Bankgründer will neue Ära im Finanzwesen einleiten

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Essen. Der Belgier Francois Jozic hat eine Bank gegründet, bei der vieles anders funktionieren soll. Im Interview erklärt er, wie ein Geschäftsmodell ohne Spekulation ausssehen könnte - und warum die Banker von heute Ähnlichkeit haben mit den französischen Aristokraten vor der Revolution.

Mit Finanz-Spekulationen will Francois Jozic nichts zu tun haben. Der 36-jährige Belgier gründete daher Anfang November die Noa Bank. Sie hat ihren Sitz in Frankfurt, eine Filiale in Düsseldorf - und will alles anders machen als die heutigen Geldinstitute. Ein Interview mit dem Bankgründer.

Was genau ist die Noa Bank?

Francois Jozic: Im Privatkundengeschäft ist sie im Prinzip eine Direktbank, die mit den Kunden über Telefon und Internet verkehrt. Das Kreditgeschäft mit mittelständischen Firmenkunden läuft indessen über Bankberater, die zu den Kunden gehen. Schrittweise sollen weitere Filialen in Metropolen eröffnet werden.

Warum haben Sie eine eigene Bank gegründet?

Jozic: Angesichts der weltweiten Finanzkrise war ich schockiert, welche Rolle Spekulationen gespielt haben. Ich arbeite seit Jahren mit Banken zusammen, die Krise an sich überraschte mich daher nicht. Was mich überraschte, war das Ausmaß der Krise. Mir ist klar geworden: Wir sind alle Opfer der Banken – und gleichzeitig verantwortlich. Man leiht Banken blind Geld und fragt nicht, wohin es fließt. Das wurde mir bewusst im September 2008, als die US-Investmentbank Lehman Brothers pleite ging. Und ich dachte: gemeinschaftlich kann man etwas ändern. Ich möchte aber kein Banker sein und keiner werden.

Was wollen Sie im Bankwesen anders machen?

Jozic: Wir gehen zurück zu den Wurzeln im Bankgeschäft: Aus den Einlagen unserer Privatkunden verleihen wir Geld an kleine und mittelständische Unternehmen. Spekulationen sind tabu. Unser Gewinn ist die Differenz zwischen den Zinsen für Kredite, die derzeit bei 8 bis 10 Prozent liegen, und den Zinsen für Tagesgeld - derzeit 2,2 Prozent - und Festgeld – derzeit bis zu drei Prozent Zinsen.

Ist das das einzig andere?

Jozic: Nein. Wir wollen zudem Kredite transparent machen und Privatanleger entscheiden lassen, in welche Branche ihr Geld fließen soll: Ein Anleger kann zwischen vier Themenkonten entscheiden: „Region“ – hier wird Geld an regionale Firmen verliehen, „Planet“ – hier fließt das Geld in Anlagen für erneuerbare Energien und Naturschutz, „Leben“ – Kredite gehen hier in die Gesundheits- und Pflegebranche und Finanzierungen in „Kultur-Einrichtungen“. Alle vergebenen Kredite kann man auf unserer Webseite einsehen.

Wie sicher ist das Geld der Anleger?

Jozic: Als deutsche Bank sind wir Mitglied im gesetzlichen Einlagensicherungsfonds. Also sind je Kunde Einlagen bis zu 50 000 Euro geschützt.

Sie sind kein Banker – holten Sie sich Banker in die Noa Bank?

Jozic: Ja. Unsere zwei Geschäftsführer haben jahrelange Erfahrung in der Branche. Friedrich-Leopold Freiherr von Stechow arbeitete unter anderem für Sal. Oppenheim, das Düsseldorfer Geldinstitut Trinkaus & Burkhardt und war Vorstand bei der Frankfurter DG/DZ-Bank. Heinrich Südbeck arbeitete in Vorstandspositionen bei diversen Volks- und Raiffeisenbanken.

