Der Bauer – ein Berufsbild im Wandel

Foto: Vera Kämper

Kirchhellen/Unna. „Bauer werden ist nicht schwer, Bauer bleiben eine Ehr.“ Eine alte Weisheit und doch so aktuell. Zwischen Spezialisierung, Fusionen und Vermarktung versuchen Landwirte einfach ihren Job zu machen – und sich damit über Wasser zu halten.

Einfach nur Kühe melken, Schweine mästen und Getreide anbauen ist nicht mehr. Neue EU-Agrar-Reformen und die Globalisierung machen den heimischen Landwirten das Leben schwer. Sie müssen flexibel sein, sie müssen sich Schwerpunkte suchen, und sie leiden unter dem immer größer werdenden Leistungsdruck. Zwei Beispiele aus der Region:

Ein lautes Muhen kommt aus dem Stall, ein Presslufthammer rattert auf Kopfsteinpflaster, eine Motorsäge kreischt. Der Bauernhof von Friedrich Steinmann ist in Bewegung. Typische Landluft zieht in die Nase. Doch der der Geruch ist nicht so streng, fast ein bisschen süßlich. Und er kommt nicht aus dem Stall oder von den Feldern, sondern aus einem überdimensionalen, grünen Trog.

Der Biogas-Pionier

Wie in einem Hexenkessel blubbert es, das Gemisch aus Gülle und Silomais. Durch ein Rohr werden die Gärreste ausgeschieden; eine trockene, braune Masse. „Die Reste verwenden wir als wirtschaftseigenen Dünger“, erklärt Bauer Steinmann. „Der hat den gleichen Düngewert wie Gülle, stinkt aber weniger, weil der Amoniak nicht mehr drin ist.“ Wenn der 53-Jährige seine Biogas-Anlage erklärt, sieht er sehr zufrieden aus.

Denn genau genommen ist Friedrich Steinmann ein Biogas-Pionier. 1999 stellte er sich eine individuelle Anlage zusammen. „Die gab’s damals noch nicht von der Stange“, sagt der Landwirt. „Das war eine Zeit, da wusste noch keiner, was eine Biogas-Anlage eigentlich ist.“ Eine Kombination aus dem Willen zur Weiterentwicklung seines Hofs und dem politischen Druck der damaligen rot-grünen Landesregierung ließ Steinmann das Wagnis „Biogas-Anlage“ ausprobieren.

Keine Lizenz zum Gelddrucken

Heute ist das Thema bekannt und zurzeit auch in aller Munde. „Biogas-Anlagen waren eine Zeitlang politisch gewollt“, sagt auch Hans-Heinrich Berghorn, Pressesprecher des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes. „Aber die Euphorie, sie seien die Lizenz zum Gelddrucken, ist weg. Mit der Verdopplung der Rohstoffkosten hat sich das gewandelt.“

Und genau dieser Punkt macht auch Bauer Steinmann in Kirchhellen deutlich zu schaffen. Mit dem Strom, den er komplett ins Netz der ELE (Emscher Lippe Energie) einspeist, kommt er auf 12 500 Euro im Monat. Doch: „Die Betriebsmittelkosten haben sich fast verdoppelt, während die Einspeisevergütung gleich geblieben sind“, sagt er. Denn um das Biogas zu produzieren, braucht der Landwirt neben den nachwachsenden Rohstoffen, die er nur zum Teil selbst anbaut, auch Heizöl für die Generatoren – beides zurzeit bekanntlich teuer.

Wo Steinmann zuvor Getreide angebaut hatte, wächst auf 30 Hektar Ackerland Silomais. Damit lag er auch im Jahr 2007 im Trend. Laut Angaben des Statistischen Landesamts baute jeder zwanzigste Landwirt in Nordrhein-Westfalen nachwachsende Rohstoffe zur Erzeugung von Biogas an. Demnach haben 2400 landwirtschaftliche Betriebe auf über 27 100 Hektar Energiepflanzen für die Biogaserzeugung angebaut.

Tank oder Teller? Nicht hier.

