Börsengang macht 1000 Facebook-Mitarbeiter zu Millionären

Dirk Hautkapp
Facebook gibt den Startschuss für seinen lange erwarteten Börsengang. Das weltgrößte soziale Netzwerk beantragte am Mittwoch seinen Sprung aufs New Yorker Börsenparkett. Die Aktienausgabe ist ab Sommer denkbar. 1000 der 3000 Mitarbeiter könnten dadurch zu Millionären werden.

Washington/New York. Facebook strebt an die Börse. Das soziale Netzwerk mit derzeit 845 Millionen Mitgliedern, davon 23 Millionen aus Deutschland, will in einem ersten Schritt fünf Milliarden Dollar einsammeln; später weitaus mehr. Es wäre der größte Internet-Börsen-Deal überhaupt. Der Börsenprospekt ist am Mittwochabend bei den zuständigen Stellen in New York eingegangen. Viele Fragen – erste Antworten.

Was ist die Philosophie von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg?

In dem offiziellen Brief an die Börsenaufsicht heißt es: „Facebook wurde ursprünglich nicht gegründet, um ein Unternehmen zu sein. Es wurde geschaffen, um eine soziale Mission zu erfüllen - die Welt offener und vernetzter zu machen. Wir entwickeln keine Dienste, um Geld zu machen; wir verdienen Geld, um bessere Dienste zu entwickeln.“ Kritiker halten das für Prosa und sagen: Zuckerberg will einfach nur noch reicher werden.

Gibt es einen konkreten Termin für den Börsengang?

Nein. Von der Vorlage des Prospektes bis zur ersten Nennung auf dem Kurszettel können Monate vergehen. Analysten rechnen mit Frühsommer 2012. Börsenheimat könnte die Stock Exchange in New York oder die Technologiebörse Nasdaq werden.

Was will Facebook erlösen?

Zunächst „nur“ fünf Milliarden Dollar. Facebook bewertet die einzelne Aktie intern selbst derzeit mit rund 30 Dollar. Börsen-Experten rechnen im Laufe des Jahres aber mit einer größeren Öffnung, die das Unternehmen bis zu 100 Milliarden Dollar schwer werden ließe. Facebook wäre damit auf einen Schlag auf dem Papier deutlich wertvoller als etablierte US-Unternehmen wie Ford, Goldman Sachs oder Caterpillar – und wertvoller als deutsche Großunternehmen wie RWE, Lufthansa und ThyssenKrupp zusammen. Die größten amerikanischen Banken wie Morgan Stanley, Merrill Lynch und JP Morgan sind mit dem Geschäft betraut worden.

Wie steht Facebook finanziell da?

Blendend. Laut Börsenprospekt hat das in Menlo Park/Kalifornien beheimatete Unternehmen im vergangenen Jahr bei einem Umsatz von 3,7 Milliarden Dollar rund 1 Milliarde Dollar verdient, 2010 waren es 606 Millionen, 2009 rund 229 Millionen Dollar. Haupteinnahmequelle zu 85 Prozent: Werbung.

Liegt nicht der Konkurrent Google deutlich besser?

Beim Umsatz – ja. Suchmaschinen-Gigant Google, geschätzte 190 Milliarden Dollar wert, hat zuletzt 38 Milliarden Dollar Umsatz gemacht. Analysten und Internet-Experten gehen aber davon aus, dass in Zukunft massiv mehr Werbung in Facebook platziert wird. Begründung: Das Netzwerk sei mit seinem gewaltigen Kundenstamm, der immer kleinteiligere Angaben über sich preisgibt, eine „dynamische Goldgrube“ für jedes Unternehmen, das für sich werben will. Facebook-Nutzer haben im vergangenen Jahr nach Angaben des Unternehmens im Schnitt zusammen rund 10 Milliarden Minuten im Netz zugebracht – pro Tag.

Wie sind die Besitzverhältnisse?