Bei ihnen holen Sie sich also Ratschläge im Bankbereich. Wer ist denn Ihr größter Kritiker?

Jozic: Meine Frau ist eine sehr gute Kritikerin. Sie hat mit Banken nichts zu tun: Sie ist Malerin. Außerdem suche ich Rat bei erfahrenen Menschen, die ich kenne. Ich bin definitiv ein Teamplayer. Für die Noa Bank werbe ich erstmals als Person, mit meinem Gesicht und meiner Stimme. Denn ich finde es wichtig, dass sich die Menschen mit jemandem identifizieren können. Ein junges Mädchen, das durch die Natur läuft, fände ich als Bank-Werbung unglaubwürdig. Und: Ich war vor 2008 auch blind und sah nicht, was in der Finanzwelt passierte.

Was kritisieren Sie an der Bankenwelt?

Jozic: Viele Banker sind heutzutage wie die französische Aristokratie vor der Revolution 1789: Sie wollen nicht sehen, was passiert, sondern bleiben in ihrem Elfenbeinturm. In der aktuellen Krise ist etwas mächtig schief gegangen. Das hat sich nicht verändert: weiterhin gibt es hohe Bonuszahlungen und weiterhin wird spekuliert. Das stört mich. Ich will eine neue Ära im Bankwesen einleiten – und zurück zu den Wurzeln gehen: Geld einsammeln und Geld ausleihen.

Wie viele Kunden zieht dieses Bankmodell an?

Jozic: Nach den ersten zehn Tagen haben wir bereits etwa 1400 Kunden, die einen Kontoantrag unterzeichnet oder um Anträge gebeten haben. Von den ersten Einlagen sind 54 Prozent dieses Geldes für das Themenkonto „Region“ bestimmt, 34 Prozent für das „Planet“-Konto, 11 Prozent für das „Leben“-Konto und ein Prozent fürs „Kultur“-Themenkonto. Kreditnachfragen liegen uns bisher von 73 mittelständischen Firmen vor. Bisher haben wir Kredite in einem Volumen von einer Millionen Euro vergeben. Die Kredit-Anfragen stammen vor allem von Firmen aus NRW – hier machen wir bis jetzt die intensivste Werbung.

Haben Sie eigentlich Erfahrungen im Bankwesen?

Jozic: Ich habe während meines Wirtschaftsstudiums im belgischen Lüttich begonnen, als Berater von kleinen Firmen zu arbeiten. Da war ich 21 Jahre alt. Ich half diesen Firmen, Kredite bei Banken zu bekommen. Denn ich habe die Erfahrung gemacht: Ein Familienunternehmer spricht mit Leidenschaft über sein Geschäft – aber sobald er mit Bankern redet, verändert er sich, wird leidenschaftsloser. Da sah ich eine Chance, als Berater tätig zu werden. Ich hatte mit Anfang 20 dazu die nötigen Ideen. Allerdings merkte ich auch, dass Banken oft nur zögerlich Geld verliehen.

Ist das Ihre ganze Erfahrung?

Jozic: Nein, es ging weiter. Damals dachte ich mir: Wenn Banken Unternehmen kein Geld zur Verfügung stellen, dann mache ich das eben. Ich gründete 2004 in Düsseldorf Quorum AG, ein Factoring-Dienstleister. Der kauft Unternehmen Forderungen ab, gegen Gebühr. Die Unternehmen haben dadurch sofort Umsatz, also Geld in der Kasse und müssen nicht erst warten, bis jemand eine Rechnung begleicht. Derzeit hat Quorum etwa 570 Firmenkunden und machte 2008 einen Umsatz von 432 Millionen Euro.

Wie viele Kunden möchten Sie für die Noa Bank gewinnen?

Jozic: Im besten Falle bis Anfang 2016 etwa 500 000 Kunden. Im schlechtesten Falle rechnen wir bis dahin mit 50 000 Kunden. Aber auch schon mit ein paar tausend Kunden arbeiten wir profitabel. Die Gewinnschwelle wollen wir aber bereits im Mai 2011 erreichen.

