Der Rubel im freien Fall - Russland steuert in tiefe Krise

Für einen Euro mussten die Russen Dienstag zwischenzeitlich knapp 100 Rubel zahlen.
Für einen Euro mussten die Russen Dienstag zwischenzeitlich knapp 100 Rubel zahlen.
Foto: Getty
Der Versuch, mit einem Riesen-Leitzins von 17 Prozent den Sturz zu stoppen, ist gescheitert. Nun steuert das Land ungebremst in eine tiefe Krise.

Moskau. Mit dem Rubel stürzt auch die Laune vieler Moskauer ab. „Ich komme mir vor, als wäre der eiserne Vorhang wieder da“, sagt Hochschuldozentin Marina Astachowa. Der PR-Manager Eduard Sergijenko schimpft: „Ich hatte mir schon ein Appartement in Barcelona ausgesucht. Kostete nur 116.000 Euro. Ich hätte meine Moskauer Wohnung vermieten und dort das ganze Jahr dolce vita veranstalten können.“ Jetzt aber sei die Immobilie in Spanien nicht mehr bezahlbar.

Doch Russlands Rubelkrise trifft nicht nur die reisefreudige obere Mittelschicht Moskaus. Experten warnen vor einem gesamtwirtschaftlichen Kollaps.

Die Talfahrt des seit Monaten abwärts schliddernden Rubels gerät zum freien Fall. Gestern kletterte der Euro auf 91 Rubel, wurde zwischenzeitlich gar mit über 100 Rubel gehandelt. Anfang des Jahres hatte er gerade 45 Rubel gekostet. Die russische Währung ist nur noch die Hälfte wert – und rutscht weiter ab. Durch den Kursverfall der Landeswährung werden nicht nur Reisen ins Ausland teurer, sondern vor allem auch die importierten Waren, die in Russland auch nach dem EU-Embargo einen großen Teil des Angebots ausmachen. Die Börse und die russische Zentralbank reagieren zunehmend hektisch auf den Rubel-Absturz.

Schwacher Rubel treibt die Inflation

Am Dienstag hob die Zentralbank die Leitzinsen drastisch von 10,5 auf 17 Prozent an, um de Abwertung zu stoppen. Vergeblich. Nach kurzer Erholung stürzte der Rubel noch tiefer. Beides zusammen ist Gift für die russische Wirtschaft: Der enorm hohe Leitzins macht es den meisten Unternehmen fast unmöglich, frische Kredite aufzunehmen. Und der schwache Rubel treibt die Inflation und raubt damit den Kunden die Kaufkraft.

„Die Maßnahmen der Zentralbank sind mehr als nur fehlerhaft und unprofessionell, sie grenzen schon an Wahnsinn“, klagte die Duma-Abgeordnete Oksana Dmitrijewa im Radio Kommersant FM.

Sie meint damit nicht nur den offenbar wirkungslosen Zinssprung. Zuvor war bekannt geworden, dass die Zentralbank mit einer Bürgschaft dem Staatskonzern Rosneft 625 Milliarden Rubel vermittelt hatte (auch nach dem neuesten Kurs noch über 6 Milliarden Euro).

Panik macht sich breit

„In nur 3 Tagen hat die Bank Rosneft diese Rubelsumme zur Verfügung gestellt“, sagt Wassili Salodkow, Finanzexperte der Moskauer Hochschule für Ökonomie. „Normalerweise nimmt diese Prozedur ein halbes Jahr in Anspruch. Das Signal, dass die Zentralbank den ersten bedürftigen Staatskonzern direkt mit Geld versorgt, hat den Rubel noch eimal heftig abstürzen lassen.“

Nun befürchtet die Fachwelt, der Staat werde die Krise weiter anheizen, indem er auch Gazprom und der halbstaatlichen Eisenbahngesellschaft RSchD hunderte Rubelmilliarden vorschießt, beide haben schon vergleichbare Kreditanfragen wie Rosneft gestellt. Während die erhöhten Zinsen künftig kleinen und mittleren Betrieben ihre Investitionen erschweren. „Langfristig drückt nicht nur der sinkende Ölpreis auf den Rubel“, sagt Salodkow. „Sondern auch der völlig verrückte Staatshaushalt, mit 34 Prozent Verteidigungsausgaben. Und die Monopolisierung der Wirtschaft, in der große Staatskonzerne dominieren, die nun auch in der Krise großzügig mit Krediten versorgt werden.“

Panik macht sich breit. Die staatliche Sberbank dementierte Dienstag die Meldung, sie werde künftig Privatleuten keine Kredite mehr vergeben. Andere Geldinstitute bestellten fünfstellige Leuchttafeln, die nötig werden, wenn Euro oder Dollar über 100 Rubel kosten. In mehreren Moskauer Geschäften tauchten widerrechtlich Preisschilder auf, die Euro- oder Dollarpreise für Importware festschrieben. Die Zentralbank kündigte für 2015 ein Schrumpfen der Wirtschaft um 4,5 bis 4,7 Prozent und eine Inflation von acht Prozent an. Und laut der Wirtschaftsagentur RBK plant die Regierung, den Staatshaushalt um glatte 10 Prozent zu kürzen.