Der Mann, der das Fernsehen besiegt

Los Gatos/Essen..  Reed Hastings lächelt in letzter Zeit oft – er hat auch viel Grund dazu. Denn Hastings ist als Gründer und Chef von Netflix gerade dabei, das Fernsehen zu revolutionieren. In der Nacht zu Mittwoch erst hat er neue Zahlen präsentiert. Gute Zahlen. 43 Millionen Dollar Gewinn allein im letzten Quartal 2015, die Zahl der Nutzer ist um 5,59 Millionen gestiegen. In den klassischen TV-Sendern aber dürften sie einmal mehr aufgestöhnt haben.

Netflix bietet Serien und Filme auf Abruf. Wann man will, wo man will, auf allen möglichen Endgeräten – solange man eine Onlineverbindung hat. Die Streaming-Technik ist nicht neu, aber noch niemand hat sie so erfolgreich vermarktet wie Netflix.

Die US-Firma, die Ende der 90er-Jahre mit dem Postversand von DVDs anfing, ist auf dem Weg, zu einer Art Weltvideothek zu werden. Sie hat inzwischen mehr als 75 Millionen Mitglieder in 130 Ländern. „Im vergangenen Jahr haben die Leute auf Netflix 42,5 Milliarden Stunden ferngesehen“, freut sich Hastings.

Bereits seit Herbst 2014 ist der Dienst auch in Deutschland verfügbar. Der Plan sei, hieß es zum Start, innerhalb von sieben Jahren jeden dritten Deutschen zu erreichen. „Wir liegen gut in der Zeit“, hat Hastings in dieser Woche gesagt, ohne allerdings genaue Zahlen zu nennen. Das muss er auch nicht, um die klassischen TV-Sender in große Sorge zu versetzen. Seit Jahren schon sind Zuschauerzahlen rückläufig – auch wegen Angeboten wie Netflix. Lockten selbst herkömmliche Krimireihen in den 80er- und 90er-Jahren noch 16 bis 18 Millionen Zuschauer vor den Bildschirm, gilt mittlerweile schon die Hälfte als Erfolg.

„Feste Sendezeiten? Kurios.“

Hastings prophezeit gerne das Ende des klassischen Fernsehzeitalters, „in zehn bis 15 Jahren“. ARD oder ZDF brauche kein Mensch, sagt er. Und mit festen Sendezeiten kann der 55-Jährige Milliardär gar nichts anfangen. „Davon habe ich gehört, kurios.“ Nichts für junge Menschen jedenfalls. „Da schaut jeder, wann er Lust und Zeit hat.“

Für die USA, wo die über 40 Millionen Netflix-Kunden aus mehr als 60 000 Programminhalten wählen können, ist das richtig. Die Deutschen allerdings hinken hinterher. Zwar steht mittlerweile angeblich in knapp jedem vierten deutschen Haushalt ein internetfähiger Fernseher, doch kommen viele Zuschauer damit nicht zurecht.

Das wird den Erfolg des Onlinefernsehens allerdings nicht verhindern. Bis es so weit ist, könnte aus dem Jäger allerdings längst ein Gejagter geworden sein. Denn Netflix hat Konkurrenz – regional und international. In Deutschland haben nicht nur die große Sender ihre Mediatheken erweitert, hier gibt es auch Dienste wie Maxdome oder Videoload als Herausforderer.

Viel gefährlicher aber dürften für Hastings die sogenannten Big Player des Internets sein. Amazon ist Netflix in vielen Ländern dicht auf den Fersen, indem es Versandvorteile mit einem eigenen Video-Streaming-Dienst koppelt. Auch der zu Google gehörende Videodienst Youtube hat längst ein gebührenpflichtiges und werbefreies Angebot gestartet. Und natürlich gibt es da auch noch Apple.

Am Ende werden die Inhalte zählen. Deshalb lässt Hastings längst eigene Serien produzieren. Um sie zu drehen, hat Netflix seine Kunden nach ihren Wünschen befragt und viele Daten über ihre Sehgewohnheiten gespeichert. So sind Serien wie „House Of Cards“ mit Kevin Spacey oder „Orange is The New Black“ entstanden. Mehr als ein Dutzend weiterer sollen in diesem Jahr folgen.

Um das Programm zu füllen, hat der Mann, der das Fernsehen besiegen will, in diesem Jahr rund fünf Milliarden Dollar zur Verfügung gestellt. Zum Vergleich: Das ZDF plant in diesem Jahr mit Aufwendungen von 2,25 Milliarden Euro.

 
 

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