Bochumer Firma mit Initiativpreis NRW ausgezeichnet

Noreley Franco lernt im Defakto-Projekt nicht nur Deutsch. Sie führt anderen Kursteilnehmern auch Tänze aus ihrer kolumbianischen Heimat vor.
Noreley Franco lernt im Defakto-Projekt nicht nur Deutsch. Sie führt anderen Kursteilnehmern auch Tänze aus ihrer kolumbianischen Heimat vor.
Foto: Kai Kitschenberg
Über das Theaterspielen versucht die Bochumer Defakto GmbH Arbeitslose in neue Stellen zu bringen und Migranten Deutsch zu lehren. Dafür erhielt sie den Initiativpreis NRW von WGZ Bank und WAZ.

Herne. 20 Menschen aus elf Nationen sitzen um einen Adventskranz herum und singen aus voller Brust „Leise rieselt der Schnee“. Ihr Deutsch ist – noch – gebrochen und der Frau mit dem Kopftuch sieht man an, dass sie nicht aus dem christlichen Kulturkreis kommt, der Weihnachten feiert. Gelebte ­Integration ist an diesem Vormittag in Herne-Eickel nicht bloß ein ­Lippenbekenntnis.

Genau darin liegt auch das Ziel der Defakto GmbH, die seit 2013 in unterschiedlichen Projekten Migranten und Langzeitarbeitslosen Deutschkenntnisse vermittelt und sie auf der Theaterbühne fit macht für den Arbeitsmarkt. Für ihre Integrationsarbeit haben WGZ Bank und WAZ den Bochumern den Initiativpreis NRW 2015 verliehen.

400 Menschen werden pro Jahr geschult

In Bochum, Herne, Gelsenkirchen, Recklinghausen, ab Februar auch in Essen sowie bundesweit bietet Defakto Qualifizierungsprojekte an, die Vertreter unterschiedlicher Zielgruppen mit ihren Bildungsgutscheinen der Agentur für Arbeit in Anspruch nehmen. So werden pro Jahr rund 400 Menschen geschult und oft auch in neue Jobs vermittelt.

Ob Alleinerziehende, Langzeitarbeitslose oder Klienten unter 25 Jahren – Kern aller 20 bundesweiten Projekte sind Theaterstücke, die die Kursteilnehmer selbst schreiben, ­inszenieren und zur Aufführung bringen. „Die Menschen können sich vom ersten Tag einbringen und bekommen das Gefühl, gebraucht zu werden“, sagt Defakto-Geschäftsführer Hajo Tippmann. „Die Methode der Theaterpädagogik ist ergebnisorientiert. Dabei lernen die Teilnehmer, im Team zu arbeiten.“ Erfahrungen, die sie im Berufsleben brauchen werden. Auf Theaterpädagogik setzen viele Anbieter.

„Das wird ihre Geschichte“

Die Herner Gruppe mit Migranten aus elf Ländern beschäftigt sich gerade mit den Bremer Stadtmusikanten. Unter Anleitung der Theaterpädagogin Viola Niepel schreiben sie das Märchen um. „Das wird ihre Geschichte“, sagt Niepel. Bei Defakto ist man davon überzeugt, dass Theater mit seinen mehr als 80 Berufen eine ideale Vorbereitung für das Arbeitsleben ist. „Es fördert aber auch das freie Sprechen“, meint die Pädagogin. Eine Fähigkeit, die ihnen bei Vorstellungs­gesprächen zugute kommen soll.

Mit diesem Anspruch nimmt auch Noreley Franco an dem neunmonatigen Kurs teil. Vor 19 Jahren kam die gelernte Linergistin, die sich auf permanentes Make up ­spezialisiert hat, nach Deutschland. Der Liebe wegen. „Ich will meine Deutschkenntnisse perfektionieren“, sagt die Kolumbianerin. Beim Theaterspielen ist sie eine Stütze.

Vermittlungsquote von 42 Prozent

Am 12. April feiert die Gruppe mit ihren Bremer Stadtmusikanten Premiere in den Herner Flottmann-Hallen. Unter den 200 geladenen Gästen werden dann neben Kammer-Repräsentanten, Wirtschaftsförderern und Politikern auch zahlreiche Unternehmensvertreter aus der Region sein, die die Mitglieder des Ensembles möglichst einstellen sollen. „Wir haben eines großes Netzwerk. Oft können wir die Teilnehmer auf der menschelnden ­Ebene unterbringen“, sagt Defakto-Geschäftsführer Tippmann. Nach seinen Angaben werden im Schnitt 42 Prozent der Absolventen der Qualifizierungsangebote in sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse vermittelt. Wei­tere 33 Prozent hätten Anschluss-Perspektiven etwa über ein Studium oder als Brücke in eine Ausbildung.

Wer vermittelt wird, erhält von dem Defakto-Team mit seinen 25 festangestellten und ebenso vielen freien Mitarbeitern eine sechs­monatige Nachbetreuung, um die neue Beschäftigung zu stabilisieren, wie Tippmann meint. Noreley Franco hofft, dass sie nach Abschluss des Projekts fließend Deutsch sprechen kann. „Das ist mein Traum“, sagt sie erwartungsvoll.

 
 

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