Sie kritisieren überzogene Banker-Bonuszahlungen. Wie entlohnen Sie Ihre derzeit 30 Mitarbeiter in Düsseldorf und Frankfurt? Und wie viel Gehalt zahlen Sie sich selbst?

Jozic: Unsere Mitarbeiter erhalten neben dem Fixgehalt Zahlungen, die allein von der Zufriedenheit der Noa-Bank-Kunden abhängen. Um herauszufinden, ob unsere Kunden „begeistert“, „zufrieden“ oder „nicht zufrieden“ sind, machen wir Umfragen – intern, aber auch durch ein unabhängiges Forschungsinstitut. Ich selber werde als Anteilseigner der Bank eine Dividende erhalten. Auch unsere Bankkunden wollen wir in Zukunft am Gewinn teilhaben lassen: Sie erhalten 50 Prozent des ausgeschütteten Gewinns.

War es einfach, die Noa Bank zu gründen?

Jozic: Die Noa Bank wurde auf den Fundamenten einer bereits bestehenden Bank gegründet: der Bankhaus Zwirn GmbH & Col KG. Sie gehörte zuvor einem amerikanischen Hedgefonds und hatte bereits eine Vollbank-Lizenz sowie eine IT-Infrastruktur. Im Prinzip haben wir ein Haus gekauft und mussten es dann mit unseren Leuten füllen – mit Mitarbeitern, die unserer Geschäftsphilosophie entsprechen: Keine Spekulationen, Transparenz.

Wie kamen Sie eigentlich auf den Namen Noa Bank?

Jozic: Ich wollte einen einfachen kurzen Namen, der sich von anderen Banknamen unterscheidet. Der Name sollte auch einen weiblichen Touch haben. Denn Frauen haben ein anderes Verantwortungsgefühl. Uns lagen 150 Vorschläge von Agenturen, Quorum-Mitarbeitern und Freunden vor. „Noa“ hat mir sofort gefallen. Der Name hat aber absolut nichts mit der Arche Noah zu tun – in meiner Muttersprache, Französisch, heißt der biblische Noah nämlich „Noé“.

Sprechen Sie auch Deutsch?

Jozic: Ja, aber ich mache viele Fehler, auch wenn ich es gut verstehe. Ich arbeite ja unter der Woche in Düsseldorf. Daher spreche ich in Interviews lieber Englisch. Deutsch ist wirklich schwerer für mich als Spanisch – ich lebe mit meiner Familie in Barcelona. Denn meine Muttersprache, Französisch, ist eben dem Spanischen näher. Mein Deutsch wird sich aber bessern: In den nächsten fünf Jahren will ich mich mit der Noa Bank auf Deutschland konzentrieren. Erst danach steht eventuell eine Ausdehnung auf andere europäische Länder an. Dann bräuchten wir allerdings einen starken Partner. Das könnte ein privater Investor sein oder aber eine Bank, die unsere Geschäftsphilosophie mitträgt. Ein Börsengang ist aber nicht geplant.

Warum gründet eigentlich ein Belgier in Düsseldorf Unternehmen?

Jozic: Vor der Quorum-Gründung habe ich mir den belgischen, französischen und deutschen Factoring-Markt angeschaut – und mich für Deutschland entschieden. Hier ist das Factoring noch unterentwickelt. Außerdem grenzt NRW an Belgien, es war also kein großer Schritt.

Hängen die Noa Bank und Quorum zusammen?

Jozic: Es sind zwei unabhängige Unternehmen, die aber einer Holding gehören: Der Strategis GmbH. Die gehört meinem Partner Frederic Lodewyk und mir. Mein langfristiges Ziel ist aber, Quorum und die Noa Bank zu einem Unternehmen zusammenzuführen, da sich beide Geschäftsbereiche gut ergänzen.

 
 

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