Das Auswanderungsland braucht Zuwanderer

Stefan Schulte

Warum Deutschland trotz seiner Integrationsprobleme und vielen Arbeitslosen ausländische Fachkräfte braucht. Eine Analyse.

Horst Seehofer hat Recht: Deutschland ist kein Einwanderungsland. Seit zwei Jahren wandern mehr Menschen aus als ein, Deutschland verlor 2008 durch Migration 56 000 Bürger, 2009 noch einmal rund 13 000. Deutschland ist also ein Auswanderungsland. Leider, findet die Wirtschaft. Industrieländer seien auf Zuwanderung von Fachkräften angewiesen. Längst konkurrieren die größten Volkswirtschaften um die besten Köpfe aus aller Welt. Und Deutschland verliert nicht nur das Rennen um ausländische Fachkräfte, es verliert auch eigene ans Ausland.

Doch Seehofer warnt trotz der jedem zugänglichen Zahlen des Statistischen Bundesamts vor einer „ungesteuerten Zuwanderung” aus „bestimmten Kulturkreisen” und nennt explizit die Türken. Doch auch hier sagt die Statistik: Es gibt per Saldo keine Zuwanderung mehr aus der Türkei, im Gegenteil: 2008 und 2009 zogen je rund 10 000 Menschen mehr aus Deutschland in die Türkei als umgekehrt.

Die Türken sind noch aus einem weiteren Grund das beste Beispiel dafür, dass die Integrationsprobleme mit der aktuellen Zuwanderungsdebatte faktisch nichts zu tun haben. Der Großteil der vor 30, 40 Jahren eingewanderten türkischen Familien stammt aus einfachen Verhältnissen, sie wurden als günstige Arbeitskräfte für Bergbau und Stahlindustrie geholt. Da es diese einfachen Jobs kaum noch gibt, fehlt der Sorge vor einem neuen Massenzustrom bildungsferner Schichten die Grundlage. Heute geht es darum, hoch qualifizierte Fachkräfte ins Land zu holen.

Die noch immer viel zitierte Einwanderung in unsere Sozialsysteme ist bei einer gezielten Anwerbung von Fachkräften unwahrscheinlich. Schon heute ist ihr Anteil an den Hartz-IV-Beziehern sehr gering, beim vorausgesagten künftigen Fachkräftemangel wird er weiter sinken.

Fortbildung reicht nicht

Im Umkehrschluss kann der Fachkräftemangel auch nicht aus dem Heer der Langzeitarbeitslosen behoben werden, wie Kanzlerin Angela Merkel glauben machen will. Weil die meisten einen geringen Bildungsabschluss haben, kann man sie nur bis zu einem gewissen Grad weiterbilden, aber nicht zum Ingenieur.

Deshalb diskutieren die Fachminister der CDU und FDP auch nicht, ob, sondern nur noch, wie weit die Hürden für qualifizierte Zuwanderer gesenkt werden sollen. Dafür ist entscheidend, wie viele das Land braucht. Mehr offene Stellen als Arbeitslose gibt es bereits bei den Ingenieuren, es fehlen auch Informatiker und Mathematiker. Nach Angaben der Wirtschaftsverbände können in diesen Bereichen rund 200 000 Stellen in naher Zukunft nicht besetzt werden.

Die CSU argumentiert, die ab 2011 auch in Deutschland geltende Arbeitnehmerfreizügigkeit in der EU werde das Problem lindern. Doch das ist eher für andere Branchen zu erwarten, etwa in der Pflege. Zehntausende Osteuropäerinnen, die heute zumeist illegal in Deutschland arbeiten, werden dann anerkannt. Für Hochqualifizierte – ob aus Osteuropa oder dem Rest der Welt – wird entscheidend sein, wie attraktiv Deutschland als Einwanderungsland ist, denn sie werden auch von den Nachbarländern umworben.

Hier spielt das Image eine große Rolle. Dass es derzeit nicht gut ist, lassen die Zuwanderungszahlen von Fachkräften aus Drittstaaten vermuten, die zuletzt gesunken sind, obwohl 2005 und 2009 die Hürden bereits gesenkt wurden. So wurde die Einkommensgrenze, die Ausländer überschreiten müssen, um eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten, von 86 000 auf rund 66 000 Euro gesenkt. Selbstständige müssen statt 500 000 „nur“ noch 250 000 Euro investieren und fünf Arbeitsplätze schaffen. Dennoch kamen im vergangenen Jahr nur knapp 2500 Ingenieure und 1024 Selbstständige nach Deutschland.

66 000 Euro als Hürde

Die Ansätze, dies zu ändern, sind vielfältig. Die FDP will Punkte vergeben für Bildungsstand, Sprachkenntnisse und Einkommen. Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) plant gezielte Anwerbungen für bestimmte Branchen. Zudem sollen ausländische Bildungsabschlüsse leichter anerkannt werden. Aber auch die Einkommensgrenze ist vielen noch zu hoch. 66 000 Euro werden selten als Einstiegsgehalt gezahlt, auch einem IT-Experten nicht.

Wie hoch letztlich die Hürde gelegt wird, bringt auch zum Ausdruck, was die Politik der eigenen Bevölkerung noch zutraut. Natürlich lässt sich den Wirtschaftsverbänden vorwerfen, sich auf die einfachste Art bedienen zu wollen. Eigenen Nachwuchs heranzuziehen oder Beschäftigte weiterzubilden, ist der härtere und teurere Weg. Dazu gehört auch die noch mangelnde Unterstützung der Universitäten. Die Industrie beklagt, dass zu wenige Ingenieure die Unis verlassen, tut aber selbst wenig dafür, dass sich dies in absehbarer Zukunft ändert.