Doch die „Tank oder Teller?“-Diskussion will Friedrich Steinmann nicht führen. „Die Tatsache, dass vier Prozent der landwirtschaftlichen Flächen nicht mehr für Getreide-, sondern für Biodieselproduktion genutzt werden, kann nicht alleine ausschlaggebend für die Verknappung von Lebensmittel sein.“ Die weltweite Ernährungsmittelkrise führt er vielmehr auf globale, politische Faktoren zurück. Und dem Vorsitzenden des landwirtschaftlichen Kreisverbandes Recklinghausen ist ebenso klar: „Die erste Aufgabe der Landwirtschaft bleibt auch in Zukunft die Lebensmittelproduktion.“ Dieser Aufgabe wird er mit seinen 700 Mastschweinen und 70 Milchkühen gerecht.

Friedrich Steinmann will sich über die teuren Betriebsmittelkosten für seine Biogas-Anlage nicht beschweren, will die Situation positiv sehen: „Die Wirtschaftlichkeit der Anlage hat zwar dramatisch gelitten. Aber sie hat sich bereits in den Anfangsjahren amortisiert“, sagt er. „Wenn ich das Geld für die Schweine investiert hätte, hätte es sich genauso rentiert.“

Einen weiteren Grund, um positiv in die Zukunft zu blicken, liefert Steinmann sein Sohn Christoph. Denn der arbeitet bereits im Familienbetrieb und wird auf lange Sicht den Hof von seinen Eltern übernehmen.

Der Nachwuchs fehlt

Auch Jens Wisselmann ist ein Exemplar dieser schwindenden Gattung. Der 33-Jährige hat vor wenigen Jahren den Hof seines Vaters in Unna-Mülhausen übernommen. Damit schwimmt er gegen den Trend: Laut Angaben der Experten des Landes ist der Anteil jüngerer Betriebsinhaber unter 35 Jahren von 17 Prozent auf knapp acht Prozent zurückgegangen.

Jens Wisselmann blickt auf eine lange Familientradition zurück: „In den letzten Generationen war der Hof in unserer Hand“, sagt er. „Aber ich bin zu keiner Zeit dazu gedrängt worden, den Hof meines Vaters zu übernehmen.“ Nach einer Elektrikerausbildung („um mal etwas anderes zu sehen“) entschied sich der heute 33-Jährige für den Ackerbau- und Mastschweinebetrieb.

„Ich mag die Freiheit, mein eigener Herr zu sein. Die Arbeit ist sehr interessant, vielfältig und jedes Jahr anders.“ Also steht Jens Wisselmann jeden morgen um sieben Uhr auf, mahlt das Getreide, füttert die Schweine, versorgt die Tiere auch medizinisch. „Außerdem ist die Büroarbeit durch neue Vorschriften und den Antragswahn von Jahr zu Jahr mehr geworden“, sagt er und schimpft auf die Politik der Europäischen Kommission.

„Gegessen wird immer.“

Auch wenn sein Vater noch den traditionellen Bauernhof mit Kühen und Hühnern führte, folgt Wisselmann junior dem Trend zur Spezialisierung. „Mein Vater hat mir bereits den Weg zur Schweinehaltung geebnet“, sagt er. Neben seinen 1200 Mastschweinen widmet er sich zusätzlich lediglich der Ferkelaufzucht. Seine Einstellung: „Wenn man verschiedene Tiere hat, dann macht man Vieles, aber nichts richtig.“

Dass um Jens Wisselmann herum nicht alle Söhne oder Töchter die Betriebe ihrer Väter übernehmen, versteht der Landwirt: „Ich würde nie jemanden auslachen, der den Familienbetrieb aufgibt“, sagt er. Ihn selbst plagen jedoch keine Zukunftsängste, denn er ist sich sicher: „Gegessen wird immer.“

Mehr zum Thema:

Lieferboykott geht weiter - Bauern blockieren Molkereien

Als Bio noch exotisch war

Weniger Geld für die Bauern

 
 

EURE FAVORITEN