Der Norden des Ruhrgebiets hinkt hinterher

Eine „Ruhrstadt“ ist derzeit keine sinnvolle Alternative zu den einzelnen Städten - das ist das Ergebnis einer RWI-Studie. Im Interview erläutert der Präsident des Forschungsinstituts, wie er die Region voranbringen würde.

Essen. Auf fast 150 Seiten beschreibt das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) im Auftrag der RAG-Stiftung, wie die Menschen im Revier leben und arbeiten. RWI-Präsident Prof. Christoph M. Schmidt erläutert im Gespräch mit der WAZ-Mediengruppe die Ergebnisse.

Wo steht das Ruhrgebiet im Wettbewerb mit anderen Regionen?

Christoph M. Schmidt: Der springende Punkt ist, dass es „das Ruhrgebiet“ in wirtschaftlicher Hinsicht gar nicht gibt. Es liegen vielmehr erhebliche Unterschiede vor. Einige Städte wie Dortmund, Essen und Mülheim können gut mit der Entwicklung anderer Regionen wie der Rheinschiene (Düsseldorf, Köln und Bonn) mithalten, andere Städte und Kreise – gerade im nördlichen Ruhrgebiet – hinken hinterher und laufen Gefahr, wirtschaftlich den Anschluss zu verlieren. Einzig bei der Bevölkerungsprognose sieht es für das gesamte Ruhrgebiet im Vergleich zum übrigen NRW nicht gut aus, bei den unter 50-Jährigen ist im Ruhrgebiet im Vergleich zu NRW jeder Jahrgang deutlich unterrepräsentiert.

Was sind die größten Stärken des Reviers?

Die Vielfalt des Reviers hinsichtlich der wirtschaftlichen Ausrichtung und zum großen Teil gut ausgebildete Menschen, die sich mit der Region stark verbunden fühlen. Das Ruhrgebiet bietet ebenso große Industrieunternehmen wie einen starken Mittelstand, die sich in ganz verschiedenen Branchen erfolgreich behaupten. Hinzu kommt eine im Vergleich zu anderen Regionen schon sehr gut ausgebaute Infrastruktur. Auch als Wissenschaftsstandort hat das Ruhrgebiet deutlich aufgeholt und profitiert von Netzwerken zwischen Forschung und Wirtschaft.

Das Ruhrgebiet lässt Chancen liegen

Und die Schwächen?

Man ergreift nicht konsequent genug die Chancen, die jeder wirtschaftliche Wandel auch bietet. Potenziale der Region und der Menschen werden nicht ausgeschöpft, weil bei vielen Akteuren doch noch immer ein ausgeprägtes Kirchturmdenken vorliegt. Vielen fällt es zum Beispiel schwer, heute noch örtlich gebundene Kompetenzen an Initiativen und übergeordnete Organisationen abzutreten. Zu viele versuchen, zu viel alleine zu bewältigen. Außerdem leidet das Ruhrgebiet noch immer unter der vergleichsweise hohen Arbeitslosigkeit.

Teil der Studie war auch eine breit angelegte Befragung. Gibt es eine städteübergreifende Ruhrgebietsmentalität?

Sehr viele Bürger fühlen sich nicht nur mit ihrem Wohnort, sondern auch mit der Region Ruhrgebiet sehr eng verbunden. Vor allem die Mentalität im Ruhrgebiet wird als positiver Aspekt der Region wahrgenommen. Insgesamt hoch ist auch die Mobilitätsbereitschaft, wobei die Bürger die Stadtgrenzen häufiger für die Arbeit überschreiten als für Freizeitaktivitäten.

Ist das Ruhrgebiet mehr als die Summe seiner Teile?

Das Ruhrgebiet vermarktet sich ja zum Teil erfolgreich als Region, zum Beispiel beim Tourismus oder auch bei der Anwerbung von Unternehmen und der Flächenvermarktung, wie gerade bei der Expo Real zu sehen war. Verfehlte Kooperationen, divergierende Interessen und machtpolitische Kalküle führten aber in der Vergangenheit häufig dazu, dass Kooperationen im Endeffekt ihre Möglichkeiten bei weitem nicht ausgeschöpft haben. Hier gilt es, Kooperationen unter engagierten Teilnehmern mit klaren Zielen und Kompetenzen zu initiieren, um zukünftig bei weiteren Themen erfolgreich zusammenzuarbeiten.

„Eine Ruhrstadt wäre derzeit nicht sinnvoll“

Wäre es sinnvoll, die Revierstädte zu einer „Ruhrstadt“ zusammenzufassen?

Aktuell halte ich das für wenig sinnvoll. Wir haben ja gezeigt, dass das Ruhrgebiet wirtschaftlich keineswegs eine einheitliche Region ist. Wir haben starke Städte, die durch eine zwangsweise Vereinheitlichung eher gebremst würden. Kooperationen können hier der Schlüssel zum Erfolg sein. Aber eben freiwillig aus dem eigenen Willen zur Verbesserung, nicht zwangsweise. Dabei müssen sich Kooperationsprojekte nicht über das gesamte Ruhrgebiet erstrecken, sie müssen aber auch nicht an den Reviergrenzen enden. Statt zu versuchen, viele wirtschaftlich noch sehr unterschiedlich starke Akteure in einen großen Dampfer zu bekommen, sollte man alles daran setzen, innerhalb der gegebenen Strukturen schneller voranzukommen.

Was sollte die Politik nun tun?

Es muss eine Initialzündung her, die dazu führt, dass die Potenziale besser genutzt werden. Und die bestehen insbesondere in einer viel stärkeren Kooperation der Städte und Gemeinden. Nicht jede Stadt kann ihren Bürgern alles anbieten – sie muss es auch nicht! Bei der Industrieansiedlung, beim öffentlichen Nahverkehr, bei der Kultur, bei Schulkonzepten, bei Alten- und Pflegeeinrichtungen, es gibt so viele Beispiele, bei denen eine Zusammenarbeit zu einem für Firmen und Bürger attraktiveren Angebot führen könnte. Das muss die Politik den Bürgern endlich viel klarer darlegen als das bisher geschehen ist. Zudem lässt die Finanzsituation der meisten kommunalen Haushalte kaum eine andere Wahl.

Die Studie finden Sie hier.