Der faire Handel will raus der Nische

Gianna Schlosser

Dortmund.  Fair gehandelte Produkte kommen langsam raus aus ihrer Nische, immer mehr Verbraucher achten beim Einkauf auf entsprechende Siegel und Logos. In Deutschland stieg der Umsatz mit Fairtrade-Produkten 2015 um 18 Prozent auf 978 Millionen Euro, bilanziert Fairtrade Deutschland. International ist das aber immer noch wenig: Während man 2015 in der Schweiz pro Kopf knapp 58 Euro, in Österreich 21,50 Euro für Fairtrade-Produkte ausgab, waren es hierzulande gerade mal 12 Euro.

Das Preisniveau spielt eine Rolle, vielleicht aber auch immer noch das Branchen-Image. Fairtrade – hat das nicht vor allem mit Dritte-Welt-Läden und Hilfsprojekten zu tun? Antworten auf diese Fragen gibt es noch bis Samstag auf der Messe Fair Friends in den Dortmunder Westfalenhallen.

Erster Eindruck: Ohne die Fotos der indischen oder afrikanischen Frauen, landestypisch gekleidet, und gerade dabei, ein faires Produkt herzustellen, scheint es nicht zu gehen. Schließlich geht es um ihre Arbeitsbedingungen, ihre Löhne und die Verantwortung hiesiger Konsumenten dafür. Natürlich kann man auf der Messe Schmuck aus Äthiopien kaufen, Taschen aus Nigeria, Wollkleidung aus Peru, Ponchos aus Uruguay. Die Kombination aus bunten Bildern und nett präsentierten Waren soll vermitteln: schöne Sachen, tolle Projekte, kann man nur gut finden. Doch auch, wer diesem Reflex nicht erliegt, wird feststellen: Fairtrade ist nicht nur gewissensberuhigend, sondern auch: Lecker. Elegant. Originell. Überraschend.

Zum Beispiel am Stand von Ombar: Die Schokoladen des britischen Unternehmens stammen von ecuadorianischen Kakao-Farmen, sind bio, vegan, fair. Vor allem aber werden sie unkonventionell produziert: Die Kakaobohnen werden nicht geröstet, so dass viele Inhaltsstoffe erhalten bleiben, die bei der Herstellung normalerweise verloren gehen. Das schmeckt überraschend gut und soll besonders gut verträglich sein.

Kakao – ungeröstet, aber lecker

Hinter dem „wohl nachhaltigsten Kaffee der Welt“ steht eine Geschichte, die „Urwaldkaffee“-Geschäftsführer Oliver Driver gern zum Besten gibt: Hinter dem wildwachsenden Kaffee aus dem kolumbianischen Urwald steckt nämlich kein deutsches Hilfsprojekt, sondern eine Idee der einheimischen Kogi-Indianer. Jede der etwa 1600 Kogi-Familien erntet etwa zwei Säcke Kaffee pro Jahr, um mit den Einnahmen Urwaldflächen zurückzukaufen.

Noch ganz am Anfang steht das Projekt „Living Atlas“ von Belaid Zouhair und Norbert Dennig. Die Berberteppiche, die Wolle und der Knüpfstuhl an ihrem Stand, dazu die Bilder marokkanischer Frauen, die Teppiche in die Kamera halten, scheinen auf ein Hilfsprojekt hinzudeuten – doch den beiden geht es um mehr: um die Bewahrung traditioneller Handwerkskunst, um selbstbewusste Frauen und um eine Vermarktung, die nichts mit schlechtem Gewissen zu tun hat. Vielmehr wollen sie hochwertige Waren mit anspruchsvollen Käufern zusammenbringen. Auf der Fair Friends hoffen sie, Vertriebspartner zu finden. Schräg gegenüber fordern kistenweise „gerettete“ Bananen zur Selbstbedienung auf – geschickter Lockruf vom Geschäftsführer des Düsseldorfer Start-ups „Be Bananas“. Lars Peters’ Thema ist die Lebensmittelverschwendung: Sein Unternehmen lässt Ausschuss-Bananen zu Brot verarbeiten. Ein Geschäftsmodell, das ausschließlich auf Bananen, noch dazu die aussortierten, setzt? „Die Banane wird in Deutschland von allen Obstsorten am zweithäufigsten gegessen, belegt aber Platz eins, was die Verschwendung angeht“, sagt Peters. Seine Firma bezieht die Ausschussware eines Großhändlers, allein dort würden täglich zehn bis 20 Tonnen noch genießbarer Früchte weggeworfen. Für ein gutes Bananenbrot jedoch könnten die Früchte gar nicht braun genug sein.

Kulinarisches, Ledertaschen, weiche Wolljacken, schillernde Schmuckstücke: Die meisten der fairen Produkte verzichten mittlerweile auf das schlechte Gewissen als Marketinginstrument.