Mark Zuckerberg (27), der den Online-Kontaktdienst vor acht Jahren in seiner Studentenwohnung an der Elite-Uni Harvard aufbaute, hält 28,2 Prozent an der Firma. Einen künftigen Unternehmens-Wert an der Börse von rund 100 Milliarden Dollar unterstellt, wäre der sommersprossige T-Shirt-Träger aus Dobbs Ferry/New York bald 28facher Milliardär und damit einer der zehn reichsten Amerikaner. Weil andere Groß-Anteilseigener (Breyer, Moskovitz, DST und Thiel) ihre Rechte abgetreten haben, behält Zuckerberg die strategisch wichtige Stimmenkontrolle über 57 Prozent der Anteile. Er hält B-Aktien (eine Aktie = zehn Stimmen).

Beim Börsengang bekommt Otto Normalaktionär nur A-Aktien (eine Aktie = eine Stimme). Zuckerberg hat 2011 ein Gehalt plus Bonus von rund 700 000 Dollar bezogen; dazu wurden noch Flugreisekosten von 800 000 Dollar übernommen. Ab 2013 will sich der Chef nur noch das symbolische Gehalt von einem Dollar auszahlen lassen. Ebenfalls von einem Börsengang profitieren würden Top-Angestellte wie Geschäftsführerin Sheryl Sandberg, eine frühere Google-Führungskraft. Ihr Paket aus Gehalt und garantierten Aktien wurde zuletzt auf 30 Millionen Dollar taxiert. Insgesamt hat Facebook 3200 Angestellte, etwa 1000 würden laut „New York Times“ durch den Börsengang Millionäre.

Ist für den Fall des Todes von Zuckerberg vorgesorgt?

Ja, eine Nachfolge-Regelung ist im Börsenprospekt umrissen. Allerdings ohne Namen. Aus dem Umstand, dass Zuckerberg seinen Vater und seine Schwester Randi mit Aktienpaketen bedacht und einen hohen Funktionär der „Washington Post“ sowie den früheren Netscape-Chef Marc Andreesen im Aufsichsrat mit besonderen Befugnissen ausgestattet hat, schließen Börsianer eine Lösung, „die auf mehrere Schultern verteilt ist“.

Gibt es Schwachstellen oder Gefahren?

Facebook hat eine Internet-Ökonomie um sich herum aufgebaut. Der Spiele-Macher Zynga etwa macht 90 Prozent seiner Verkäufe via Facebook und sorgt mit Produkten wie „Farmville“ für 12 Prozent des Facebook-Umsatzes. Was, wenn es hier zu Einbrüchen kommt? Weil das Gros der Werbung bei Facebook auf Computern läuft, mobile Kleingeräte wie Smartphones Internet-Anzeigen aber nicht darstellen können, sehen Analysten Probleme. Neben über 20 anhängigen Patentklagen gilt auch die Tatsache, dass der riesige Markt China bisher noch nicht erschlossen werden konnte, als potenzielle Bremse für die Wachstumsphantasien. Apropos: Bei den Mitgliedern rückt offenbar in Teilen der Welt Sättigung näher. In den USA und Kanada hat das Unternehmen im vierten Quartal 2011 noch drei Millionen neue Teilnehmer gewinnen können, im Vergleichszeitraum im Jahr davor waren es über sieben Millionen.

Droht nicht auch Ungemach von staatlichen Stellen?

Ja. Eine noch nicht absehbare Störquelle stellt aus Sicht von Börsen-Fachleuten der anhängige Rechtsstreit von Facebook mit hohen US-Aufsichtsbehörden und der Europäischen Kommission wegen fortgesetzter Verstöße gegen die Privatsphäre der Mitglieder dar. Das ist die Achilles-Ferse des Unternehmens. Sie ist durch die umstrittene Lebens-Chronik-Funktion "Timeline" eher noch größer geworden.

Kritiker wie Andrew Keen, der sich in seinem neuen Buch „Digital Vertigo“ als Gründungsvater des „Facebook Widerstands“ ausgibt, glauben nicht, dass der Konzern seine einzige „harte Währung – die Informationsfülle über seine Mitglieder“ aus der Hand gibt oder regulieren lässt. Jeffrey Chester, Chef des Centrums für digitale Demokratie, geht davon aus, dass Facebook unter dem Druck einer Börsennotierung den mächtigen Werbekunden jede Möglichkeit eröffnen wird, die Facebook-Gemeinde passgenau mit Anzeigen zu bombardieren.