CO2-Zertifikate kosten ab 2013 Geld. Auch die Brennelementesteuer nagt erheblich an Ihren Gewinnen.

Großmann: In der Tendenz haben Sie Recht. Hinzu kommt, dass der Staat immer stärker über Länder und Kommunen in die Energiewirtschaft eingreift. Siehe der Einstieg von Baden-Württemberg bei EnBW oder die Übernahme der Steag durch die Kommunen. RWE und andere Versorger wollten eigentlich den Umbau zu den erneuerbaren Energien als Privatwirtschaft bewerkstelligen. Es stellt sich schon die Frage: Kann der Staat der bessere Unternehmer sein?

Freuen Sie sich nicht auf den neuen Wettbewerber Steag und Stadtwerke?

Großmann: Ich freue mich über jeden Wettbewerber, solange die Konkurrenten unter gleichen Bedingungen wirtschaften.

Und die sehen Sie bei der Rekommunalisierung der Steag nicht?

Großmann: Zunächst mal kann von Rekommunalisierung keine Rede sein, sondern man muss von der Kommunalisierung der privaten Steag sprechen. Wir nehmen übrigens der Steag momentan 70 Prozent ihrer Stromlieferungen ab.

Das machen Sie auch künftig noch?

Großmann: Über einige der Stromliefervertäge und ihre Laufzeiten entscheidet der RWE-Vorstand zwei Tage vor Weihnachten. Im Übrigen sind wir an einigen der Stadtwerke, die die Steag kaufen wollen, beteiligt. Das heißt, dass die Stadtwerke letztlich mit unserem Geld für Stromkapazitäten bieten, die uns ohnehin schon zustehen. Das hat durchaus eine gewisse Pikanterie.

Die Landesregierung ist nun 150 Tage im Amt. Sind Sie zufrieden?

Großmann: Die Landesregierung ist mit uns im Dialog. Ich schätze es sehr, dass ich schon zweimal mit der Ministerpräsidentin zusammentreffen konnte und meine Vorstandskollegen im Gespräch sind mit den jeweiligen Fachministern. Man hört uns zu.

Also alles in Butter?

Großmann: Es gibt Diskussions- und Abstimmungsbedarf, etwa was das geplante Landesklimagesetz angeht. Es nützt uns und unseren Arbeitsplätzen in NRW sicherlich nicht, wenn wir jetzt auf Landesebene Verschärfungen zum europaweiten CO2-Handel erfahren. Die CO2-Ausstoßrechte, die es gibt, werden genutzt werden. Wenn nicht von uns, dann eben von anderen Unternehmen, zum Beispiel in Osteuropa, mit positiven Effekten für den dortigen Arbeitsmarkt.